Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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"Halt, hier wird nicht ausgekniffen", sagte Wjera Schulin belustigt.
Sie beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person
nichts zu verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters
an, eine Noetigung meiner Natur haette mich an die Tuer getrieben; sie
ergriff meine Hand und fing schon an zu gehen und wollte mich, halb
vertraulich, halb hochmuetig, irgendwohin mitziehen. Dieses intime
Missverstaendnis kraenkte mich ueber die Massen. Ich riss mich los und sah
sie boese an. "Das Haus will ich sehen", sagte ich stolz. Sie begriff
nicht.
"Das grosse Haus draussen an der Treppe."
"Schaf", machte sie und haschte nach mir, "da ist doch gar kein Haus
mehr." Ich bestand darauf.
"Wir gehen einmal bei Tage hin", schlug sie einlenkend vor, "jetzt
kann man da nicht herumkriechen. Es sind Loecher da, und gleich
dahinter sind Papas Fischteiche, die nicht zufrieren duerfen. Da
faellst du hinein und wirst ein Fisch."
Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da
sassen sie alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an:
die gehen natuerlich nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich
veraechtlich; wenn Maman und ich hier wohnten, so waere es immer da.
Maman sah zerstreut aus, waehrend alle zugleich redeten. Sie dachte
gewiss an das Haus.
Zoe setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein
gutgeordnetes Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit
erneute, als saehe sie bestaendig etwas ein. Mein Vater sass etwas nach
rechts geneigt und hoerte der Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin
stand zwischen Maman und seiner Frau und erzaehlte etwas. Aber die
Graefin unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.
"Nein, Kind, das bildest du dir ein", sagte der Graf gutmuetig, aber er
hatte auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte ueber
den beiden Damen. Die Graefin war von ihrer sogenannten Einbildung
nicht abzubringen. Sie sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der
nicht gestoert sein will. Sie machte kleine, abwinkende Bewegungen mit
ihren weichen Ringhaenden, jemand sagte "sst", und es wurde ploetzlich
ganz still.
Hinter den Menschen draengten sich die grossen Gegenstaende aus dem alten
Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber glaenzte und woelbte
sich, als saehe man es durch Vergroesserungsglaeser. Mein Vater sah sich
befremdet um.
"Mama riecht", sagte Wjera Schulin hinter ihm, "da muessen wir immer
alle still sein, sie riecht mit den Ohren", dabei aber stand sie
selbst mit hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.
Die Schulins waren in dieser Beziehung ein bisschen eigen seit dem
Brande. In den engen, ueberheizten Stuben kam jeden Augenblick ein
Geruch auf, und dann untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung
ab. Zoe machte sich am Ofen zu tun, sachlich und gewissenhaft, der
Graf ging umher und stand ein wenig in jeder Ecke und wartete; "hier
ist es nicht", sagte er dann. Die Graefin war aufgestanden und wusste
nicht, wo sie suchen sollte. Mein Vater drehte sich langsam um sich
selbst, als haette er den Geruch hinter sich. Die Marchesin, die
sofort angenommen hatte, dass es ein garstiger Geruch sei, hielt ihr
Taschentuch vor und sah von einem zum andern, ob es vorueber waere.
"Hier, hier", rief Wjera von Zeit zu Zeit, als haette sie ihn. Und um
jedes Wort herum war es merkwuerdig still. Was mich angeht, so hatte
ich fleissig mitgerochen. Aber auf einmal (war es die Hitze in den
Zimmern oder das viele nahe Licht) ueberfiel mich zum erstenmal in
meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, dass alle
die deutlichen grossen Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht
hatten, gebueckt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem
beschaeftigten; dass sie zugaben, dass da etwas war, was sie nicht sahen.
Und es war schrecklich, dass es staerker war als sie alle.
