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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

Looking for Child to be on Cover of a New Book, 'The Model Child'
PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

R >> Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich. Dann wandte er
sich kurz zu Lupi, dem portugiesischen Arzt des Herzogs, und zeigte nach
vorn. Ein paar Schritte weiterhin war eine Eisflaeche, eine Art Tuempel
oder Teich, und da lagen, halb eingebrochen, zehn oder zwoelf Leichen. Sie
waren fast ganz entbloesst und ausgeraubt. Lupi ging gebueckt und aufmerksam
von einem zum andern. Und nun erkannte man Olivier de la Marche und den
Geistlichen, wie sie so einzeln herumgingen. Die Alte aber kniete schon
im Schnee und winselte und bueckte sich ueber eine grosse Hand, deren Finger
ihr gespreizt entgegenstarrten. Alle eilten herbei. Lupi mit einigen
Dienern versuchte den Leichnam zu wenden, denn er lag vornueber. Aber das
Gesicht war eingefroren, und da man es aus dem Eis herauszerrte, schaelte
sich die eine Wange duenn und sproede ab, und es zeigte sich, dass die andere
von Hunden oder Woelfen herausgerissen war; und das Ganze war von einer
grossen Wunde gespalten, die am Ohr begann, so dass von einem Gesicht keine
Rede sein konnte.

Einer nach dem anderen blickte sich um; jeder meinte den Roemer hinter sich
zu finden. Aber sie sahen nur den Narren, der herbeigelaufen kam, boese
und blutig. Er hielt einen Mantel von sich ab und schuettelte ihn, als
sollte etwas herausfallen; aber der Mantel war leer. So ging man daran,
nach Kennzeichen zu suchen, und es fanden sich einige. Man hatte ein
Feuer gemacht und wusch den Koerper mit warmem Wasser und Wein. Die Narbe
am Halse kam zum Vorschein und die Stellen der beiden grossen Abszesse.
Der Arzt zweifelte nicht mehr. Aber man verglich noch anderes.
Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver des grossen schwarzen
Pferdes Moreau gefunden, das der Herzog am Tage von Nancy geritten hatte.
Er sass darauf und liess die kurzen Beine haengen. Das Blut rann ihm noch
immer aus der Nase in den Mund, und man sah ihm an, dass er es schmeckte.
Einer der Diener drueben erinnerte, dass ein Nagel an des Herzogs linkem Fuss
eingewachsen gewesen waere; nun suchten alle den Nagel. Der Narr aber
zappelte, als wuerde er gekitzelt, und schrie: "Ach, Monseigneur, verzeih
ihnen, dass sie deine groben Fehler aufdecken, die Dummkoepfe, und dich
nicht erkennen an meinem langen Gesicht, in dem deine Tugenden stehn."

(Des Herzogs Narr war auch der erste, der eintrat, als die Leiche gebettet
war. Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis, niemand konnte sagen,
wieso. Das Bahrtuch war noch nicht uebergelegt, und so hatte er den ganzen
Eindruck. Das Weiss des Kamisols und das Karmesin vom Mantel sonderten
sich schroff und unfreundlich voneinander ab zwischen den beiden Schwarz
von Baldachin und Lager. Vorne standen scharlachne Schaftstiefel ihm
entgegen mit grossen, vergoldeten Sporen. Und dass das dort oben ein Kopf
war, darueber konnte kein Streit entstehen, sobald man die Krone sah. Es
war eine grosse Herzogs-Krone mit irgendwelchen Steinen. Louis-Onze ging
umher und besah alles genau. Er befuehlte sogar den Atlas, obwohl er wenig
davon verstand. Es mochte guter Atlas sein, vielleicht ein bisschen
billig fuer das Haus Burgund. Er trat noch einmal zurueck um des Ueberblicks
willen. Die Farben waren merkwuerdig unzusammenhaengend im Schneelicht. Er
praegte sich jede einzeln ein. "Gut angekleidet", sagte er schliesslich
anerkennend, "vielleicht eine Spur zu deutlich." Der Tod kam ihm vor wie
ein Puppenspieler, der rasch einen Herzog braucht.)

