Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Und doch, ich weiss, wenn einer nun versuchte, sie liebzuhaben, so waeren
sie schwer an ihm wie Zuweitgegangene, die aufhoeren zu gehn. Ich glaube,
nur Jesus ertruege sie, der noch das Auferstehen in allen Gliedern hat;
aber ihm liegt nichts an ihnen. Nur die Liebenden verfuehren ihn, nicht
die, die warten mit einem kleinen Talent zur Geliebten wie mit einer
kalten Lampe.
Ich weiss, wenn ich zum Aeussersten bestimmt bin, so wird es mir nichts
helfen, dass ich mich verstelle in meinen besseren Kleidern. Glitt er
nicht mitten im Koenigtum unter die Letzten? Er, der statt aufzusteigen
hinabsank bis auf den Grund. Es ist wahr, ich habe zuzeiten an die
anderen Koenige geglaubt, obwohl die Parke nichts mehr beweisen. Aber es
ist Nacht, es ist Winter, ich friere, ich glaube an ihn. Denn die
Herrlichkeit ist nur ein Augenblick, und wir haben nie etwas Laengeres
gesehen als das Elend. Der Koenig aber soll dauern.
Ist nicht dieser der Einzige, der sich erhielt unter seinem Wahnsinn wie
Wachsblumen unter einem Glassturz? Fuer die anderen beteten sie in den
Kirchen um langes Leben, von ihm aber verlangte der Kanzler Jean Charlier
Gerson, dass er ewig sei, und das war damals, als er schon der Duerftigste
war, schlecht und von schierer Armut trotz seiner Krone.
Das war damals, als von Zeit zu Zeit Maenner fremdlings, mit geschwaerztem
Gesicht, ihn in seinem Bette ueberfielen, um ihm das in die Schwaeren
hineingefaulte Hemde abzureissen, das er schon laengst fuer sich selber hielt.
Es war verdunkelt im Zimmer, und sie zerrten unter seinen steifen Armen
die muerben Fetzen weg, wie sie sie griffen. Dann leuchtete einer vor, und
da erst entdeckten sie die jaesige Wunde auf seiner Brust, in die das
eiserne Amulett eingesunken war, weil er es jede Nacht an sich presste mit
aller Kraft seiner Inbrunst; nun stand es tief in ihm, fuerchterlich
kostbar, in einem Perlensaum von Eiter wie ein wundertuender Rest in der
Mulde eines Reliquaers. Man hatte harte Handlanger ausgesucht, aber sie
waren nicht ekelfest, wenn die Wuermer, gestoert, nach ihnen herueberstanden
aus dem flandrischen Barchent und, aus den Falten abgefallen, sich
irgendwo an ihren Aermeln aufzogen. Es war ohne Zweifel schlimmer geworden
mit ihm seit den Tagen der parva regina; denn sie hatte doch noch bei ihm
liegen moegen, jung und klar wie sie war. Dann war sie gestorben. Und nun
hatte keiner mehr gewagt, eine Beischlaeferin an dieses Aas anzubetten.
Sie hatte die Worte und Zaertlichkeiten nicht hinterlassen, mit denen der
Koenig zu mildern war. So drang niemand mehr durch dieses Geistes
Verwilderung; niemand half ihm aus den Schluchten seiner Seele; niemand
begriff es, wenn er selbst ploetzlich heraustrat mit dem runden Blick eines
Tiers, das auf die Weide geht. Wenn er dann das beschaeftigte Gesicht
Juvenals erkannte, so fiel ihm das Reich ein, wie es zuletzt gewesen war.
Und er wollte nachholen, was er versaeumt hatte.
Aber es lag an den Ereignissen jener Zeitlaeufte, dass sie nicht schonend
beizubringen waren. Wo etwas geschah, da geschah es mit seiner ganzen
Schwere, und war wie aus einem Stueck, wenn man es sagte. Oder was war
davon abzuziehen, dass sein Bruder ermordet war, dass gestern Valentina
Visconti, die er immer seine liebe Schwester nannte, vor ihm gekniet hatte,
lauter Witwenschwarz weg hebend von des entstellten Antlitzes Klage und
Anklage? Und heute stand stundenlang ein zaeher, rediger Anwalt da und
bewies das Recht des fuerstlichen Mordgebers, solange bis das Verbrechen
durchscheinend wurde und als wollte es licht in den Himmel fahren. Und
gerecht sein hiess, allen recht geben; denn Valentina von Orleans starb
Kummers, obwohl man ihr Rache versprach. Und was half es, dem
burgundischen Herzog zu verzeihen und wieder zu verzeihen; ueber den war
die finstere Brunst der Verzweiflung gekommen, so dass er schon seit Wochen
tief im Walde von Argilly wohnte in einem Zelt und behauptete, nachts die
Hirsche schreien hoeren zu muessen zu seiner Erleichterung.
