Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Beinah jeder kennt den Laerm, den irgendein blechernes, rundes Ding, nehmen
wir an, der Deckel einer Blechbuechse, verursacht, wenn er einem entglitten
ist. Gewoehnlich kommt er gar nicht einmal sehr laut unten an, er faellt
kurz auf, rollt auf dem Rande weiter und wird eigentlich erst unangenehm,
wenn der Schwung zu Ende geht und er nach allen Seiten taumelnd aufschlaegt,
eh er ins Liegen kommt. Nun also: das ist das Ganze; so ein blecherner
Gegenstand fiel nebenan, rollte, blieb liegen, und dazwischen, in gewissen
Abstaenden, stampfte es. Wie alle Geraeusche, die sich wiederholt
durchsetzen, hatte auch dieses sich innerlich organisiert; es wandelte
sich ab, es war niemals genau dasselbe. Aber gerade das sprach fuer seine
Gesetzmaessigkeit. Es konnte heftig sein oder milde oder melancholisch; es
konnte gleichsam ueberstuerzt voruebergehen oder unendlich lange hingleiten,
eh es zur Ruhe kam. Und das letzte Schwanken war immer ueberraschend.
Dagegen hatte das Aufstampfen, das hinzukam, etwas fast Mechanisches.
Aber es teilte den Laerm immer anders ab, das schien seine Aufgabe zu sein.
Ich kann diese Einzelheiten jetzt viel besser uebersehen; das Zimmer neben
mir ist leer. Er ist nach Hause gereist, in die Provinz. Er sollte sich
erholen. Ich wohne im obersten Stockwerk. Rechts ist ein anderes Haus,
unter mir ist noch niemand eingezogen: ich bin ohne Nachbar. In dieser
Verfassung wundert es mich beinah, dass ich die Sache nicht leichter nahm.
Obwohl ich doch jedesmal im voraus gewarnt war durch mein Gefuehl. Das
waere auszunutzen gewesen. Erschrick nicht, haette ich mir sagen muessen,
jetzt kommt es; ich wusste ja, dass ich mich niemals taeuschte. Aber das lag
vielleicht gerade an den Tatsachen, die ich mir hatte sagen lassen; seit
ich sie wusste, war ich noch schreckhafter geworden. Es beruehrte mich fast
gespenstisch, dass das, was diesen Laerm ausloeste, jene kleine, langsame,
lautlose Bewegung war, mit der sein Augenlid sich eigenmaechtig ueber sein
rechtes Auge senkte und schloss, waehrend er las. Dies war das Wesentliche
an seiner Geschichte, eine Kleinigkeit. Er hatte schon ein paar Mal die
Examen vorbeigehen lassen muessen, sein Ehrgeiz war empfindlich geworden,
und die Leute daheim draengten wahrscheinlich, sooft sie schrieben. Was
blieb also uebrig, als sich zusammenzunehmen. Aber da hatte sich, ein paar
Monate vor der Entscheidung, diese Schwaeche eingestellt; diese kleine,
unmoegliche Ermuedung, die so laecherlich war, wie wenn ein Fenstervorhang
nicht oben bleiben will. Ich bin sicher, dass er wochenlang der Meinung
war, man muesste das beherrschen koennen. Sonst waere ich nicht auf die Idee
verfallen, ihm meinen Willen anzubieten. Eines Tages begriff ich naemlich,
dass der seine zu Ende sei. Und seither, wenn ich es kommen fuehlte, stand
ich da auf meiner Seite der Wand und bat ihn, sich zu bedienen. Und mit
der Zeit wurde mir klar, dass er darauf einging. Vielleicht haette er das
nicht tun duerfen, besonders wenn man bedenkt, dass es eigentlich nichts
half. Angenommen sogar, dass wir die Sache ein wenig hinhielten, so bleibt
es doch fraglich, ob er wirklich imstande war, die Augenblicke, die wir so
gewannen, auszunutzen. Und was meine Ausgaben betrifft, so begann ich sie
zu fuehlen. Ich weiss, ich fragte mich, ob das so weitergehen duerfe, gerade
an dem Nachmittag, als jemand in unserer Etage ankam. Dies ergab bei dem
engen Aufgang immer viel Unruhe in dem kleinen Hotel. Eine Weile spaeter
schien es mir, als trete man bei meinem Nachbar ein. Unsere Tueren waren
die letzten im Gang, die seine quer und dicht neben der meinen. Ich wusste
indessen, dass er zuweilen Freunde bei sich sah, und, wie gesagt, ich
interessierte mich durchaus nicht fuer seine Verhaeltnisse. Es ist moeglich,
dass seine Tuer noch mehrmals geoeffnet wurde, dass man draussen kam und ging.