Man tut gut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr aendern werden, einfach
festzustellen, ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu beurteilen.
So ist mir klar geworden, dass ich nie ein richtiger Leser war. In der
Kindheit kam mir das Lesen vor wie ein Beruf, den man auf sich nehmen
wuerde, spaeter einmal, wenn alle die Berufe kamen, einer nach dem andern.
Ich hatte, aufrichtig gesagt, keine bestimmte Vorstellung, wann das sein
koennte. Ich verliess mich darauf, dass man es merken wuerde, wenn das Leben
gewissermassen umschlug und nur noch von aussen kam, so wie frueher von innen.
Ich bildete mir ein, es wuerde dann deutlich und eindeutig sein und gar
nicht misszuverstehn. Durchaus nicht einfach, im Gegenteil recht
anspruchsvoll, verwickelt und schwer meinetwegen, aber immerhin sichtbar.
Das eigentuemlich Unbegrenzte der Kindheit, das Unverhaeltnismaessige, das
Nie-recht-Absehbare, das wuerde dann ueberstanden sein. Es war freilich
nicht einzusehen, wieso. Im Grunde nahm es immer noch zu und schloss sich
auf allen Seiten, und je mehr man hinaussah, desto mehr Inneres ruehrte man
in sich auf: Gott weiss, wo es herkam. Aber wahrscheinlich wuchs es zu
einem Aeussersten an und brach dann mit einem Schlage ab. Es war leicht zu
beobachten, dass die Erwachsenen sehr wenig davon beunruhigt wurden; sie
gingen herum und urteilten und handelten, und wenn sie je in
Schwierigkeiten waren, so lag das an aeusseren Verhaeltnissen. An den
Anfang solcher Veraenderungen verlegte ich auch das Lesen. Dann wuerde man
mit Buechern umgehen wie mit Bekannten, es wuerde Zeit dafuer da sein, eine
bestimmte, gleichmaessig und gefaellig vergehende Zeit, gerade so viel, als
einem eben passte. Natuerlich wuerden einzelne einem naeher stehen, und es
ist nicht gesagt, dass man davor sicher sein wuerde, ab und zu eine halbe
Stunde ueber ihnen zu versaeumen: einen Spaziergang, eine Verabredung, den
Anfang im Theater oder einen dringenden Brief. Dass sich einem aber das
Haar verbog und verwirrte, als ob man darauf gelegen haette, dass man
gluehende Ohren bekam und Haende kalt wie Metall, dass eine lange Kerze neben
einem herunterbrannte und in den Leuchter hinein, das wuerde dann, Gott sei
Dank, voellig ausgeschlossen sein.