Meine Angst steigerte sich. Mir war, als koennte das, was sie suchten,
ploetzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann wuerden sie es
sehen und nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman
hinueber. Sie sass eigentuemlich gerade da, mir kam vor, dass sie auf
mich wartete. Kaum war ich bei ihr und fuehlte, dass sie innen zitterte,
so wusste ich, dass das Haus jetzt erst wieder verging.
"Malte, Feigling", lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber
wir liessen einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir
blieben so, Maman und ich, bis das Haus wieder ganz vergangen war.
Am reichsten an beinah unfassbaren Erfahrungen waren aber doch die
Geburtstage. Man wusste ja schon, dass das Leben sich darin gefiel,
keine Unterschiede zu machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem
Recht auf Freude auf, an dem nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich
war das Gefuehl dieses Rechts ganz frueh in einem ausgebildet worden, zu
der Zeit, da man nach allem greift und rein alles bekommt und da man
die Dinge, die man gerade festhaelt, mit unbeirrbarer Einbildungskraft
zu der grundfarbigen Intensitaet des gerade herrschenden Verlangens
steigert.
Dann aber kommen auf einmal jene merkwuerdigen Geburtstage, da man, im
Bewusstsein dieses Rechtes voellig befestigt, die anderen unsicher
werden sieht. Man moechte wohl noch wie frueher angekleidet werden und
dann alles Weitere entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft
jemand draussen, die Torte sei noch nicht da; oder man hoert, dass etwas
zerbricht, waehrend nebenan der Geschenktisch geordnet wird; oder es
kommt jemand herein und laesst die Tuere offen, und man sieht alles, ehe
man es haette sehen duerfen. Das ist der Augenblick, wo etwas wie eine
Operation an einem geschieht. Ein kurzer, wahnsinnig schmerzhafter
Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut, ist geuebt und fest. Es ist
gleich vorbei. Und kaum ist es ueberstanden, so denkt man nicht mehr
an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die anderen zu beobachten,
ihren Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer Einbildung zu bestaerken, dass
sie alles trefflich bewaeltigen. Sie machen es einem nicht leicht. Es
erweist sich, dass sie von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind,
beinahe stupide. Sie bringen es zuwege, mit irgendwelchen Paketen
hereinzukommen, die fuer andere Leute bestimmt sind; man laeuft ihnen
entgegen und muss hernach tun, als liefe man ueberhaupt in der Stube
herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu. Sie
wollen einen ueberraschen und heben mit oberflaechlich nachgeahmter
Erwartung die unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter
nichts ist als Holzwolle; da muss man ihnen ihre Verlegenheit
erleichtern. Oder wenn es etwas Mechanisches war, so ueberdrehen sie
das, was sie einem geschenkt haben, beim ersten Aufziehen. Es ist
deshalb gut, wenn man sich beizeiten uebt, eine ueberdrehte Maus oder
dergleichen unauffaellig mit dem Fuss weiterzustossen: auf diese Weise
kann man sie oft taeuschen und ihnen ueber die Beschaemung forthelfen.
Das alles leistete man schliesslich, wie es verlangt wurde, auch ohne
besondere Begabung. Talent war eigentlich nur noetig, wenn sich einer
Muehe gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutmuetig, eine Freude,
und man sah schon von weitem, dass es eine Freude fuer einen ganz
anderen war, eine vollkommen fremde Freude; man wusste nicht einmal
jemanden, dem sie gepasst haette: so fremd war sie.
Dass man erzaehlte, wirklich erzaehlte, das muss vor meiner Zeit gewesen
sein. Ich habe nie jemanden erzaehlen hoeren. Damals, als Abelone mir
von Mamans Jugend sprach, zeigte es sich, dass sie nicht erzaehlen koenne.
Der alte Graf Brahe soll es noch gekonnt haben. Ich will
aufschreiben, was sie davon wusste.