Dafuer war ich wirklich nicht verantwortlich.
Nun an diesem selben Abend war es aerger denn je. Es war noch nicht sehr
spaet, aber ich war aus Muedigkeit schon zu Bett gegangen; ich hielt es fuer
wahrscheinlich, dass ich schlafen wuerde. Da fuhr ich auf, als haette man
mich beruehrt. Gleich darauf brach es los. Es sprang und rollte und
rannte irgendwo an und schwankte und klappte. Das Stampfen war
fuerchterlich. Dazwischen klopfte man unten, einen Stock tiefer, deutlich
und boese gegen die Decke. Auch der neue Mieter war natuerlich gestoert.
Jetzt: das musste seine Tuere sein. Ich war so wach, dass ich seine Tuere zu
hoeren meinte, obwohl er erstaunlich vorsichtig damit umging. Es kam mir
vor, als naehere er sich. Sicher wollte er wissen, in welchem Zimmer es
sei. Was mich befremdete, war seine wirklich uebertriebene Ruecksicht. Er
hatte doch eben bemerken koennen, dass es auf Ruhe nicht ankam in diesem
Hause. Warum in aller Welt unterdrueckte er seinen Schritt? Eine Weile
glaubte ich ihn an meiner Tuer; und dann vernahm ich, darueber war kein
Zweifel, dass er nebenan eintrat. Er trat ohne weiteres nebenan ein.
Und nun (ja, wie soll ich das beschreiben?), nun wurde es still. Still,
wie wenn ein Schmerz aufhoert. Eine eigentuemlich fuehlbare, prickelnde
Stille, als ob eine Wunde heilte. Ich haette sofort schlafen koennen; ich
haette Atem holen koennen und einschlafen. Nur mein Erstaunen hielt mich
wach. Jemand sprach nebenan, aber auch das gehoerte mit in die Stille.
Das muss man erlebt haben, wie diese Stille war, wiedergeben laesst es sich
nicht. Auch draussen war alles wie ausgeglichen. Ich sass auf, ich horchte,
es war wie auf dem Lande. Lieber Gott, dachte ich, seine Mutter ist da.
Sie sass neben dem Licht, sie redete ihm zu, vielleicht hatte er den Kopf
ein wenig gegen ihre Schulter gelegt. Gleich wuerde sie ihn zu Bett
bringen. Nun begriff ich das leise Gehen draussen auf dem Gang. Ach, dass
es das gab. So ein Wesen, vor dem die Tueren ganz anders nachgeben als vor
uns. Ja, nun konnten wir schlafen.
Ich habe meinen Nachbar fast schon vergessen. Ich sehe wohl, dass es keine
richtige Teilnahme war, was ich fuer ihn hatte. Unten frage ich zwar
zuweilen im Voruebergehen, ob Nachrichten von ihm da sind und welche. Und
ich freue mich, wenn sie gut sind. Aber ich uebertreibe. Ich habe
eigentlich nicht noetig, das zu wissen. Das haengt gar nicht mehr mit ihm
zusammen, dass ich manchmal einen ploetzlichen Reiz verspuere, nebenan
einzutreten. Es ist nur ein Schritt von meiner Tuer zu der anderen, und
das Zimmer ist nicht verschlossen. Es wuerde mich interessieren, wie
dieses Zimmer eigentlich beschaffen ist. Man kann sich mit Leichtigkeit
ein beliebiges Zimmer vorstellen, und oft stimmt es dann ungefaehr. Nur
das Zimmer, das man neben sich hat, ist immer ganz anders, als man es sich
denkt.