Ich fuehre diese Erscheinungen an, weil ich sie ziemlich auffaellig an mir
erfuhr, damals in jenen Ferien auf Ulsgaard, als ich so ploetzlich ins
Lesen geriet. Da zeigte es sich gleich, dass ich es nicht konnte. Ich
hatte es freilich vor der Zeit begonnen, die ich mir dafuer in Aussicht
gestellt hatte. Aber dieses Jahr in Soroe unter lauter andern ungefaehr
Altersgleichen hatte mich misstrauisch gemacht gegen solche Berechnungen.
Dort waren rasche, unerwartete Erfahrungen an mich herangekommen, und es
war deutlich zu sehen, dass sie mich wie einen Erwachsenen behandelten. Es
waren lebensgrosse Erfahrungen, die sich so schwer machten, wie sie waren.
In demselben Masse aber, als ich ihre Wirklichkeit begriff, gingen mir auch
fuer die unendliche Realitaet meines Kindseins die Augen auf. Ich wusste,
dass es nicht aufhoeren wuerde, so wenig wie das andere erst begann. Ich
sagte mir, dass es natuerlich jedem freistand, Abschnitte zu machen, aber
sie waren erfunden. Und es erwies sich, dass ich zu ungeschickt war, mir
welche auszudenken. Sooft ich es versuchte, gab mir das Leben zu
verstehen, dass es nichts von ihnen wusste. Bestand ich aber darauf, dass
meine Kindheit vorueber sei, so war in demselben Augenblick auch alles
Kommende fort, und mir blieb nur genau so viel, wie ein Bleisoldat unter
sich hat, um stehen zu koennen. Diese Entdeckung sonderte mich
begreiflicherweise noch mehr ab. Sie beschaeftigte mich in mir und
erfuellte mich mit einer Art endgueltiger Frohheit, die ich fuer Kuemmernis
nahm, weil sie weit ueber mein Alter hinausging. Es beunruhigte mich auch,
wie ich mich entsinne, dass man nun, da nichts fuer eine bestimmte Frist
vorgesehen war, manches ueberhaupt versaeumen koenne. Und als ich so nach
Ulsgaard zurueckkehrte und alle die Buecher sah, machte ich mich darueber her;
recht in Eile, mit fast schlechtem Gewissen. Was ich spaeter so oft
empfunden habe, das ahnte ich damals irgendwie voraus: dass man nicht das
Recht hatte, ein Buch aufzuschlagen, wenn man sich nicht verpflichtete,
alle zu lesen. Mit jeder Zeile brach man die Welt an. Von den Buechern
war sie heil und vielleicht wieder ganz dahinter. Wie aber sollte ich,
der nicht lesen konnte, es mit allen aufnehmen? Da standen sie, selbst in
diesem bescheidenen Buecherzimmer, in so aussichtsloser Ueberzahl und
hielten zusammen. Ich stuerzte mich trotzig und verzweifelt von Buch zu
Buch und schlug mich durch die Seiten durch wie einer, der etwas
Unverhaeltnismaessiges zu leisten hat. Damals las ich Schiller und Baggesen,
Oehlenschlaeger und Schack-Staffeldt, was von Walter Scott da war und
Calderon. Manches kam mir in die Haende, was gleichsam schon haette gelesen
sein muessen, fuer anderes war es viel zu frueh; faellig war fast nichts fuer
meine damalige Gegenwart. Und trotzdem las ich. In spaeteren Jahren
geschah es mir zuweilen nachts, dass ich aufwachte, und die Sterne standen
so wirklich da und gingen so bedeutend vor, und ich konnte nicht begreifen,
wie man es ueber sich brachte, so viel Welt zu versaeumen. So aehnlich war
mir, glaub ich, zumut, sooft ich von den Buechern aufsah und hinaus, wo der
Sommer war, wo Abelone rief. Es kam uns sehr unerwartet, dass sie rufen
musste und dass ich nicht einmal antwortete. Es fiel mitten in unsere
seligste Zeit. Aber da es mich nun einmal erfasst hatte, hielt ich mich
krampfhaft ans Lesen und verbarg mich, wichtig und eigensinnig, vor
unseren taeglichen Feiertagen. Ungeschickt wie ich war, die vielen, oft
unscheinbaren Gelegenheiten eines natuerlichen Gluecks auszunutzen, liess ich
mir nicht ungern von dem anwachsenden Zerwuerfnis kuenftige Versoehnungen
versprechen, die desto reizender wurden, je weiter man sie hinausschob.

Uebrigens war mein Leseschlaf eines Tages so ploetzlich zu Ende, wie er
begonnen hatte; und da erzuernten wir einander gruendlich. Denn Abelone
ersparte mir nun keinerlei Spott und Ueberlegenheit, und wenn ich sie in
der Laube traf, behauptete sie zu lesen. An dem einen Sonntagmorgen lag
das Buch zwar geschlossen neben ihr, aber sie schien mehr als genug mit
den Johannisbeeren beschaeftigt, die sie vorsichtig mittels einer Gabel aus
ihren kleinen Trauben streifte.

Es muss dies eine von jenen Tagesfruehen gewesen sein, wie es solche im Juli
giebt, neue, ausgeruhte Stunden, in denen ueberall etwas frohes
Unueberlegtes geschieht. Aus Millionen kleinen ununterdrueckbaren
Bewegungen setzt sich ein Mosaik ueberzeugtesten Daseins zusammen; die
Dinge schwingen ineinander hinueber und hinaus in die Luft, und ihre Kuehle
macht den Schatten klar und die Sonne zu einem leichten, geistigen Schein.
Da giebt es im Garten keine Hauptsache; alles ist ueberall, und man muesste
in allem sein, um nichts zu versaeumen.

In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal. Es war so
gluecklich erfunden, gerade dies zu tun und genau so, wie sie es tat. Ihre
im Schattigen hellen Haende arbeiteten einander so leicht und einig zu, und
vor der Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her, in die mit
tauduffem Weinblatt ausgelegte Schale hinein, wo schon andere sich haeuften,
rote und blonde, glanzlichternd, mit gesunden Kernen im herben Innern.
Ich wuenschte unter diesen Umstaenden nichts als zuzusehen, aber, da es
wahrscheinlich war, dass man mirs verwies, ergriff ich, auch um mich
unbefangen zu geben, das Buch, setzte mich an die andere Seite des Tisches
und liess mich, ohne lange zu blaettern, irgendwo damit ein. "Wenn du doch
wenigstens laut laesest, Leserich", sagte Abelone nach einer Weile. Das
klang lange nicht mehr so streitsuechtig, und da es, meiner Meinung nach,
ernstlich Zeit war, sich auszugleichen, las ich sofort laut, immerzu bis
zu einem Abschnitt und weiter, die naechste Ueberschrift: An Bettine.