Wenn man dann das alles bedacht hatte, immer wieder bis ans Ende, kurz wie
es war, so begehrte das Volk einen zu sehen, und es sah einen: ratlos.
Aber das Volk freute sich des Anblicks; es begriff, dass dies der Koenig sei:
dieser Stille, dieser Geduldige, der nur da war, um es zuzulassen, dass
Gott ueber ihn weg handelte in seiner spaeten Ungeduld. In diesen
aufgeklaerten Augenblicken auf dem Balkon seines Hotels von Saint-Pol ahnte
der Koenig vielleicht seinen heimlichen Fortschritt; der Tag von Roosbecke
fiel ihm ein, als sein Oheim von Berry ihn an der Hand genommen hatte, um
ihn hinzufuehren vor seinen ersten fertigen Sieg; da ueberschaute er in dem
merkwuerdig langhellen Novembertag die Massen der Genter, so wie sie sich
erwuergt hatten mit ihrer eigenen Enge, da man gegen sie angeritten war von
allen Seiten. Ineinandergewunden wie ein unge heueres Gehirn, lagen sie
da in den Haufen, zu denen sie sich selber zusammengebunden hatten, um
dicht zu sein. Die Luft ging einem weg, wenn man da und dort ihre
erstickten Gesichter sah; man konnte es nicht lassen, sich vorzustellen,
dass sie weit ueber diesen vor Gedraenge noch stehenden Leichen verdraengt
worden sei durch den ploetzlichen Austritt so vieler verzweifelter Seelen.
Dies hatte man ihm eingepraegt als den Anfang seines Ruhms. Und er hatte
es behalten. Aber, wenn das damals der Triumph des Todes war, so war
dieses, dass er hier stand auf seinen schwachen Knieen, aufrecht in allen
diesen Augen: das Mysterium der Liebe. An den anderen hatte er gesehen,
dass man jenes Schlachtfeld begreifen konnte, so ungeheuer es war. Dies
hier wollte nicht begriffen sein; es war genau so wunderbar wie einst der
Hirsch mit dem goldenen Halsband im Wald von Senlis. Nur dass er jetzt
selber die Erscheinung war, und andere waren versunken in Anschauen. Und
er zweifelte nicht, dass sie atemlos waren und von derselben weiten
Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem juenglinglichen Jagdtag ueberfiel,
als das stille Gesicht, aeugend, aus den Zweigen trat. Das Geheimnis
seiner Sichtbarkeit verbreitete sich ueber seine sanfte Gestalt; er ruehrte
sich nicht, aus Scheu, zu vergehen, das duenne Laecheln auf seinem breiten,
einfachen Gesicht nahm eine natuerliche Dauer an wie bei steinernen
Heiligen und bemuehte ihn nicht. So hielt er sich hin, und es war einer
jener Augenblicke, die die Ewigkeit sind, in Verkuerzung gesehen. Die
Menge ertrug es kaum. Gestaerkt, von unerschoepflich vermehrter Troestung
gespeist, durchbrach sie die Stille mit dem Aufschrei der Freude. Aber
oben auf dem Balkon war nur noch Juvenal des Ursins, und er rief in die
naechste Beruhigung hinein, dass der Koenig rue Saint-Denis kommen wuerde zu
der Passionsbruederschaft, die Mysterien sehen. Zu solchen Tagen war der
Koenig voll milden Bewusstseins. Haette ein Maler jener Zeit einen Anhalt
gesucht fuer das Dasein im Paradiese, er haette kein vollkommeneres Vorbild
finden koennen als des Koenigs gestillte Figur, wie sie in einem der hohen
Fenster des Louvre stand unter dem Sturz ihrer Schultern. Er blaetterte in
dem kleinen Buch der Christine de Pisan, das "Der Weg des langen Lernens"
heisst und das ihm gewidmet war. Er las nicht die gelehrten Streitreden
jenes allegorischen Parlaments, das sich vorgesetzt hatte, den Fuersten
ausfindig zu machen, der wuerdig sei, ueber die Welt zu herrschen. Das Buch
schlug sich ihm immer an den einfachsten Stellen auf: wo von dem Herzen
die Rede war, das dreizehn Jahre lang wie ein Kolben ueber dem Schmerzfeuer
nur dazu gedient hatte, das Wasser der Bitternis fuer die Augen zu
destillieren; er begriff, dass die wahre Konsolation erst begann, wenn das
Glueck vergangen genug und fuer immer vorueber war. Nichts war ihm naeher,
als dieser Trost. Und waehrend sein Blick scheinbar die Bruecke drueben
umfasste, liebte er es, durch dieses von der starken Cumaea zu grossen Wegen
ergriffene Herz die Welt zu sehen, die damalige: die gewagten Meere,
fremdtuermige Staedte, zugehalten vom Ausdruck der Weiten; der gesammelten
Gebirge ekstatische Einsamkeit und die in fuerchtigem Zweifel erforschten
Himmel, die sich erst schlossen wie eines Saugkindes Hirnschale.
