Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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15 Etext reformatted by Michael Pullen
globaltraveler5565@yahoo.com
Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
Rainer Marie Rilke
Ich sehe seit einer Weile ein, dass ich Menschen, die in der Entwicklung
ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen muss, in den
Aufzeichnungen Analogien fuer das zu finden, was sie durchmachen; wer der
Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht, muss notwendig abwaerts
kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen werden, die es
gewissermassen gegen den Strom zu lesen unternehmen.
Diese Aufzeichnungen indem sie ein Mass an sehr angewachsene Leiden legen,
deuten an, bis zu welcher Hoehe die Seligkeit steigen koennte, die mit der
Fuelle dieser selben Kraefte zu leisten waere.
R.M.R (Aus den Briefen vom Februar 1912) II. September, rue Toallier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich wuerde eher meinen, es
stuerbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitaeler.
Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute
versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine
schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen
Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu ueberzeugen,
ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf
meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden--man
kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein grosses Gebaeude mit einer Kuppel.
Der Plan gab an Val-de-grace, Hospital militaire. Das brauchte ich
eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von
allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden liess, nach
Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Staedte
riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentuemlich starblindes Haus
gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber ueber der Tuer stand noch
ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise.
Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, gruenlich
und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab
und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform,
pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, dass man
lebte. Das war die Hauptsache.
Dass ich es nicht lassen kann, bei offenen Fenster zu schlafen.
Elektrische Bahnen rasen laeutend durch meine Stube. Automobile gehen ueber
mich hin. Eine Tuer faellt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich
hoere ihre grossen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann
ploetzlich dumpfer, eingeschlossener Laerm von der anderen Seite, innen im
Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhoerlich. Ist da, ist
lange da, geht vorbei. Und wieder die Strasse. Ein Maedchen kreischt: Ah
tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz erregt heran,
darueber fort, fort ueber alles. Jemand ruft. Leute laufen, ueberholen sich.
Ein Hund bellt. Was fuer eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen
kraeht sogar ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich
ploetzlich ein.
Das sind die Geraeusche. Aber es giebt hier etwas, was furchtbarer ist:
die Stille. Ich glaube, bei grossen Braenden tritt manchmal so ein
Augenblick aeusserster Spannung ein, die Wasserstrahlen fallen ab, die
Feuerwehrleute klettern nicht mehr, niemand ruehrt sich. Lautlos schiebt
sich ein schwarzes Gesimse vor oben, und eine hohe Mauer, hinter welcher
das Feuer auffaehrt, neigt sich, lautlos. Alles steht und wartet mit
hochgeschobenen Schultern, die Gesichter ueber die Augen zusammengezogen,
auf den schrecklichen Schlag. So ist hier die Stille.
Ich lerne sehen. Ich weiss nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in
mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende
war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt
dorthin. Ich weiss nicht, was dort geschieht.
Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen--ja, ich fange an. Es geht
noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.
Dass es mir zum Beispiel niemals zum Bewusstsein gekommen ist, wieviel
Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr
Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht
jahrelang, natuerlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den
Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen
hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen
es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann
ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie
mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf.
Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, dass ihre Hunde
damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.
Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem
andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie haetten fuer immer,
aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natuerlich
seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes
ist in acht Tagen durch, hat Loecher, ist an vielen Stellen duenn wie Papier,
und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht,
und sie gehen damit herum.
Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornueber in
ihre Haende. Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs. Ich fing an,
leise zu gehen, sowie ich sie gesehen hatte. Wenn arme Leute nachdenken,
soll man sie nicht stoeren. Vielleicht faellt es ihnen doch ein. Die
Strasse war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt
unter den Fuessen weg und klappte mit ihm herum, drueben und da, wie mit
einem Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell,
zu heftig, so dass das Gesicht in den zwei Haenden blieb. Ich konnte es
darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche
Anstrengung, bei diesen Haenden zu bleiben und nicht zu schauen, was sich
aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein Gesicht von innen zu sehen,
aber ich fuerchtete mich doch noch viel mehr vor dem blossen wunden Kopf
ohne Gesicht.