"Nein, nicht die Antworten", unterbrach mich Abelone und legte auf einmal
wie erschoepft die kleine Gabel nieder. Gleich darauf lachte sie ueber das
Gesicht, mit dem ich sie ansah.

"Mein Gott, was hast du schlecht gelesen, Malte."

Da musste ich nun zugeben, dass ich keinen Augenblick bei der Sache gewesen
sei. "Ich las nur, damit du mich unterbrichst", gestand ich und wurde
heiss und blaetterte zurueck nach dem Titel des Buches. Nun wusste ich erst,
was es war. "Warum denn nicht die Antworten?" fragte ich neugierig. Es
war, als haette Abelone mich nicht gehoert. Sie sass da in ihrem lichten
Kleid, als ob sie ueberall innen ganz dunkel wuerde, wie ihre Augen wurden.
"Gieb her", sagte sie ploetzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus der
Hand und schlug es richtig dort auf, wo sie es wollte. Und dann las sie
einen von Bettinens Briefen.

Ich weiss nicht, was ich davon verstand, aber es war, als wuerde mir
feierlich versprochen, dieses alles einmal einzusehen. Und waehrend ihre
Stimme zunahm und endlich fast jener glich, die ich vom Gesang her kannte,
schaemte ich mich, dass ich mir unsere Versoehnung so gering vorgestellt
hatte. Denn ich begriff wohl, dass sie das war. Aber nun geschah sie
irgendwo ganz im Grossen, weit ueber mir, wo ich nicht hinreichte.

Das Versprechen erfuellt sich noch immer, irgendwann ist dasselbe Buch
unter meine Buecher geraten, unter die paar Buecher, von denen ich mich
nicht trenne. Nun schlaegt es sich auch mir an den Stellen auf, die ich
gerade meine, und wenn ich sie lese, so bleibt es unentschieden, ob ich an
Bettine denke oder an Abelone. Nein, Bettine ist wirklicher in mir
geworden, Abelone, die ich gekannt habe, war wie eine Vorbereitung auf sie,
und nun ist sie mir in Bettine aufgegangen wie in ihrem eigenen,
unwillkuerlichen Wesen. Denn diese wunderliche Bettine hat mit allen ihren
Briefen Raum gegeben, geraeumigste Gestalt. Sie hat von Anfang an sich im
Ganzen so ausgebreitet, als waer sie nach ihrem Tod. Ueberall hat sie sich
ganz weit ins Sein hineingelegt, zugehoerig dazu, und was ihr geschah, das
war ewig in der Natur; dort erkannte sie sich und loeste sich beinah
schmerzhaft heraus; erriet sich muehsam zurueck wie aus Ueberlieferungen,
beschwor sich wie einen Geist und hielt sich aus.

Eben warst du noch, Bettine; ich seh dich ein. Ist nicht die Erde noch
warm von dir, und die Voegel lassen noch Raum fuer deine Stimme. Der Tau
ist ein anderer, aber die Sterne sind noch die Sterne deiner Naechte. Oder
ist nicht die Welt ueberhaupt von dir? denn wie oft hast du sie in Brand
gesteckt mit deiner Liebe und hast sie lodern sehen und aufbrennen und
hast sie heimlich durch eine andere ersetzt, wenn alle schliefen. Du
fuehltest dich so recht im Einklang mit Gott, wenn du jeden Morgen eine
neue Erde von ihm verlangtest, damit doch alle drankaemen, die er gemacht
hatte. Es kam dir armsaelig vor, sie zu schonen und auszubessern, du
verbrauchtest sie und hieltest die Haende hin um immer noch Welt. Denn
deine Liebe war allem gewachsen.