Ich sage mir, dass es dieser Umstand ist, der mich reizt. Aber ich weiss
ganz gut, dass es ein gewisser blecherner Gegenstand ist, der auf mich
wartet. Ich habe angenommen, dass es sich wirklich um einen Buechsendeckel
handelt, obwohl ich mich natuerlich irren kann. Das beunruhigt mich nicht.
Es entspricht nun einmal meiner Anlage, die Sache auf einen Buechsendeckel
zu schieben. Man kann denken, dass er ihn nicht mitgenommen hat.
Wahrscheinlich hat man aufgeraeumt, man hat den Deckel auf seine Buechse
gesetzt, wie es sich gehoert. Und nun bilden die beiden zusammen den
Begriff Buechse, runde Buechse, genau ausgedrueckt, einen einfachen, sehr
bekannten Begriff. Mir ist, als entsaenne ich mich, dass sie auf dem Kamin
stehn, die beiden, die die Buechse ausmachen. Ja, sie stehn sogar vor dem
Spiegel, so dass dahinter noch eine Buechse entsteht, eine taeuschend
aehnliche, imaginaere. Eine Buechse, auf die wir gar keinen Wert legen, nach
der aber zum Beispiel ein Affe greifen wuerde. Richtig, es wuerden sogar
zwei Affen danach greifen, denn auch der Affe waere doppelt, sobald er auf
dem Kaminrand ankaeme. Nun also, es ist der Deckel dieser Buechse, der es
auf mich abgesehen hat. Einigen wir uns darueber: der Deckel einer Buechse,
einer gesunden Buechse, deren Rand nicht anders gebogen ist, als sein
eigener, so ein Deckel muesste kein anderes Verlangen kennen, als sich auf
seiner Buechse zu befinden; dies muesste das Ausserste sein, was er sich
vorzustellen vermag; eine nicht zu uebertreffende Befriedigung, die
Erfuellung aller seiner Wuensche. Es ist ja auch etwas geradezu Ideales,
geduldig und sanft eingedreht auf der kleinen Gegenwulst gleichmaessig
aufzuruhen und die eingreifende Kante in sich zu fuehlen, elastisch und
gerade so scharf, wie man selber am Rande ist, wenn man einzeln daliegt.
Ach, aber wie wenige Deckel giebt es, die das noch zu schaetzen wissen.
Hier zeigt es sich so recht, wie verwirrend der Umgang mit den Menschen
auf die Dinge gewirkt hat. Die Menschen naemlich, wenn es angeht, sie ganz
voruebergehend mit solchen Deckeln zu vergleichen, sitzen hoechst ungern und
schlecht auf ihren Beschaeftigungen. Teils weil sie nicht auf die
richtigen gekommen sind in der Eile, teils weil man sie schief und zornig
aufgesetzt hat, teils weil die Raender, die aufeinander gehoeren, verbogen
sind, jeder auf eine andere Art. Sagen wir es nur ganz aufrichtig: sie
denken im Grunde nur daran, sobald es sich irgend tun laesst,
hinunterzuspringen, zu rollen und zu blechern. Wo kaemen sonst alle diese
sogenannten Zerstreuungen her und der Laerm, den sie verursachen? Die Dinge
sehen das nun schon seit Jahrhunderten an. Es ist kein Wunder, wenn sie
verdorben sind, wenn sie den Geschmack verlieren an ihrem natuerlichen,
stillen Zweck und das Dasein so ausnutzen moechten, wie sie es rings um
sich ausgenutzt sehen. Sie machen Versuche, sich ihren Anwendungen zu
entziehen, sie werden unlustig und nachlaessig, und die Leute sind gar
nicht erstaunt, wenn sie sie auf einer Ausschweifung ertappen. Sie kennen
das so gut von sich selbst. Sie aergern sich, weil sie die Staerkeren sind,
weil sie mehr Recht auf Abwechslung zu haben meinen, weil sie sich
nachgeaefft fuehlen; aber sie lassen die Sache gehen, wie sie sich selber
gehen lassen. Wo aber einer ist, der sich zusammennimmt, ein Einsamer
etwa, der so recht rund auf sich beruhen wollte Tag und Nacht, da fordert
er geradezu den Widerspruch, den Hohn, den Hass der entarteten Geraete
heraus, die, in ihrem argen Gewissen, nicht mehr vertragen koennen, dass
etwas sich zusammenhaelt und nach seinem Sinne strebt. Da verbinden sie
sich, um ihn zu stoeren, zu schrecken, zu beirren, und wissen, dass sie es
koennen. Da fangen sie, einander zuzwinkernd, die Verfuehrung an, die dann
ins Unermessene weiter waechst und alle Wesen und Gott selber hinreisst
gegen den Einen, der vielleicht uebersteht: den Heiligen.