Abelone muss als ganz junges Maedchen eine Zeit gehabt haben, da sie von
einer eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der
Stadt, in der Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie
abends spaet hinauf in ihr Zimmer kam, so meinte sie muede zu sein wie
die anderen. Aber dann fuehlte sie auf einmal das Fenster und, wenn
ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der Nacht stehn,
stundenlang, und denken: das geht mich an. "Wie ein Gefangener stand
ich da", sagte sie, "und die Sterne waren die Freiheit." Sie konnte
damals einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck
In-den-Schlaf-fallen passt nicht fuer dieses Maedchenjahr. Schlaf war
etwas, was mit einem stieg, und von Zeit zu Zeit hatte man die Augen
offen und lag auf einer neuen Oberflaeche, die noch lang nicht die
oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im Winter, wenn die
anderen schlaefrig und spaet zum spaeten Fruehstueck kamen. Abends, wenn
es dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter fuer alle, gemeinsame
Lichter. Aber diese beiden Kerzen ganz frueh in der neuen Dunkelheit,
mit der alles wieder anfing, die hatte man fuer sich. Sie standen in
ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die kleinen,
ovalen, mit Rosen bemalten Tuellschirme, die von Zeit zu Zeit
nachgerueckt werden mussten. Das hatte nichts Stoerendes; denn einmal
war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, dass man
manchmal aufsehen musste und nachdenken, wenn man an einem Brief
schrieb oder in das Tagebuch, das frueher einmal mit ganz anderer
Schrift, aengstlich und schoen, begonnen war.
Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Toechtern. Er hielt es
fuer Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen.
("Ja, teilen--", sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die
Leute ihm von seinen Toechtern erzaehlten; er hoerte aufmerksam zu, als
wohnten sie in einer anderen Stadt.
Es war deshalb etwas ganz Ausserordentliches, dass er einmal nach dem
Fruehstueck Abelone zu sich winkte: "Wir haben die gleichen Gewohnheiten,
wie es scheint, ich schreibe auch ganz frueh. Du kannst mir helfen."
Abelone wusste es noch wie gestern.
Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett gefuehrt,
das im Rufe der Unzugaenglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in
Augenschein zu nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen
ueber an den Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene schien mit Buechern
und Schriftstoessen als Ortschaften.
Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, dass Graf Brahe seine
Memoiren schriebe, hatten nicht voellig unrecht. Nur dass es sich nicht
um politische oder militaerische Erinnerungen handelte, wie man mit
Spannung erwartete. "Die vergesse ich", sagte der alte Herr kurz wenn
ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht
vergessen wollte, das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es
war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach, dass jene sehr entfernte
Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, dass sie, wenn er seinen Blick
nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen Sommernacht,
gesteigert und schlaflos.
Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, dass sie
flackerten. Oder ganze Saetze mussten wieder durchgestrichen werden,
und dann ging er heftig hin und her und wehte mit seinem nilgruenen,
seidenen Schlafrock. Waehrend alledem war noch eine Person zugegen,
Sten, des Grafen alter, juetlaendischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es
war, wenn der Grossvater aufsprang, die Haende schnell ueber die
einzelnen losen Blaetter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf dem
Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, dass das
heutige Papier nichts tauge, dass es viel zu leicht sei und davonfliege
bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange
obere Haelfte sah, teilte diesen Verdacht und sass gleichsam auf seinen
Haenden, lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel.
Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu
lesen, und niemand von der Dienerschaft haette je sein Zimmer betreten
moegen, weil es hiess, dass er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je
Umgang mit Geistern gehabt, und Sten war fuer diesen Verkehr ganz
besonders vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas erschienen in der
Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte grosse, runde Augen, und das andere
Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah.
Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst
jemanden nach seinen Angehoerigen fragt: "Kommen sie, Sten?" sagte er
wohlwollend. "Es ist gut, wenn sie kommen."
Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte
Abelone 'Eckernfoerde' nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie
hatte ihn nie gehoert. Der Graf, der im Grunde schon lange einen
Vorwand suchte, das Schreiben aufzugeben, das zu langsam war fuer seine
Erinnerungen stellte sich unwillig.