Wie ist es moeglich, dass nicht noch alle erzaehlen von deiner Liebe? Was
ist denn seither geschehen, was merkwuerdiger war? Was beschaeftigt sie
denn? Du selber wusstest um deiner Liebe Wert, du sagtest sie laut deinem
groessesten Dichter vor, dass er sie menschlich mache; denn sie war noch
Element. Er aber hat sie den Leuten ausgeredet, da er dir schrieb. Alle
haben diese Antworten gelesen und glauben ihnen mehr, weil der Dichter
ihnen deutlicher ist als die Natur. Aber vielleicht wird es sich einmal
zeigen, dass hier die Grenze seiner Groesse war. Diese Liebende ward ihm
auferlegt, und er hat sie nicht bestanden. Was heisst es, dass er nicht hat
erwidern koennen? Solche Liebe bedarf keiner Erwiderung, sie hat Lockruf
und Antwort in sich; sie erhoert sich selbst. Aber demuetigen haette er sich
muessen vor ihr in seinem ganzen Staat und schreiben was sie diktiert, mit
beiden Haenden, wie Johannes auf Patmos, knieend. Es gab keine Wahl dieser
Stimme gegenueber, die "das Amt der Engel verrichtete"; die gekommen war,
ihn einzuhuellen und zu entziehen ins Ewige hinein. Da war der Wagen
seiner feurigen Himmelfahrt. Da war seinem Tod der dunkle Mythos bereitet,
den er leer liess.

Das Schicksal liebt es, Muster und Figuren zu erfinden. Seine
Schwierigkeit beruht im Komplizierten. Das Leben selbst aber ist schwer
aus Einfachheit. Es hat nur ein paar Dinge von uns nicht angemessener
Groesse. Der Heilige, indem er das Schicksal ablehnt, waehlt diese, Gott
gegenueber. Dass aber die Frau, ihrer Natur nach, in Bezug auf den Mann die
gleiche Wahl treffen muss, ruft das Verhaengnis aller Liebesbeziehungen
herauf: entschlossen und schicksalslos, wie eine Ewige, steht sie neben
ihm, der sich verwandelt. Immer uebertrifft die Liebende den Geliebten,
weil das Leben groesser ist als das Schicksal. Ihre Hingabe will
unermesslich sein: dies ist ihr Glueck. Das namenlose Leid ihrer Liebe aber
ist immer dieses gewesen: dass von ihr verlangt wird, diese Hingabe zu
beschraenken. Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden: die
beiden ersten Briefe Heloïsens enthalten nur sie, und fuenfhundert Jahre
spaeter erhebt sie sich aus den Briefen der Portugiesin; man erkennt sie
wieder wie einen Vogelruf. Und ploetzlich geht durch den hellen Raum
dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt, die die Jahrhunderte nicht
fanden, da sie sie im Schicksal suchten.

Ich habe niemals gewagt, von ihm eine Zeitung zu kaufen. Ich bin nicht
sicher, dass er wirklich immer einige Nummern bei sich hat, wenn er sich
aussen am Luxembourg-Garten langsam hin und zurueck schiebt den ganzen Abend
lang. Er kehrt dem Gitter den Ruecken, und seine Hand streift den
Steinrand, auf dem die Staebe aufstehen. Er macht sich so flach, dass
taeglich viele voruebergehen, die ihn nie gesehen haben. Zwar hat er noch
einen Rest von Stimme in sich und mahnt; aber das ist nicht anders als ein
Geraeusch in einer Lampe oder im Ofen oder wenn es in eigentuemlichen
Abstaenden in einer Grotte tropft. Und die Welt ist so eingerichtet, dass
es Menschen giebt, die ihr ganzes Leben lang in der Pause vorbeikommen,
wenn er, lautloser als alles was sich bewegt, weiter rueckt wie ein Zeiger,
wie eines Zeigers Schatten, wie die Zeit.

Wie unrecht hatte ich, ungern hinzusehen. Ich schaeme mich aufzuschreiben,
dass ich oft in seiner Naehe den Schritt der andern annahm, als wuesste ich
nicht um ihn. Dann hoerte ich es in ihm "La Presse" sagen und gleich
darauf noch einmal und ein drittes Mal in raschen Zwischenraeumen. Und die
Leute neben mir sahen sich um und suchten die Stimme. Nur ich tat eiliger
als alle, als waere mir nichts aufgefallen, als waere ich innen ueberaus
beschaeftigt.