Wie begreif ich jetzt die wunderlichen Bilder, darinnen Dinge von
beschraenkten und regelmaessigen Gebrauchen sich ausspannen und sich luestern
und neugierig aneinander versuchen, zuckend in der ungefaehren Unzucht der
Zerstreuung. Diese Kessel, die kochend herumgehen, diese Kolben, die auf
Gedanken kommen, und die muessigen Trichter, die sich in ein Loch draengen zu
ihrem Vergnuegen. Und da sind auch schon, vom eifersuechtigen Nichts
heraufgeworfen, Gliedmassen und Glieder unter ihnen und Gesichter, die warm
in sie hineinvomieren, und blasende Gesaesse, die ihnen den Gefallen tun.
Und der Heilige kruemmt sich und zieht sich zusammen; aber in seinen Augen
war noch ein Blick, der dies fuer moeglich hielt: er hat hingesehen. Und
schon schlagen sich seine Sinne nieder aus der hellen Loesung seiner Seele.
Schon entblaettert sein Gebet und steht ihm aus dem Mund wie ein
eingegangener Strauch. Sein Herz ist umgefallen und ausgeflossen ins
Truebe hinein. Seine Geissel trifft ihn schwach wie ein Schwanz, der
Fliegen verjagt. Sein Geschlecht ist wieder nur an einer Stelle, und wenn
eine Frau aufrecht durch das Gehudel kommt, den offenen Busen voll Brueste,
so zeigt es auf sie wie ein Finger.
Es gab Zeiten, da ich diese Bilder fuer veraltet hielt. Nicht, als ob ich
an ihnen zweifelte. Ich konnte mir denken, dass dies den Heiligen geschah,
damals, den eifernden Vor eiligen, die gleich mit Gott anfangen wollten um
jeden Preis. Wir muten uns dies nicht mehr zu. Wir ahnen, dass er zu
schwer ist fuer uns, dass wir ihn hinausschieben muessen, um langsam die
lange Arbeit zu tun, die uns von ihm trennt. Nun aber weiss ich, dass diese
Arbeit genau so bestritten ist wie das Heiligsein; dass dies da um jeden
entsteht, der um ihretwillen einsam ist, wie es sich bildete um die
Einsamen Gottes in ihren Hoehlen und leeren Herbergen, einst.
Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man
meint, die Leute wuessten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es
nicht. Sie haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehasst,
ohne ihn zu kennen. Sie sind seine Nachbaren gewesen, die ihn
aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie
haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, dass sie laermten und ihn uebertoenten.
Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind war, und mit
jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie spuerten ihn auf in
seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und seine lange Jugend war ohne
Schonzeit. Und wenn er sich nicht erschoepfen liess und davonkam, so
schrieen sie ueber das, was von ihm ausging, und nannten es haesslich und
verdaechtigten es. Und hoerte er nicht darauf, so wurden sie deutlicher und
assen ihm sein Essen weg und atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine
Armut, dass sie ihm widerwaertig wuerde. Sie brachten Verruf ueber ihn wie
ueber einen Ansteckenden und warfen ihm Steine nach, damit er sich rascher
entfernte. Und sie hatten recht in ihrem alten Instinkt: denn er war
wirklich ihr Feind. Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich.
Sie ahnten, dass sie ihm mit alledem seinen Willen taten; dass sie ihn in
seinem Alleinsein bestaerkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen
fuer immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte an, das
Aeusserste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Laermen blickte
fast jeder auf und wurde zerstreut.
Diese Nacht ist mir das kleine gruene Buch wieder eingefallen, das ich als
Knabe einmal besessen haben muss; und ich weiss nicht, warum ich mir
einbilde, dass es von Mathilde Brahe stammte. Es interessierte mich nicht,
da ich es bekam, und ich las es erst mehrere Jahre spaeter, ich glaube in
der Ferienzeit auf Ulsgaard. Aber wichtig war es mir vom ersten
Augenblick an. Es war durch und durch voller Bezug, auch aeusserlich
betrachtet. Das Gruen des Einbandes bedeutete etwas, und man sah sofort
ein, dass es innen so sein musste, wie es war. Als ob das verabredet worden
waere, kam zuerst dieses glatte, weiss in weiss gewaesserte Vorsatzblatt und
dann die Titelseite, die man fuer geheimnisvoll hielt. Es haetten wohl
Bilder drin sein koennen, so sah es aus; aber es waren keine, und man musste,
fast wider Willen, zugeben, dass auch das in der Ordnung sei. Es
entschaedigte einen irgendwie, an einer bestimmten Stelle das schmale
Leseband zu finden, das, muerbe und ein wenig schraeg, ruehrend in seinem
Vertrauen, noch rosa zu sein, seit Gott weiss wann immer zwischen den
gleichen Seiten lag. Vielleicht war es nie benutzt worden, und der
Buchbinder hatte es rasch und fleissig da hineingebogen, ohne recht
hinzusehen. Moeglicherweise aber war es kein Zufall. Es konnte sein, dass
jemand dort zu lesen aufgehoert hatte, der nie wieder las; dass das
Schicksal in diesem Moment an seiner Tuere klopfte, um ihn zu beschaeftigen,
dass er weit von allen Buechern weggeriet, die doch schliesslich nicht das
Leben sind. Das war nicht zu erkennen, ob das Buch weitergelesen worden
war. Man konnte sich auch denken, dass es sich einfach darum handelte,
diese Stelle aufzuschlagen wieder und wieder, und dass es dazu gekommen war,
wenn auch manchmal erst spaet in der Nacht. Jedenfalls hatte ich eine
Scheu vor den beiden Seiten, wie vor einem Spiegel, vor dem jemand steht.
Ich habe sie nie gelesen. Ich weiss ueberhaupt nicht, ob ich das ganze Buch
gelesen habe. Es war nicht sehr stark, aber es standen eine Menge
Geschichten drin, besonders am Nachmittag; dann war immer eine da, die man
noch nicht kannte.
Ich erinnere nur noch zwei. Ich will sagen, welche: Das Ende des Grischa
Otrepjow und Karls des Kuehnen Untergang.
Gott weiss, ob es mir damals Eindruck machte. Aber jetzt, nach so viel
Jahren, entsinne ich mich der Beschreibung, wie der Leichnam des falschen
Zaren unter die Menge geworfen worden war und dalag drei Tage, zerfetzt
und zerstochen und eine Maske vor dem Gesicht. Es ist natuerlich gar keine
Aussicht, dass mir das kleine Buch je wieder in die Haende kommt. Aber
diese Stelle muss merkwuerdig gewesen sein. Ich haette auch Lust,
nachzulesen, wie die Begegnung mit der Mutter verlief. Er mag sich sehr
sicher gefuehlt haben, da er sie nach Moskau kommen liess; ich bin sogar
ueberzeugt, dass er zu jener Zeit so stark an sich glaubte, dass er in der
Tat seine Mutter zu berufen meinte. Und diese Marie Nagoi, die in
schnellen Tagreisen aus ihrem duerftigen Kloster kam, gewann ja auch alles,
wenn sie zustimmte. Ob aber seine Unsicherheit nicht gerade damit begann,
dass sie ihn anerkannte? Ich bin nicht abgeneigt zu glauben, die Kraft
seiner Verwandlung haette darin beruht, niemandes Sohn mehr zu sein.