Ich fuerchte mich. Gegen die Furcht muss man etwas tun, wenn man sie einmal
hat. Es waere sehr haesslich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem
ein, mich ins Hoetel-Dieu zu schaffen, so wuerde ich dort gewiss sterben.
Dieses Hotel ist ein angenehmes Hoetel, ungeheuer besucht. Man kann kaum
die Fassade der Kathedrale von Paris betrachten ohne Gefahr, von einem der
vielen Wagen, die so schnell wie moeglich ueber den freien Plan dort hinein
muessen, ueberfahren zu werden. Das sind kleine Omnibusse, die fortwaehrend
laeuten, und selbst der Herzog von Sagan muesste sein Gespann halten lassen,
wenn so ein kleiner Sterbender es sich in den Kopf gesetzt hat,
geradenwegs in Gottes Hotel zu wollen. Sterbende sind starrkoepfig, und
ganz Paris stockt, wenn Madame Legrand, brocanteuse aus der rue des
Martyrs, nach einem gewissen Platz der Cité gefahren kommt. Es ist zu
bemerken, dass diese verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende
Milchglasfenster haben, hinter denen man sich die herrlichsten Agonien vor
stellen kann; dafuer genuegt die Phantasie einer Concierge. Hat man noch
mehr Einbildungskraft und schlaegt sie nach anderen Richtungen hin, so sind
die Vermutungen geradezu unbegrenzt. Aber ich habe auch offene Droschken
ankommen sehen, Zeitdroschken mit aufgeklapptem Verdeck, die nach der
ueblichen Taxe fuhren: Zwei Francs fuer die Sterbestunde.
Dieses ausgezeichnete Hotel ist sehr alt, schon zu Koenig Chlodwigs Zeiten
starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben.
Natuerlich fabrikmaessig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod
nicht so gut ausgefuehrt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse
macht es. Wer giebt heute noch etwas fuer einen gut ausgearbeiteten Tod?
Niemand. Sogar die Reichen, die es sich doch leisten koennten, ausfuehrlich
zu sterben, fangen an, nachlaessig und gleichgueltig zu werden; der Wunsch,
einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er
wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben. Gott; das ist alles da.
Man kommt, man findet ein Leben, fertig, man hat es nur anzuziehen. Man
will gehen oder man ist dazu gezwungen: nun, keine Anstrengung: Voilae
votre mort, monsieur. Man stirbt, wie es gerade kommt; man stirbt den Tod,
der zu der Krankheit gehoert, die man hat (denn seit man alle Krankheiten
kennt, weiss man auch, dass die verschiedenen letalen Abschluesse zu den
Krankheiten gehoeren und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat
sozusagen nichts zu tun).
In den Sanatorien, wo ja so gern und mit so viel Dankbarkeit gegen Aerzte
und Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der Anstalt
angestellten Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu Hause stirbt,
ist es natuerlich, jenen hoeflichen Tod der guten Kreise zu waehlen, mit dem
gleichsam das Begraebnis erster Klasse schon anfaengt und die ganze Folge
seiner wunderschoenen Gebraeuche. Da stehen dann die Armen vor so einem
Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist natuerlich banal, ohne alle Umstaende.
Sie sind froh, wenn sie einen finden, der ungefaehr passt. Zu weit darf
er sein: man waechst immer noch ein bisschen. Nur wenn er nicht zugeht ueber
der Brust oder wuergt, dann hat es seine Not.
Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich, das
muss frueher anders gewesen sein. Frueher wusste man (oder vielleicht man
ahnte es), dass man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die
Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen grossen. Die
Frauen hatten ihn im Schooss und die Maenner in der Brust. Den hatte man,
und das gab einem eine eigentuemliche Wuerde und einen stillen Stolz.
Meinem Grossvater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an, dass er
einen Tod in sich trug. Und was war das fuer einer: zwei Monate lang und
so laut, dass man ihn hoerte bis aufs Vorwerk hinaus.