Und ich war es in der Tat. Ich war beschaeftigt, ihn mir vorzustellen, ich
unternahm die Arbeit, ihn einzubilden, und der Schweiss trat mir aus vor
Anstrengung. Denn ich musste ihn machen wie man einen Toten macht, fuer den
keine Beweise mehr da sind, keine Bestandteile; der ganz und gar innen zu
leisten ist. Ich weiss jetzt, dass es mir ein wenig half, an die vielen
abgenommenen Christusse aus streifigem Elfenbein zu denken, die bei allen
Althaendlern herumliegen. Der Gedanke an irgendeine Pieta trat vor und
ab--: dies alles wahrscheinlich nur, um eine gewisse Neigung hervorzurufen,
in der sein langes Gesicht sich hielt, und den trostlosen Bartnachwuchs
im Wangenschatten und die endgueltig schmerzvolle Blindheit seines
verschlossenen Ausdrucks, der schraeg aufwaerts gehalten war. Aber es war
ausserdem so vieles, was zu ihm gehoerte; denn dies begriff ich schon damals,
dass nichts an ihm nebensaechlich sei: nicht die Art, wie der Rock oder der
Mantel, hinten abstehend, ueberall den Kragen sehen liess, diesen niedrigen
Kragen, der in einem grossen Bogen um den gestreckten, nischigen Hals stand,
ohne ihn zu beruehren; nicht die gruenlich schwarze Krawatte, die weit um
das Ganze herumgeschnallt war; und ganz besonders nicht der Hut, ein alter,
hochgewoelbter, steifer Filzhut, den er trug wie alle Blinden ihre Huete
tragen: ohne Bezug zu den Zeilen des Gesichts, ohne die Moeglichkeit, aus
diesem Hinzukommenden und sich selbst eine neue aeussere Einheit zu bilden;
nicht anders als irgendeinen verabredeten fremden Gegenstand. In meiner
Feigheit, nicht hinzusehen, brachte ich es so weit, dass das Bild dieses
Mannes sich schliesslich oft auch ohne Anlass stark und schmerzhaft in mir
zusammenzog zu so hartem Elend, dass ich mich, davon bedraengt, entschloss,
die zunehmende Fertigkeit meiner Einbildung durch die auswaertige Tatsache
einzuschuechtern und aufzuheben. Es war gegen Abend. Ich nahm mir vor,
sofort aufmerksam an ihm vorbeizugehen.

Nun muss man wissen: es ging auf den Fruehling zu. Der Tagwind hatte sich
gelegt, die Gassen waren lang und befriedigt; an ihrem Ausgang schimmerten
Haeuser, neu wie frische Bruchstellen eines weissen Metalls. Aber es war
ein Metall, das einen ueberraschte durch seine Leichtigkeit. In den
breiten, fortlaufenden Strassen zogen viele Leute durcheinander, fast ohne
die Wagen zu fuerchten, die selten waren. Es musste ein Sonntag sein. Die
Turmaufsaetze von Saint-Sulpice zeigten sich heiter und unerwartet hoch in
der Windstille, und durch die schmalen, beinah roemischen Gassen sah man
unwillkuerlich hinaus in die Jahreszeit. Im Garten und davor war so viel
Bewegung von Menschen, dass ich ihn nicht gleich sah. Oder erkannte ich
ihn zuerst nicht zwischen der Menge durch?

Ich wusste sofort, dass meine Vorstellung wertlos war. Die durch keine
Vorsicht oder Verstellung eingeschraenkte Hingegebenheit seines Elends
uebertraf meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung
begriffen gehabt noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite seiner Lider
ihn fortwaehrend zu erfuellen schien. Ich hatte nie an seinen Mund gedacht,
der eingezogen war wie die Oeffnung eines Ablaufs. Moeglicherweise hatte er
Erinnerungen; jetzt aber kam nie mehr etwas zu seiner Seele hinzu als
taeglich das amorphe Gefuehl des Steinrands hinter ihm, an dem seine Hand
sich abnutzte. Ich war stehngeblieben, und waehrend ich das alles fast
gleichzeitig sah, fuehlte ich, dass er einen anderen Hut hatte und eine ohne
Zweifel sonntaegliche Halsbinde; sie war schraeg in gelben und violetten
Vierecken gemustert, und was den Hut angeht, so war es ein billiger neuer
Strohhut mit einem gruenen Band. Es liegt natuerlich nichts an diesen
Farben, und es ist kleinlich, dass ich sie behalten habe. Ich will nur
sagen, dass sie an ihm waren wie das Weicheste auf eines Vogels Unterseite.
Er selbst hatte keine Lust daran, und wer von allen (ich sah mich um)
durfte meinen, dieser Staat waere um seinetwillen?