(Das ist schliesslich die Kraft aller jungen Leute, die fortgegangen sind.)
Das Volk, das sich ihn erwuenschte, ohne sich einen vorzustellen, machte
ihn nur noch freier und unbegrenzter in seinen Moeglichkeiten. Aber die
Erklaerung der Mutter hatte, selbst als bewusster Betrug, noch die Macht,
ihn zu verringern; sie hob ihn aus der Fuelle seiner Erfindung; sie
beschraenkte ihn auf ein muedes Nachahmen; sie setzte ihn auf den Einzelnen
herab, der er nicht war: sie machte ihn zum Betrueger. Und nun kam, leiser
aufloesend, diese Marina Mniczek hinzu, die ihn auf ihre Art leugnete,
indem sie, wie sich spaeter erwies, nicht an ihn glaubte, sondern an jeden.
Ich kann natuerlich nicht dafuer einstehen, wie weit das alles in jener
Geschichte beruecksichtigt war. Dies, scheint mir, waere zu erzaehlen
gewesen. Aber auch abgesehen davon, ist diese Begebenheit durchaus nicht
veraltet. Es waere jetzt ein Erzaehler denkbar, der viel Sorgfalt an die
letzten Augenblicke wendete; er haette nicht unrecht. Es geht eine Menge
in ihnen vor: Wie er aus dem innersten Schlaf ans Fenster springt und ueber
das Fenster hinaus in den Hof zwischen die Wachen. Er kann allein nicht
auf; sie muessen ihm helfen. Wahrscheinlich ist der Fuss gebrochen. An
zwei von den Maennern gelehnt, fuehlt er, dass sie an ihn glauben. Er sieht
sich um: auch die andern glauben an ihn. Sie dauern ihn fast, diese
riesigen Strelitzen, es muss weit gekommen sein: sie haben Iwan Grosnij
gekannt in all seiner Wirklichkeit, und glauben an ihn. Er haette Lust,
sie aufzuklaeren, aber den Mund oeffnen, hiesse einfach schreien. Der
Schmerz im Fuss ist rasend, und er haelt so wenig von sich in diesem Moment,
dass er nichts weiss als den Schmerz. Und dann ist keine Zeit. Sie draengen
heran, er sieht den Schuiskij und hinter ihm alle. Gleich wird es vorueber
sein. Aber da schliessen sich seine Wachen. Sie geben ihn nicht auf. Und
ein Wunder geschieht. Der Glauben dieser alten Maenner pflanzt sich fort,
auf einmal will niemand mehr vor. Schuiskij, dicht vor ihm, ruft
verzweifelt nach einem Fenster hinauf. Er sieht sich nicht um. Er weiss,
wer dort steht; er begreift, dass es still wird, ganz ohne Uebergang still.
Jetzt wird die Stimme kommen, die er von damals her kennt; die hohe,
falsche Stimme, die sich ueberanstrengt. Und da hoert er die Zarinmutter,
die ihn verleugnet. Bis hierher geht die Sache von selbst, aber nun,
bitte, einen Erzaehler, einen Erzaehler: denn von den paar Zeilen, die noch
bleiben, muss Gewalt ausgehen ueber jeden Widerspruch hinaus. Ob es gesagt
wird oder nicht, man muss darauf schwoeren, dass zwischen Stimme und
Pistolenschuss, unendlich zusammengedraengt, noch einmal Wille und Macht in
ihm war, alles zu sein. Sonst versteht man nicht, wie glaenzend
konsequent es ist, dass sie sein Nachtkleid durchbohrten und in ihm
herumstachen, ob sie auf das Harte einer Person stossen wuerden. Und dass er
im Tode doch noch die Maske trug, drei Tage lang, auf die er fast schon
verzichtet hatte.