Das lange, alte Herrenhaus war zu klein fuer diesen Tod, es schien, als
muesste man Fluegel anbauen, denn der Koerper des Kammerherrn wurde immer
groesser, und er wollte fortwaehrend aus einem Raum in den anderen getragen
sein und geriet in fuerchterlichen Zorn, wenn der Tag noch nicht zu Ende
war und es gab kein Zimmer mehr, in dem er nicht schon gelegen hatte.
Dann ging es mit dem ganzen Zuge von Dienern, Jungfern und Hunden, die er
immer um sich hatte, die Treppe hinauf und, unter Vorantritt des
Haushofmeisters, in seiner hochseligen Mutter Sterbezimmer, das ganz in
dem Zustande, in dem sie es vor dreiundzwanzig Jahren verlassen hatte,
erhalten wor den war und das sonst nie jemand betreten durfte. Jetzt
brach die ganze Meute dort ein. Die Vorhaenge wurden zurueckgezogen, und
das robuste Licht eines Sommernachmittags untersuchte alle die scheuen,
erschrockenen Gegenstaende und drehte sich ungeschickt um in den
aufgerissenen Spiegeln. Und die Leute machten es ebenso. Es gab da Zofen,
die vor Neugierde nicht wussten, wo ihre Haende sich gerade aufhielten,
junge Bediente, die alles anglotzten, und aeltere Dienstleute, die
herumgingen und sich zu erinnern suchten, was man ihnen von diesem
verschlossenen Zimmer, in dem sie sich nun gluecklich befanden, alles
erzaehlt hatte.
Vor allem aber schien den Hunden der Aufenthalt in einem Raum, wo alle
Dinge rochen, ungemein anregend. Die grossen, schmalen russischen
Windhunde liefen beschaeftigt hinter den Lehnstuehlen hin und her,
durchquerten in langem Tanzschritt mit wiegender Bewegung das Ge mach,
hoben sich wie Wappenhunde auf und schauten, die schmalen Pfoten auf das
weissgoldene Fensterbrett gestuetzt, mit spitzem, gespanntem Gesicht und
zurueckgezogener Stirn nach rechts und nach links in den Hof. Kleine,
handschuhgelbe Dachshunde sassen, mit Gesichtern, als waere alles ganz in
der Ordnung, in dem breiten, seidenen Polstersessel am Fenster, und ein
stichelhaariger, muerrisch aussehender Huehnerhund rieb seinen Ruecken an der
Kante eines goldbeinigen Tisches, auf dessen gemalter Platte die
Sèvrestassen zitterten.
Ja, es war fuer diese geistesabwesenden, verschlafenen Dinge eine
schreckliche Zeit. Es passierte, dass aus Buechern, die irgendeine hastige
Hand ungeschickt geoeffnet hatte, Rosenblaetter heraustaumelten, die
zertreten wurden; kleine, schwaechliche Gegenstaende wurden ergriffen und,
nachdem sie sofort zerbrochen waren, schnell wieder hingelegt, manches
Verbogene auch unter Vorhaenge gesteckt oder gar hinter das goldene Netz
des Kamingitters geworfen. Und von Zeit zu Zeit fiel etwas, fiel verhuellt
auf Teppich, fiel hell auf das harte Parkett, aber es zerschlug da und
dort, zersprang scharf oder brach fast lautlos auf, denn diese Dinge, ver
woehnt wie sie waren, vertrugen keinerlei Fall.
Und waere es jemandem eingefallen zu fragen, was die Ursache von alledem
sei, was ueber dieses aengstlich gehuetete Zimmer alles Untergangs Fuelle
herabgerufen habe,--so haette es nur eine Antwort gegeben: der Tod. Der
Tod des Kammerherrn Christoph Detlev Brigge auf Ulsgaard. Denn dieser lag,
gross ueber seine dunkelblaue Uniform hinausquellend, mitten auf dem
Fussboden und ruehrte sich nicht. In seinem grossen, fremden, niemandem mehr
bekannten Gesicht waren die Augen zugefallen: er sah nicht, was geschah.