Aber wenn jemand eintrat, so erschrak er, und langsam beschlug sich sein
Geist. Er gab zu, dass man ihn vom Fenster fortfuehrte und ihn beschaeftigte.
Sie hatten ihm die Gewohnheit beigebracht, stundenlang ueber Abbildungen
zu verweilen, und er war es zufrieden, nur kraenkte es ihn, dass man im
Blaettern niemals mehrere Bilder vor sich behielt und dass sie in den
Folianten festsassen, so dass man sie nicht untereinander bewegen konnte.
Da hatte sich jemand eines Spiels Karten erinnert, das voellig in
Vergessenheit geraten war, und der Koenig nahm den in Gunst, der es ihm
brachte; so sehr waren diese Kartons nach seinem Herzen, die bunt waren
und einzeln beweglich und voller Figur. Und waehrend das Kartenspielen
unter den Hofleuten in Mode kam, sass der Koenig in seiner Bibliothek und
spielte allein. Genau wie er nun zwei Koenige nebeneinander aufschlug, so
hatte Gott neulich ihn und den Kaiser Wenzel zusammengetan; manchmal starb
eine Koenigin, dann legte er ein Herz-Ass auf sie, das war wie ein Grabstein.
Es wunderte ihn nicht, dass es in diesem Spiel mehrere Paepste gab; er
richtete Rom ein drueben am Rande des Tisches, und hier, unter seiner
Rechten, war Avignon. Rom war ihm gleichgueltig, er stellte es sich aus
irgendeinem Grunde rund vor und bestand nicht weiter darauf. Aber Avignon
kannte er. Und kaum dachte er es, so wiederholte seine Erinnerung den
hohen hermetischen Palast und ueberanstrengte sich. Er schloss die Augen
und musste tief Atem holen. Er fuerchtete boes zu traeumen naechste Nacht.
Im ganzen aber war es wirklich eine beruhigende Beschaeftigung, und sie
hatten recht, ihn immer wieder darauf zu bringen. Solche Stunden
befestigten ihn in der Ansicht, dass er der Koenig sei, Koenig Karl der
Sechste. Das will nicht sagen, dass er sich uebertrieb; weit von ihm war
die Meinung, mehr zu sein als so ein Blatt, aber die Gewissheit bestaerkte
sich in ihm, dass auch er eine bestimmte Karte sei, vielleicht eine
schlechte, eine zornig ausgespielte, die immer verlor: aber immer die
gleiche: aber nie eine andere. Und doch, wenn eine Woche so hingegangen
war in gleichmaessiger Selbstbestaetigung, so wurde ihm enge in ihm. Die
Haut spannte ihn um die Stirn und im Nacken, als empfaende er auf einmal
seinen zu deutlichen Kontur. Niemand wusste, welcher Versuchung er nachgab,
wenn er dann nach den Mysterien fragte und nicht erwarten konnte, dass sie
begaennen. Und war es einmal so weit, so wohnte er mehr rue Saint-Denis
als in seinem Hoetel von Saint-Pol.