Wenn ichs nun bedenke, so scheint es mir seltsam, dass in demselben Buche
der Ausgang dessen erzaehlt wurde, der sein ganzes Leben lang Einer war,
der Gleiche, hart und nicht zu aendern wie ein Granit und immer schwerer
auf allen, die ihn ertrugen. Es giebt ein Bild von ihm in Dijon. Aber
man weiss es auch so, dass er kurz, quer, trotzig war und verzweifelt. Nur
an die Haende haette man vielleicht nicht gedacht. Es sind arg warme Haende,
die sich immerfort kuehlen moechten und sich unwillkuerlich auf Kaltes legen,
gespreizt, mit Luft zwischen allen Fingern. In diese Haende konnte das
Blut hineinschiessen, wie es einem zu Kopf steigt, und geballt waren sie
wirklich wie die Koepfe von Tollen, tobend von Einfaellen.
Es gehoerte unglaubliche Vorsicht dazu, mit diesem Blute zu leben. Der
Herzog war damit eingeschlossen in sich selbst, und zuzeiten fuerchtete ers,
wenn es um ihn herumging, geduckt und dunkel. Es konnte ihm selber
grauenhaft fremd sein, dieses behende, halbportugiesische Blut, das er
kaum kannte. Oft aengstigte es ihn, dass es ihn im Schlafe anfallen koennte
und zerreissen. Er tat, als baendigte ers, aber er stand immer in seiner
Furcht. Er wagte nie eine Frau zu lieben, damit es nicht eifersuechtig
wuerde, und so reissend war es, dass Wein nie ueber seine Lippen kam; statt zu
trinken, saenftigte ers mit Rosenmus. Doch, einmal trank er, im Lager vor
Lausanne, als Granson verloren war; da war er krank und abgeschieden und
trank viel puren Wein. Aber damals schlief sein Blut. In seinen
sinnlosen letzten Jahren verfiel es manchmal in diesen schweren,
tierischen Schlaf. Dann zeigte es sich, wie sehr er in seiner Gewalt war;
denn wenn es schlief, war er nichts. Dann durfte keiner von seiner
Umgebung herein; er begriff nicht, was sie redeten. Den fremden Gesandten
konnte er sich nicht zeigen, oed wie er war. Dann sass er und wartete, dass
es aufwachte. Und meistens fuhr es mit einem Sprunge auf und brach aus
dem Herzen aus und bruellte. Fuer dieses Blut schleppte er alle die Dinge
mit, auf die er nichts gab. Die drei grossen Diamanten und alle die Steine;
die flandrischen Spitzen und die Teppiche von Arros, haufenweis. Sein
seidenes Gezelt mit den aus Gold gedrehten Schnueren und vierhundert Zelte
fuer sein Gefolg. Und Bilder, auf Holz gemalt, und die zwoelf Apostel aus
vollem Silber. Und den Prinzen von Tarent und den Herzog von Cleve und
Philipp von Baden und den Herrn von Chateau-Guyon. Denn er wollte seinem
Blut einreden, dass er Kaiser sei und nichts ueber ihm: damit es ihn fuerchte.
Aber sein Blut glaubte ihm nicht, trotz solcher Beweise, es war ein
misstrauisches Blut. Vielleicht erhielt er es noch eine Weile im Zweifel.
Aber die Hoerner von Uri verrieten ihn. Seither wusste sein Blut, dass es
in einem Verlorenen war: und wollte heraus. So seh ich es jetzt, damals
aber machte es mir vor allem Eindruck, von dem Dreikoenigstag zu lesen, da
man ihn suchte.