Man hatte zuerst versucht, ihn auf das Bett zu legen, aber er hatte sich
dagegen gewehrt, denn er hasste Betten seit jenen ersten Naechten, in denen
seine Krankheit gewachsen war. Auch hatte sich das Bett da oben als zu
klein erwiesen, und da war nichts anderes uebrig geblieben, als ihn so auf
den Teppich zu legen; denn hinunter hatte er nicht gewollt. Da lag er
nun, und man konnte denken, dass er gestorben sei. Die Hunde hatten sich,
da es langsam zu daemmern begann, einer nach dem anderen durch die
Tuerspalte gezogen, nur der Harthaarige mit dem muerrischen Gesicht sass bei
seinem Herrn, und eine von seinen breiten, zottigen Vorderpfoten lag auf
Christoph Detlevs grosser, grauer Hand. Auch von der Dienerschaft standen
jetzt die meisten draussen in dem weissen Gang, der heller war als das
Zimmer; die aber, welche noch drinnen geblieben waren, sahen manchmal
heimlich nach dem grossen, dunkelnden Haufen in der Mitte, und sie
wuenschten, dass das nichts mehr waere als ein grosser Anzug ueber einem
verdorbenen Ding.
Aber es war noch etwas. Es war eine Stimme, die Stimme, die noch vor
sieben Wochen niemand gekannt hatte: denn es war nicht die Stimme des
Kammerherrn. Nicht Christoph Detlev war es, welchem diese Stimme gehoerte,
es war Christoph Detlevs Tod.
Christoph Detlevs Tod lebte nun schon seit vielen, vie len Tagen auf
Ulsgaard und redete mit allen und verlangte. Verlangte, getragen zu
werden, verlangte das blaue Zimmer, verlangte den kleinen Salon, verlangte
den Saal. Verlangte die Hunde, verlangte, dass man lache, spreche, spiele
und still sei und alles zugleich. Verlangte Freunde zu sehen, Frauen und
Verstorbene, und verlangte selber zu sterben: verlangte. Verlangte und
schrie.
Denn, wenn die Nacht gekommen war und die von den uebermueden Dienstleuten,
welche nicht Wache hatten, ein zuschlafen versuchten, dann schrie
Christoph Detlevs Tod, schrie und stoehnte, bruellte so lange und anhaltend,
dass die Hunde, die zuerst mitheulten, verstummten und nicht wag ten sich
hinzulegen und, auf ihren langen, schlanken, zit ternden Beinen stehend,
sich fuerchteten. Und wenn sie es durch die weite, silberne, daenische
Sommernacht im Dorfe hoerten, dass er bruellte, so standen sie auf wie beim
Gewitter, kleideten sich an und blieben ohne ein Wort um die Lampe sitzen,
bis es vorueber war. Und die Frauen, welche nahe vor dem Niederkommen
waren, wurden in die entlegensten Stuben gelegt und in die dichtesten
Bettverschlaege; aber sie hoerten es, sie hoerten es, als ob es in ihrem
eigenen Leibe waere, und sie flehten, auch aufstehen zu duerfen, und kamen,
weiss und weit, und setzten sich zu den andern mit ihren verwischten
Gesichtern. Und die Kuehe, welche kalbten in dieser Zeit, waren huelflos
und verschlossen, und einer riss man die tote Frucht mit allen Eingeweiden
aus dem Leibe, als sie gar nicht kommen wollte. Und alle taten ihr
Tagwerk schlecht und vergassen das Heu hereinzubringen, weil sie sich bei
Tage aengstigten vor der Nacht und weil sie vom vielen Wachsein und vom
erschreckten Aufstehen so er mattet waren, dass sie sich auf nichts
besinnen konnten. Und wenn sie am Sonntag in die weisse, friedliche Kirche
gingen, so beteten sie, es moege keinen Herrn mehr auf Ulsgaard geben: denn
dieser war ein schrecklicher Herr. Und was sie alle dachten und beteten,
das sagte der Pfarrer laut von der Kanzel herab, denn auch er hatte keine
Naechte mehr und konnte Gott nicht begreifen. Und die Glocke sagte es, die
einen furchtbaren Rivalen bekommen hatte, der die ganze Nacht droehnte und