Es war das Verhaengnisvolle dieser dargestellten Gedichte, dass sie sich
immerfort ergaenzten und erweiterten und zu Zehntausenden von Versen
anwuchsen, so dass die Zeit in ihnen schliesslich die wirkliche war; etwa so,
als machte man einen Globus im Massstab der Erde. Die hohle Estrade,
unter der die Hoelle war und ueber der, an einen Pfeiler angebaut, das
gelaenderlose Geruest eines Balkons das Niveau des Paradieses bedeutete,
trug nur noch dazu bei, die Taeuschung zu verringern. Denn dieses Jahr
hundert hatte in der Tat Himmel und Hoelle irdisch gemacht: es lebte aus
den Kraeften beider, um sich zu ueberstehen.
Es waren die Tage jener avignonesischen Christenheit, die sich vor einem
Menschenalter um Johann den Zweiundzwanzigsten zusammengezogen hatte, mit
so viel unwillkuerlicher Zuflucht, dass an dem Platze seines Pontifikats,
gleich nach ihm, die Masse dieses Palastes entstanden war, verschlossen
und schwer wie ein aeusserster Notleib fuer die wohnlose Seele aller. Er
selbst aber, der kleine, leichte, geistige Greis, wohnte noch im Offenen.
Waehrend er, kaum angekommen, ohne Aufschub, nach allen Seiten hin rasch
und knapp zu handeln begann, standen die Schuesseln mit Gift gewuerzt auf
seiner Tafel; der erste Becher musste immer weggeschuettet werden, denn das
Stueck Einhorn war missfarbig, wenn es der Mundkaemmerer daraus zurueckzog.
Ratlos, nicht wissend, wo er sie verbergen sollte, trug der Siebzigjaehrige
die Wachsbildnisse herum, die man von ihm gemacht hatte, um ihn darin zu
verderben; und er ritzte sich an den langen Nadeln, mit denen sie
durchstochen waren. Man konnte sie einschmelzen. Doch so hatte er sich
schon an diesen heimlichen Simulakern entsetzt, dass er, gegen seinen
starken Willen, mehrmals den Gedanken formte, er koennte sich selbst damit
toedlich sein und hinschwinden wie das Wachs am Feuer. Sein verminderter
Koerper wurde nur noch trockener vom Grausen und dauerhafter. Aber nun
wagte man sich an den Koerper seines Reichs; von Granada aus waren die
Juden angestiftet worden, alle Christlichen zu vertilgen, und diesmal
hatten sie sich furchtbarere Vollzieher erkauft. Niemand zweifelte,
gleich auf die ersten Geruechte hin, an dem Anschlag der Leprosen; schon
hatten einzelne gesehen, wie sie Buendel ihrer schrecklichen Zersetzung in
die Brunnen warfen. Es war nicht Leichtglaeubigkeit, dass man dies sofort
fuer moeglich hielt; der Glaube, im Gegenteil, war so schwer geworden, dass
er den Zitternden entsank und bis auf den Grund der Brunnen fiel. Und
wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom Blute. Zur Zeit seiner
aberglaeubischen Anwandlungen hatte er sich und seiner Umgebung das Angelus
verschrieben gegen die Daemonen der Daemmerung; und nun laeutete man auf der
ganzen erregten Welt jeden Abend dieses kalmierende Gebet. Sonst aber
glichen alle Bullen und Briefe, die von ihm ausgingen, mehr einem
Gewuerzwein als einer Tisane. Das Kaisertum hatte sich nicht in seine
Behandlung gestellt, aber er ermuedete nicht, es mit Beweisen seines
Krankseins zu ueberhaeufen; und schon wandte man sich aus dem fernsten Osten
an diesen herrischen Arzt.
Aber da geschah das Unglaubliche. Am Allerheiligentag hatte er gepredigt,
laenger, waermer als sonst; in einem ploetzlichen Beduerfnis, wie um ihn
selbst wiederzusehen, hatte er seinen Glauben gezeigt; aus dem
fuenfundachtzigjaehrigen Tabernakel hatte er ihn mit aller Kraft langsam
herausgehoben und auf der Kanzel ausgestellt: und da schrieen sie ihn an.
Ganz Europa schrie: dieser Glaube war schlecht.