Mein Gott, fiel es mir mit Ungestuem ein, so bist du also. Es giebt
Beweise fuer deine Existenz. Ich habe sie alle vergessen und habe keinen
je verlangt, denn welche unge heuere Verpflichtung laege in deiner
Gewissheit. Und doch, nun wird mirs gezeigt. Dieses ist dein Geschmack,
hier hast du Wohlgefallen. Dass wir doch lernten, vor allem aushalten und
nicht urteilen. Welche sind die schweren Dinge? Welche die gnaedigen?
Du allein weisst es. Wenn es wieder Winter wird und ich muss einen neuen
Mantel haben,--gieb mir, dass ich ihn so trage, solang er neu ist.

Es ist nicht, dass ich mich von ihnen unterscheiden will, wenn ich in
besseren, von Anfang an meinigen Kleidern herumgehe und darauf halte,
irgendwo zu wohnen. Ich bin nicht so weit. Ich habe nicht das Herz zu
ihrem Leben. Wenn mir der Arm einginge, ich glaube, ich versteckte ihn.
Sie aber (ich weiss nicht, wer sie sonst war), sie erschien jeden Tag vor
den Terrassen der Cafehaeuser, und obwohl es sehr schwer war fuer sie, den
Mantel abzutun und sich aus dem unklaren Zeug und Unterzeug herauszuziehen,
sie scheute der Muehe nicht und tat ab und zog aus so lange, dass mans kaum
mehr erwarten konnte. Und dann stand sie vor uns, bescheiden, mit ihrem
duerren, verkuemmerten Stueck, und man sah, dass es rar war.

Nein, es ist nicht, dass ich mich von ihnen unterscheiden will; aber ich
ueberhuebe mich, wollte ich ihnen gleich sein. Ich bin es nicht. Ich haette
weder ihre Staerke noch ihr Mass. Ich ernaehre mich, und so bin ich von
Mahlzeit zu Mahlzeit, voellig geheimnislos; sie aber erhalten sich fast wie
Ewige. Sie stehen an ihren taeglichen Ecken, auch im November, und
schreien nicht vor Winter. Der Nebel kommt und macht sie undeutlich und
ungewiss: sie sind gleichwohl. Ich war verreist, ich war krank, vieles ist
mir vergangen: sie aber sind nicht gestorben.

(Ich weiss ja nicht einmal, wie es moeglich ist, dass die Schulkinder
aufstehn in den Kammern voll grauriechender Kaelte; wer sie bestaerkt, die
ueberstuerzten Skelettchen, dass sie hinauslaufen in die erwachsene Stadt, in
die truebe Neige der Nacht, in den ewigen Schultag, immer noch klein, immer
voll Vorgefuehl, immer verspaetet. Ich habe keine Vorstellung von der Menge
Beistand, die fortwaehrend verbraucht wird.)

Diese Stadt ist voll von solchen, die langsam zu ihnen hinabgleiten. Die
meisten straeuben sich erst; aber dann giebt es diese verblichenen,
alternden Maedchen, die sich fortwaehrend ohne Widerstand hinueberlassen,
starke, im Innersten ungebrauchte, die nie geliebt worden sind.
Vielleicht meinst du, mein Gott, dass ich alles lassen soll und sie lieben.
Oder warum wird es mir so schwer, ihnen nicht nachzugehen, wenn sie mich
ueberholen? Warum erfind ich auf einmal die suessesten, naechtlichsten Worte,
und meine Stimme steht sanft in mir zwischen Kehle und Herz. Warum stell
ich mir vor, wie ich sie unsaeglich vorsichtig an meinen Atem halten wuerde,
diese Puppen, mit denen das Leben gespielt hat, ihnen Fruehling um Fruehling
fuer nichts und wieder nichts die Arme auseinanderschlagend bis sie locker
wurden in den Schultern. Sie sind nie sehr hoch von einer Hoffnung
gefallen, so sind sie nicht zerbrochen; aber abgeschlagen sind sie und
schon dem Leben zu schlecht. Nur verlorene Katzen kommen abends zu ihnen
in die Kammer und zerkratzen sie heimlich und schlafen auf ihnen.
Manchmal folge ich einer zwei Gassen weit. Sie gehen an den Haeusern hin,
fortwaehrend kommen Menschen, die sie verdecken, sie schwinden hinter ihnen
weiter wie nichts.

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