gegen den sie, selbst wenn sie aus allem Metall zu laeuten begann, nichts
vermochte. Ja, alle sagten es, und es gab einen unter den jungen Leuten,
der getraeumt hatte, er waere ins Schloss gegangen und haette den gnaedigen
Herrn erschlagen mit seiner Mistforke, und so aufgebracht war man, so zu
Ende, so ueberreizt, dass alle zuhoerten, als er seinen Traum erzaehlte, und
ihn, ganz ohne es zu wissen, daraufhin ansahen, ob er solcher Tat wohl
gewachsen sei. So fuehlte und sprach man in der ganzen Gegend, in der man
den Kammerherrn noch vor einigen Wochen geliebt und bedauert hatte. Aber
obwohl man so sprach, veraenderte sich nichts. Christoph Detlevs Tod, der
auf Ulsgaard wohnte, liess sich nicht draengen. Er war fuer zehn Wochen
gekommen, und die blieb er. Und waehrend dieser Zeit war er mehr Herr, als
Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein Koenig, den man
den Schrecklichen nennt, spaeter und immer. Das war nicht der Tod
irgendeines Wassersuechtigen, das war der boese, fuerstliche Tod, den der
Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und aus sich genaehrt
hatte. Alles Uebermass an Stolz, Willen und Herrenkraft, das er selbst in
seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen koennen, war in seinen Tod
eingegangen, in den Tod, der nun auf Ulsgaard sass und vergeudete.
Wie haette der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt haette,
er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen schweren
Tod.
Und wenn ich an die andern denke, die ich gesehen oder von denen ich
gehoert habe: es ist immer dasselbe. Sie alle haben einen eigenen Tod
gehabt. Diese Maenner, die ihn in der Ruestung trugen, innen, wie einen
Gefangenen, diese Frauen, die sehr alt und klein wurden und dann auf einem
ungeheueren Bett, wie auf einer Schaubuehne, vor der ganzen Familie, dem
Gesinde und den Hunden diskret und herrschaftlich hinuebergingen. Ja die
Kinder, sogar die ganz kleinen, hatten nicht irgendeinen Kindertod, sie
nahmen sich zusammen und starben das, was sie schon waren, und das, was
sie geworden waeren.
Und was gab das den Frauen fuer eine wehmuetige Schoenheit, wenn sie
schwanger waren und standen, und in ihrem grossen Leib, auf welchem die
schmalen Haende unwillkuerlich liegen blieben, waren zwei Fruechte: ein Kind
und ein Tod. Kam das dichte, beinah nahrhafte Laecheln in ihrem ganz
ausgeraeumten Gesicht nicht davon her, dass sie manchmal meinten, es wuechsen
beide?
Ich habe etwas getan gegen die Furcht. Ich habe die ganze Nacht gesessen
und geschrieben, und jetzt bin ich so gut muede wie nach einem weiten Weg
ueber die Felder von Ulsgaard. Es ist doch schwer zu denken, dass alles das
nicht mehr ist, dass fremde Leute wohnen in dem alten langen Herrenhaus.
Es kann sein, dass in dem weissen Zimmer oben im Giebel jetzt die Maegde
schlafen, ihren schweren, feuchten Schlaf schlafen von Abend bis Morgen.
Und man hat niemand und nichts und faehrt in der Welt herum mit einem
Koffer und mit einer Buecherkiste und eigentlich ohne Neugierde. Was fuer
ein Leben ist das eigentlich: ohne Haus, ohne ererbte Dinge, ohne Hunde.
Haette man doch wenigstens seine Erinnerungen. Aber wer hat die? Waere die
Kindheit da, sie ist wie vergraben. Vielleicht muss man alt sein, um an
das alles heranreichen zu koennen. Ich denke es mir gut, alt zu sein.
Heute war ein schoener, herbstlicher Morgen. Ich ging durch die Tuilerien.
Alles, was gegen Osten lag, vor der Sonne, blendete. Das Angeschienene
war vom Nebel verhangen wie von einem lichtgrauen Vorhang. Grau im
Grauen sonnten sich die Statuen in den noch nicht enthuellten Gaerten.