"Sie kann es nicht schreiben", sagte er scharf, "und andere werden es
nicht lesen koennen. Und werden sie es ueberhaupt sehen, was ich da
sage?" fuhr er boese fort und liess Abelone nicht aus den Augen.
"Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?" schrie er sie an.
"Haben wir Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der
Marquis von Belmare."
Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell
weiter, dass man nicht mitkonnte.
"Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber
mich nahm er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in
seine Diamantknoepfe zu beissen. Das freute ihn. Er lachte und hob mir
den Kopf, bis wir einander in die Augen sahen: 'Du hast ausgezeichnete
Zaehne', sagte er, 'Zaehne, die etwas unternehmen...'--Ich aber merkte
mir seine Augen. Ich bin spaeter da und dort herumgekommen. Ich habe
allerhand Augen gesehen, kannst du mir glauben: solche nicht wieder.
Fuer diese Augen haette nichts da sein muessen, die hattens in sich. Du
hast von Venedig gehoert? Gut. Ich sage dir, die haetten Venedig hier
hereingesehen in dieses Zimmer, dass es da gewesen waere, wie der Tisch.
Ich sass in der Ecke einmal und hoerte, wie er meinem Vater von Persien
erzaehlte, manchmal mein ich noch, mir riechen die Haende davon. Mein
Vater schaetzte ihn, und Seine Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie
sein Schueler. Aber es gab natuerlich genug, die ihm uebelnahmen, dass er
an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in ihm war. Das konnten
sie nicht begreifen, dass der Kram nur Sinn hat, wenn man damit geboren
wird."
"Die Buecher sind leer", schrie der Graf mit einer wuetenden Gebaerde
nach den Waenden hin, "das Blut, darauf kommt es an, da muss man drin
lesen koennen. Er hatte wunderliche Geschichten drin und merkwuerdige
Abbildungen, dieser Belmare; er konnte aufschlagen, wo er wollte, da
war immer was beschrieben; keine Seite in seinem Blut war ueberschlagen
worden. Und wenn er sich einschloss von Zeit zu Zeit und allein drin
blaetterte, dann kam er zu den Stellen ueber das Goldmachen und ueber die
Steine und ueber die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden
haben? Es steht sicher irgendwo."
"Er haette gut mit einer Wahrheit leben koennen, dieser Mensch, wenn er
allein gewesen waere. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein
mit einer solchen. Und er war nicht so geschmacklos, die Leute
einzuladen, dass sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten; die sollte
nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr Orientale. 'Adieu,
Madame', sagte er ihr wahrheitsgemaess, 'auf ein anderes Mal.
Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas kraeftiger und ungestoerter.
Ihre Schoenheit ist ja doch erst im Werden, Madame', sagte er, und das
war keine blosse Hoeflichkeit. Damit ging er fort und legte draussen fuer
die Leute seinen Tierpark an, eine Art Jardin d'Acclimatation fuer die
groesseren Arten von Luegen, die man bei uns noch nie gesehen hatte, und
ein Palmenhaus von UEbertreibungen und eine kleine, gepflegte Figuerie
falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten, und er ging
herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz fuer seine Gaeste
da."
"Eine oberflaechliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine
Ritterlichkeit gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei
konserviert."
Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die
er vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und warf
herausfordernde Blicke auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen
Augenblicke sich in den verwandeln, an den er dachte. Aber Sten
verwandelte sich noch nicht.
"Man muesste ihn sehen," fuhr Graf Brahe versessen fort. "Es gab eine
Zeit, wo er durchaus sichtbar war, obwohl in manchen Staedten die
Briefe, die er empfing, an niemanden gerichtet waren: es stand nur der
Ort darauf, sonst nichts. Aber ich hab ihn gesehen."
"Er war nicht schoen." Der Graf lachte eigentuemlich eilig. "Auch
nicht, was die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer
Vornehmere neben ihm. Er war reich: aber das war bei ihm nur wie ein
Einfall, daran konnte man sich nicht halten. Er war gut gewachsen,
obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte damals natuerlich nicht
beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf Wert gelegt
wird--: aber er war."
Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas
in den Raum hinein, was blieb.
In diesem Moment gewahrte er Abelone.
"Siehst du ihn?" herrschte er sie an. Und ploetzlich ergriff er den
einen silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.
Abelone erinnerte sich, dass sie ihn gesehen habe.
In den naechsten Tagen wurde Abelone regelmaessig gerufen, und das
Diktieren ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf
stellte nach allerhand Papieren seine fruehesten Erinnerungen an den
Bernstorffschen Kreis zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle
spielte. Abelone war jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit
eingestellt, dass, wer die beiden sah, ihre zweckdienliche
Gemeinsamkeit leicht fuer ein wirkliches Vertrautsein nehmen konnte.
Einmal, als Abelone sich schon zurueckziehen wollte, trat der alte Herr
auf sie zu, und es war, als hielte er die Haende mit einer UEberraschung
hinter sich: "Morgen schreiben wir von Julie Reventlow", sagte er und
kostete seine Worte: "das war eine Heilige."
Wahrscheinlich sah Abelone ihn unglaeubig an.
"Ja, ja, das giebt es alles noch", bestand er in befehlendem Tone, "es
giebt alles, Komtesse Abel."
Er nahm Abelonens Haende und schlug sie auf wie ein Buch.
"Sie hatte die Stigmata", sagte er, "hier und hier." Und er tippte
mit seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflaechen.
Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen,
dachte sie; sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hoeren, die
ihr Vater noch gesehen hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht
am naechsten Morgen und auch spaeter nicht.-"Von der Graefin Reventlow
ist ja dann oft bei euch gesprochen worden", schloss Abelone kurz, als
ich sie bat, mehr zu erzaehlen. Sie sah muede aus; auch behauptete sie,
das Meiste vergessen zu haben. "Aber die Stellen fuehl ich noch
manchmal", laechelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah
neugierig in ihre leeren Haende.
Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war
nicht mehr in unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer
Etagenwohnung, die mir feindsaelig und befremdlich schien. Ich war
damals schon im Ausland und kam zu spaet.
Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen.
Der Geruch der Blumen war unverstaendlich wie viele gleichzeitige
Stimmen. Sein schoenes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden
waren, hatte einen Ausdruck hoeflichen Erinnerns. Er war eingekleidet
in die Jaegermeisters-Uniform, aber aus irgendeinem Grunde hatte man
das weisse Band aufgelegt, statt des blauen. Die Haende waren nicht
gefaltet, sie lagen schraeg uebereinander und sahen nachgemacht und
sinnlos aus. Man hatte mir rasch erzaehlt, dass er viel gelitten habe:
es war nichts davon zu sehen. Seine Zuege waren aufgeraeumt wie die
Moebel in einem Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war
zumute, als haette ich ihn schon oefter tot gesehen: so gut kannte ich
das alles.
Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses
bedrueckende Zimmer, das Fenster gegenueber hatte, wahrscheinlich die
Fenster anderer Leute. Neu war es, dass Sieversen von Zeit zu Zeit
hereinkam und nichts tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte
ich fruehstuecken. Mehrmals wurde mir das Fruehstueck gemeldet. Mir lag
durchaus nichts daran, zu fruehstuecken an diesem Tage. Ich merkte
nicht, dass man mich forthaben wollte; schliesslich, da ich nicht ging,
brachte Sieversen es irgendwie heraus, dass die AErzte da waeren. Ich
begriff nicht, wozu. Es waere da noch etwas zu tun, sagte Sieversen
und sah mich mit ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas
ueberstuerzt, zwei Herren herein: das waren die AErzte. Der vordere
senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als haette er Hoerner und wollte
stossen, um uns ueber seine Glaeser fort anzusehen: erst Sieversen, dann
mich.