Damals verschwand der Papst. Tagelang ging keine Aktion von ihm aus, er
lag in seinem Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis der
Handelnden, die Schaden nehmen an ihrer Seele. Endlich erschien er,
erschoepft von der schweren Einkehr, und widerrief. Er widerrief einmal
ueber das andere. Es wurde die senile Leidenschaft seines Geistes, zu
widerrufen. Es konnte geschehen, dass er nachts die Kardinaele wecken liess,
um mit ihnen von seiner Reue zu reden. Und vielleicht war das, was sein
Leben ueber die Massen hinhielt, schliesslich nur die Hoffnung, sich auch
noch vor Napoleon Orsini zu demuetigen, der ihn hasste und der nicht kommen
wollte. Jakob von Cahors hatte widerrufen. Und man koennte meinen, Gott
selber haette seine Irrung erweisen wollen, da er so bald hernach jenen
Sohn des Grafen von Ligny aufkommen liess, der seine Muendigkeit auf Erden
nur abzuwarten schien, um des Himmels seelische Sinnlichkeiten mannbar
anzutreten. Es lebten viele, die sich dieses klaren Knaben in seinem
Kardinalat erinnerten, und wie er am Eingang seiner Juenglingschaft Bischof
geworden und mit kaum achtzehn Jahren in einer Ekstase seiner Vollendung
gestorben war. Man begegnete Totgewesenen: denn die Luft an seinem Grabe,
in der, frei geworden, pures Leben lag, wirkte lange noch auf die
Leichname. Aber war nicht etwas Verzweifeltes selbst in dieser fruehreifen
Heiligkeit? War es nicht ein Unrecht an allen, dass das reine Gewebe
dieser Seele nur eben durchgezogen worden war, als han delte es sich nur
darum, es in der garen Scharlachkuepe der Zeit leuchtend zu faerben?
Empfand man nicht etwas wie einen Gegenstoss, da dieser junge Prinz von der
Erde absprang in seine leidenschaftliche Himmelfahrt? Warum verweilten
die Leuchtenden nicht unter den muehsamen Lichtziehern? War es nicht diese
Finsternis, die Johann den Zweiundzwanzigsten dahin gebracht hatte, zu
behaupten, dass es vor dem juengsten Gericht keine ganze Seligkeit gaebe,
nirgends, auch unter den Seligen nicht? Und in der Tat, wieviel
rechthaberische Verbissenheit gehoerte dazu, sich vorzustellen, dass,
waehrend hier so dichte Wirrsal geschah, irgendwo Gesichter schon im
Scheine Gottes lagen, an Engel zurueckgelehnt und gestillt durch die
unausschoepfliche Aussicht auf ihn.
Da sitze ich in der kalten Nacht und schreibe und weiss das alles. Ich
weiss es vielleicht, weil mir jener Mann begegnet ist, damals als ich klein
war. Er war sehr gross, ich glaube sogar, dass er auffallen musste durch
seine Groesse.
So unwahrscheinlich es ist, es war mir irgendwie gelungen, gegen Abend
allein aus dem Haus zu kommen; ich lief, ich bog um eine Ecke, und in
demselben Augenblick stiess ich gegen ihn. Ich begreife nicht, wie das,
was jetzt geschah, sich in etwa fuenf Sekunden abspielen konnte. So dicht
man es auch erzaehlt, es dauert viel laenger. Ich hatte mir weh getan im
Anlauf an ihn; ich war klein, es schien mir schon viel, dass ich nicht
weinte, auch erwartete ich unwillkuerlich, getroestet zu sein. Da er das
nicht tat, hielt ich ihn fuer verlegen; es fiel ihm, vermutete ich, der
richtige Scherz nicht ein, in dem diese Sache aufzuloesen war. Ich war
schon vergnuegt genug, ihm dabei zu helfen, aber dazu war es noetig, ihm ins
Gesicht zu sehen. Ich habe gesagt, dass er gross war. Nun hatte er sich
nicht, wie es doch natuerlich gewesen waere, ueber mich gebeugt, so dass er
sich in einer Hoehe befand, auf die ich nicht vorbereitet war. Immer noch
war vor mir nichts als der Geruch und die eigentuemliche Haerte seines
Anzugs, die ich gefuehlt hatte. Ploetzlich kam sein Gesicht. Wie es war?