Der junge lothringische Fuerst, der tags vorher, gleich nach der merkwuerdig
hastigen Schlacht in seiner elenden Stadt Nancy eingeritten war, hatte
ganz frueh seine Umgebung geweckt und nach dem Herzog gefragt. Bote um
Bote wurde ausgesandt, und er selbst erschien von Zeit zu Zeit am Fenster,
unruhig und besorgt. Er erkannte nicht immer, wen sie da brachten auf
ihren Wagen und Tragbahren, er sah nur, dass es nicht der Herzog war. Und
auch unter den Verwundeten war er nicht, und von den Gefangenen, die man
fortwaehrend noch einbrachte, hatte ihn keiner gesehen. Die Fluechtlinge
aber trugen nach allen Seiten verschiedene Nachrichten und waren wirr und
schreckhaft, als fuerchteten sie, auf ihn zuzulaufen. Es dunkelte schon,
und man hatte nichts von ihm gehoert. Die Kunde, dass er ver schwunden sei,
hatte Zeit herumzukommen an dem langen Winterabend. Und wohin sie kam, da
erzeugte sie in allen eine jaehe, uebertriebene Sicherheit, dass er lebte.
Nie vielleicht war der Herzog so wirklich in jeder Einbildung wie in
dieser Nacht. Es gab kein Haus, wo man nicht wachte und auf ihn wartete
und sich sein Klopfen vorstellte. Und wenn er nicht kam, so wars, weil er
schon vorueber war. Es fror diese Nacht, und es war, als froere auch die
Idee, dass er sei; so hart wurde sie. Und Jahre und Jahre vergingen, eh
sie sich aufloeste. Alle diese Menschen, ohne es recht zu wissen,
bestanden jetzt auf ihm. Das Schicksal, das er ueber sie gebracht hatte,
war nur ertraeglich durch seine Gestalt. Sie hatten so schwer erlernt, dass
er war; nun aber, da sie ihn konnten, fanden sie, dass er gut zu merken sei
und nicht zu vergessen.
Aber am naechsten Morgen, dem siebenten Januar, einem Dienstag, fing das
Suchen doch wieder an. Und diesmal war ein Fuehrer da. Es war ein Page
des Herzogs, und es hiess, er habe seinen Herrn von ferne stuerzen sehen;
nun sollte er die Stelle zeigen. Er selbst hatte nichts erzaehlt, der Graf
von Campobasso hatte ihn gebracht und hatte fuer ihn gesprochen. Nun ging
er voran, und die anderen hielten sich dicht hinter ihm. Wer ihn so sah,
vermummt und eigentuemlich unsicher, der hatte Muehe zu glauben, dass es
wirklich Gian-Battista Colonna sei, der schoen wie ein Maedchen war und
schmal in den Gelenken. Er zitterte vor Kaelte; die Luft war steif vom
Nachtfrost, es klang wie Zaehneknirschen unter den Schritten. Uebrigens
froren sie alle. Nur des Herzogs Narr, Louis-Onze zubenannt, machte sich
Bewegung. Er spielte den Hund, lief voraus, kam wieder und trollte eine
Weile auf allen Vieren neben dem Knaben her; wo er aber von fern eine
Leiche sah, da sprang er hin und verbeugte sich und redete ihr zu, sie
moechte sich zusammennehmen und der sein, den man suchte. Er liess ihr ein
wenig Bedenkzeit, aber dann kam er muerrisch zu den andern zurueck und
drohte und fluchte und beklagte sich uber den Eigensinn und die Traegheit
der Toten. Und man ging immerzu, und es nahm kein Ende. Die Stadt war
kaum mehr zu sehen; denn das Wetter hatte sich inzwischen geschlossen,
trotz der Kaelte, und war grau und undurchsichtig geworden. Das Land lag
flach und gleichgueltig da, und die kleine, dichte Gruppe sah immer
verirrter aus, je weiter sie sich bewegte. Niemand sprach, nur ein altes
Weib, das mitgelaufen war, malmte etwas und schuettelte den Kopf dabei;
vielleicht betete sie.
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