Er verbeugte sich mit studentischer Foermlichkeit. "Der Herr
Jaegermeister hatte noch einen Wunsch", sagte er genau so, wie er
eingetreten war; man hatte wieder das Gefuehl, dass er sich ueberstuerzte.
Ich noetigte ihn irgendwie, seinen Blick durch seine Glaeser zu richten.
Sein Kollege war ein voller, duennschaliger, blonder Mensch; es fiel
mir ein, dass man ihn leicht zum Erroeten bringen koennte. Darueber
entstand eine Pause. Es war seltsam, dass der Jaegermeister jetzt noch
Wuensche hatte.
Ich blickte unwillkuerlich wieder hin in das schoene, gleichmaessige
Gesicht. Und da wusste ich, dass er Sicherheit wollte. Die hatte er im
Grunde immer gewuenscht. Nun sollte er sie bekommen.
"Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte."
Ich verneigte mich und trat zurueck. Die beiden AErzte verbeugten sich
gleichzeitig und begannen sofort sich ueber ihre Arbeit zu verstaendigen.
Jemand rueckte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der AEltere
machte nochmals ein paar Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen
Naehe streckte er sich vor, um das letzte Stueck Weg zu ersparen, und
sah mich boese an.
"Es ist nicht noetig", sagte er, "das heisst, ich meine, es ist
vielleicht besser, wenn Sie... "
Er kam mir vernachlaessigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und
eiligen Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, dass
ich mich schon wieder verneigte.
"Danke", sagte ich knapp. "Ich werde nicht stoeren."
Ich wusste, dass ich dieses ertragen wuerde und dass kein Grund da war,
sich dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen muessen. Das war
vielleicht der Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie
es ist, wenn jemand durch die Brust gestochen wird. Es schien mir in
der Ordnung, eine so merkwuerdige Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie
sich zwanglos und unbedingt einstellte. An Enttaeuschungen glaubte ich
damals eigentlich schon nicht mehr; also war nichts zu befuerchten.
Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das
Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten
zusammengesetzt, die sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man
ueber sie weg und merkt nicht, dass sie fehlen, schnell wie man ist.
Die Wirklichkeiten aber sind langsam und unbeschreiblich ausfuehrlich.
Wer haette zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die
breite, hohe Brust blossgelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon
die Stelle heraus, um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte
Instrument drang nicht ein. Ich hatte das Gefuehl, als waere ploetzlich
alle Zeit fort aus dem Zimmer. Wir befanden uns wie in einem Bilde.
Aber dann stuerzte die Zeit nach mit einem kleinen, gleitenden Geraeusch,
und es war mehr da, als verbraucht wurde. Auf einmal klopfte es
irgendwo. Ich hatte noch nie so klopfen hoeren: ein warmes,
verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein Gehoer gab es weiter, und ich
sah zugleich, dass der Arzt auf Grund gestossen war. Aber es dauerte
eine Weile, bevor die beiden Eindruecke in mir zusammenkamen. So, so,
dachte ich, nun ist es also durch. Das Klopfen war, was das Tempo
betrifft, beinah schadenfroh.
Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er
war voellig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der
gleich weiter musste. Es war keine Spur von Genuss oder Genugtuung
dabei. Nur an seiner linken Schlaefe hatten sich ein paar Haare
aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt. Er zog das Instrument
vorsichtig zurueck, und es war etwas wie ein Mund da, aus dem zweimal
hintereinander Blut austrat, als sagte er etwas Zweisilbiges. Der
junge, blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in
seine Watte auf. Und nun blieb die Wunde ruhig, wie ein geschlossenes
Auge.
Es ist anzunehmen, dass ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal
recht bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein
zu finden. Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und
das weisse Band lag darueber wie vorher. Aber nun war der Jaegermeister
tot, und nicht er allein. Nun war das Herz durchbohrt, unser Herz,
das Herz unseres Geschlechts. Nun war es vorbei. Das war also das
Helmzerbrechen: "Heute Brigge und nimmermehr", sagte etwas in mir.
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