Ich weiss es nicht, ich will es nicht wissen. Es war das Gesicht eines
Feindes. Und neben diesem Gesicht, dicht nebenan, in der Hoehe der
schrecklichen Augen, stand, wie ein zweiter Kopf, seine Faust. Ehe ich
noch Zeit hatte, mein Gesicht wegzusenken, lief ich schon; ich wich links
an ihm vorbei und lief geradeaus eine leere, furchtbare Gasse hinunter,
die Gasse einer fremden Stadt, einer Stadt, in der nichts vergeben wird.
Damals erlebte ich, was ich jetzt begreife: jene schwere, massive,
verzweifelte Zeit. Die Zeit, in der der Kuss zweier, die sich versoehnten,
nur das Zeichen fuer die Moerder war, die herumstanden. Sie tranken aus
demselben Becher, sie bestiegen vor aller Augen das gleiche Reitpferd, und
es wurde verbreitet, dass sie die Nacht in einem Bette schlafen wuerden: und
ueber allen diesen Beruehrungen wurde ihr Widerwillen aneinander so dringend,
dass, sooft einer die schlagenden Adern des andern sah, ein krankhafter
Ekel ihn baeumte, wie beim Anblick einer Kroete. Die Zeit, in der ein
Bruder den Bruder um dessen groesseren Erbteils willen ueberfiel und
gefangenhielt; zwar trat der Koenig fuer den Misshandelten ein und erreichte
ihm Freiheit und Eigentum; in anderen, fernen Schicksalen beschaeftigt,
gestand ihm der Aeltere Ruhe zu und bereute in Briefen sein Unrecht. Aber
ueber alledem kam der Befreite nicht mehr zur Fassung. Das Jahrhundert
zeigt ihn im Pilgerkleid von Kirche zu Kirche ziehen, immer wunderlichere
Geluebde erfindend. Mit Amuletten behangen, fluestert er den Moenchen von
Saint-Denis seine Befuerchtungen zu, und in ihren Registern stand lange die
hundertpfuendige Wachskerze verzeichnet, die er fuer gut hielt, dem heiligen
Ludwig zu weihen. Zu seinem eigenen Leben kam es nicht; bis an sein Ende
fuehlte er seines Bruders Neid und Zorn in verzerrter Konstellation ueber
seinem Herzen. Und jener Graf von Foix, Gaston Phoebus, der in aller
Bewunderung war, hatte er nicht seinen Vetter Ernault, des englischen
Koenigs Hauptmann zu Lourdes, offen getoetet? Und was war dieser deutliche
Mord gegen den grauenvollen Zufall, dass er das kleine scharfe Nagelmesser
nicht fortgelegt hatte, als er mit seiner beruehmt schoenen Hand in
zuckendem Vorwurf den blossen Hals seines liegenden Sohnes streifte? Die
Stube war dunkel, man musste leuchten, um das Blut zu sehen, das so weit
herkam und nun fuer immer ein koestliches Geschlecht verliess, da es heimlich
aus der winzigen Wunde dieses erschoepften Knaben austrat.
Wer konnte stark sein und sich des Mordes enthalten? Wer in dieser Zeit
wusste nicht, dass das Aeusserste unvermeidlich war? Da und dort ueber einen,
dessen Blick untertags dem kostenden Blick seines Moerders begegnet war,
kam ein seltsames Vorgefuehl. Er zog sich zurueck, er schloss sich ein, er
schrieb das Ende seines Willens und verordnete zum Schluss die Trage aus
Weidengeflecht, die Coelestinerkutte und Aschenstreu. Fremde Minstrel
erschienen vor seinem Schloss, und er beschenkte sie fuerstlich fuer ihre
Stimme, die mit seinen vagen Ahnungen einig war. Im Aufblick der Hunde
war Zweifel, und sie wurden weniger sicher in ihrer Aufwartung. Aus der
Devise, die das ganze Leben lang gegolten hatte, trat leise ein neuer,
offener Nebensinn. Manche lange Gewohnheit kam einem veraltet vor, aber
es war, als bildete sich kein Ersatz mehr fur sie. Stellten sich Plaene
ein, so ging man im grossen mit ihnen um, ohne wirklich an sie zu glauben;
dagegen griffen gewisse Erinnerungen zu einer unerwarteten Endgueltigkeit.
Abends, am Feuerplatz, meinte man sich ihnen zu ueberlassen. Aber die
Nacht draussen, die man nicht mehr kannte, wurde auf einmal ganz stark im
Gehoer. Das an so vielen freien oder gefaehrlichen Naechten erfahrene Ohr
unterschied einzelne Stuecke der Stille. Und doch war es anders diesmal.