Einzelne Blumen in den langen Beeten standen auf und sagten: Rot, mit
einer erschrockenen Stimme. Dann kam ein sehr grosser, schlanker Mann um
die Ecke, von den Champs-Elysees her; er trug eine Kruecke, aber nicht mehr
unter die Schulter geschoben,--er hielt sie vor sich her, leicht, und von
Zeit zu Zeit stellte er sie fest und laut auf wie einen Heroldstab. Er
konnte ein Laecheln der Freude nicht unterdruecken und laechelte, an allem
vorbei, der Sonne, den Baeumen zu. Sein Schritt war schuechtern wie der
eines Kindes, aber ungewoehnlich leicht, voll von Erinnerung an frueheres
Gehen.
Was so ein kleiner Mond alles vermag. Da sind Tage, wo alles um einen
licht ist, leicht, kaum angegeben in der hellen Luft und doch deutlich.
Das Naechste schon hat Toene der Ferne, ist weggenommen und nur gezeigt,
nicht hergereicht; und was Beziehung zur Weite hat: der Fluss, die Bruecken,
die langen Strassen und die Plaetze, die sich verschwenden, das hat diese
Weite eingenommen hinter sich, ist auf ihr gemalt wie auf Seide. Es ist
nicht zu sagen, was dann ein lichtgruener Wagen sein kann auf dem Pont-neuf
oder irgendein Rot, das nicht zu halten ist, oder auch nur ein Plakat an
der Feuermauer einer perlgrauen Haeusergruppe. Alles ist vereinfacht, auf
einige richtige, helle plans gebracht wie das Gesicht in einem Manetschen
Bildnis. Und nichts ist gering und ueberfluessig. Die Bouquinisten am Quai
tun ihre Kaesten auf, und das frische oder vernutzte Gelb der Buecher, das
violette Braun der Baende, das groessere Gruen einer Mappe: alles stimmt, gilt,
nimmt teil und bildet eine Vollzaehligkeit, in der nichts fehlt.
Unten ist folgende Zusammenstellung: ein kleiner Handwagen, von einer Frau
geschoben; vorn darauf ein Leierkasten, der Laenge nach. Dahinter quer ein
Kinderkorb, in dem ein ganz Kleines auf festen Beinen steht, vergnuegt in
seiner Haube, und sich nicht mag setzen lassen. Von Zeit zu Zeit dreht
die Frau am Orgelkasten. Das ganz Kleine stellt sich dann sofort
stampfend in seinem Korbe wieder auf, und ein kleines Maedchen in einem
gruenen Sonntagskleid tanzt und schlaegt Tamburin zu den Fenstern hinauf.
Ich glaube, ich muesste anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen
lerne. Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen.
Wiederholen wir: ich habe eine Studie ueber Carpaccio geschrieben, die
schlecht ist, ein Drama, das 'Ehe' heisst und etwas Falsches mit
zweideutigen Mitteln beweisen will, und Verse. Ach, aber mit Versen ist
so wenig getan, wenn man sie frueh schreibt. Man sollte warten damit und
Sinn und Suessigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womoeglich,
und dann, ganz zum Schluss, vielleicht koennte man dann zehn Zeilen
schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen,
Gefuehle (die hat man frueh genug),--es sind Erfahrungen. Um eines Verses
willen muss man viele Staedte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere
kennen, man muss fuehlen, wie die Voegel fliegen, und die Gebaerde wissen, mit
welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurueckdenken
koennen an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an
Abschiede, die man lange kommen sah,--an Kindheitstage, die noch
unaufgeklaert sind, an die Eltern, die man kraenken musste, wenn sie einem
eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude fuer
einen anderen--), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so
vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen
Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer ueberhaupt, an Meere, an
Reisenaechte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen,--und es
ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss
Erinnerungen haben an viele Liebesnaechte, von denen keine der andern glich,
an Schreie von Kreissenden und an leichte, weisse, schlafende Woechnerinnen,
die sich schliessen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss
bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den
stossweisen Geraeuschen. Und es genuegt auch noch nicht, dass man
Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen koen nen, wenn es viele sind, und
man muss die grosse Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die
Erinnerungen selbst es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns,
Blick und Gebaerde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst,
erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste
Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.
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