Nicht die Nacht zwischen gestern und heute: eine Nacht. Nacht. Beau Sire
Dieu, und dann die Auferstehung. Kaum dass in solche Stunden die Beruehmung
um eine Geliebte hineinreichte: sie waren alle verstellt in Tagliedern und
Diengedichten; unbegreiflich geworden unter langen nachschleppenden
Prunknamen. Hoechstens, im Dunkel, wie das volle, frauige Aufschaun eines
Bastardsohns. Und dann, vor dem spaeten Nachtessen diese Nachdenklichkeit
ueber die Haende in dem silbernen Waschbecken. Die eigenen Haende. Ob ein
Zusammenhang in das Ihre zu bringen war? eine Folge, eine Fortsetzung im
Greifen und Lassen? Nein. Alle versuchten das Teil und das Gegenteil.
Alle hoben sich auf, Handlung war keine.
Es gab keine Handlung, ausser bei den Missionsbruedern. Der Koenig, so wie
er sie hatte sich gebaerden sehn, erfand selbst den Freibrief fuer sie. Er
redete sie seine lieben Brueder an; nie war ihm jemand so nahegegangen. Es
wurde ihnen woertlich bewilligt, in ihrer Bedeutung unter den Zeitlichen
herumzugehen; denn der Koenig wuenschte nichts mehr, als dass sie viele
anstecken sollten und hineinreissen in ihre starke Aktion, in der Ordnung
war. Was ihn selbst betrifft, so sehnte er sich, von ihnen zu lernen.
Trug er nicht, ganz wie sie, die Zeichen und Kleider eines Sinnes an sich?
Wenn er ihnen zusah, so konnte er glauben, dies muesste sich erlernen
lassen: zu kommen und zu gehen, auszusagen und sich abzubiegen, so dass
kein Zweifel war. Ungeheuere Hoffnungen ueberzogen sein Herz. In diesem
unruhig beleuchteten, merkwuerdig unbestimmten Saal des
Dreifaltigkeitshospitals sass er taeglich an seinem besten Platz und stand
auf vor Erregung und nahm sich zusammen wie ein Schueler. Andere weinten;
er aber war innen voll glaenzender Traenen und presste nur die kalten Haende
ineinander, um es zu ertragen. Manchmal im Aeussersten, wenn ein
abgesprochener Spieler ploetzlich wegtrat aus seinem grossen Blick, hob er
das Gesicht und erschrak: seit wie lange schon war Er da: Monseigneur
Sankt Michaël, oben, vorgetreten an den Rand des Geruests in seiner
spiegelnden silbernen Ruestung.
In solchen Momenten richtete er sich auf. Er sah um sich wie vor einer
Entscheidung. Er war ganz nahe daran, das Gegenstueck zu dieser Handlung
hier einzusehen: die grosse, bange, profane Passion, in der er spielte.
Aber auf einmal war es vorbei. Alle bewegten sich ohne Sinn. Offene
Fackeln kamen auf ihn zu, und in die Woelbung hinauf warfen sich formlose
Schatten. Menschen, die er nicht kannte, zerrten an ihm. Er wollte
spielen: aber aus seinem Mund kam nichts, seine Bewegungen ergaben keine
Gebaerde. Sie draengten sich so eigentuemlich um ihn, es kam ihm die Idee,
dass er das Kreuz tragen sollte. Und er wollte warten, dass sie es braechten.
Aber sie waren staerker, und sie schoben ihn langsam hinaus.
Aussen ist vieles anders geworden. Ich weiss nicht wie. Aber innen und
vor Dir, mein Gott, innen vor Dir, Zuschauer: sind wir nicht ohne
Handlung? Wir entdecken wohl, dass wir die Rolle nicht wissen, wir suchen
einen Spiegel, wir moechten abschminken und das Falsche abneh men und
wirklich sein. Aber irgendwo haftet uns noch ein Stueck Verkleidung an,
das wir vergessen. Eine Spur Uebertreibung bleibt in unseren Augenbrauen,
wir merken nicht, dass unsere Mundwinkel verbogen sind. Und so gehen wir
herum, ein Gespoett und eine Haelfte: weder Seiende, noch Schauspieler.
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