Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Das war im Theater zu Orange. Ohne recht aufzusehen, nur im Bewusstsein
des rustiken Bruchs, der jetzt seine Fassade ausmacht, war ich durch die
kleine Glastuer des Waechters eingetreten. Ich befand mich zwischen
liegenden Saeulenkoerpern und kleinen Althaeabaeumen, aber sie verdeckten mir
nur einen Augenblick die offene Muschel des Zuschauerhangs, die dalag,
geteilt von den Schatten des Nachmittags, wie eine riesige konkave
Sonnenuhr. Ich ging rasch auf sie zu. Ich fuehlte, zwischen den
Sitzreihen aufsteigend, wie ich abnahm in dieser Umgebung. Oben, etwas
hoeher, standen, schlecht verteilt, ein paar Fremde herum in muessiger
Neugier; ihre Anzuege waren unangenehm deutlich, aber ihr Massstab war nicht
der Rede wert. Eine Weile fassten sie mich ins Auge und wunderten sich
ueber meine Kleinheit. Das machte, dass ich mich umdrehte.
Oh, ich war voellig unvorbereitet. Es wurde gespielt. Ein immenses, ein
uebermenschliches Drama war im Gange, das Drama dieser gewaltigen
Szenenwand, deren senkrechte Gliederung dreifach auftrat, droehnend vor
Groesse, fast vernichtend und ploetzlich massvoll im Uebermass. Ich liess mich
hin vor gluecklicher Bestuerzung. Dieses Ragende da mit der antlitzhaften
Ordnung seiner Schatten, mit dem gesammelten Dunkel im Mund seiner Mitte,
begrenzt, oben, von des Kranzgesimses gleichlockiger Haartracht: dies war
die starke, alles verstellende antikische Maske, hinter der die Welt zum
Gesicht zusammenschoss. Hier, in diesem grossen, eingebogenen Sitzkreis
herrschte ein wartendes, leeres, saugendes Dasein: alles Geschehen war
drueben: Goetter und Schicksal. Und von drueben kam (wenn man hoch aufsah)
leicht, ueber den Wandgrat: der ewige Einzug der Himmel. Diese Stunde,
das begreife ich jetzt, schloss mich fuer immer aus von unseren Theatern.
Was soll ich dort? Was soll ich vor einer Szene, in der diese Wand (die
Ikonwand der russischen Kirchen) abgetragen wurde, weil man nicht mehr die
Kraft hat, durch ihre Haerte die Handlung durchzupressen, die gasfoermige,
die in vollen schweren Oeltropfen austritt. Nun fallen die Stuecke in
Brocken durch das lochige Grobsieb der Buehnen und haeufen sich an und
werden weggeraeumt, wenn es genug ist. Es ist dieselbe ungare Wirklichkeit,
die auf den Strassen liegt und in den Haeusern, nur dass mehr davon dort
zusammenkommt, als sonst in einen Abend geht.
(Lasst uns doch aufrichtig sein, wir haben kein Theater, so wenig wir einen
Gott haben: dazu gehoert Gemeinsamkeit. Jeder hat seine besonderen
Einfaelle und Befuerchtungen, und er laesst den andern so viel davon sehen,
als ihm nuetzt und passt. Wir verduennen fortwaehrend unser Verstehen, damit
es reichen soll, statt zu schreien nach der Wand einer gemeinsamen Not,
hinter der das Unbegreifliche Zeit hat, sich zu sammeln und anzuspannen.)
Haetten wir ein Theater, stuendest du dann, du Tragische immer wieder so
schmal, so bar, so ohne Gestaltvorwand vor denen, die an deinem
ausgestellten Schmerz ihre eilige Neugier vergnuegen? Du sahst, unsaeglich
Ruehrende, das Wirklichsein deines Leidens voraus, in Verona damals, als du,
fast noch ein Kind, theaterspielend, lauter Rosen vor dich hieltst wie
eine maskige Vorderansicht, die dich gesteigert verbergen sollte. Es ist
wahr, du warst ein Schauspielerkind, und wenn die Deinen spielten, so
wollten sie gesehen sein; aber du schlugst aus der Art. Dir sollte dieser
Beruf werden, was fuer Marianna Alcoforado, ohne dass sie es ahnte, die
Nonnenschaft war, eine Verkleidung, dicht und dauernd genug, um hinter ihr
rueckhaltlos elend zu sein, mit der Instaendigkeit, mit der unsichtbare
Selige selig sind. In allen Staedten, wohin du kamst, beschrieben sie
deine Gebaerde; aber sie begriffen nicht, wie du, aussichtsloser von Tag zu
Tag, immer wieder eine Dichtung vor dich hobst, ob sie dich berge. Du
hieltest dein Haar, deine Haende, irgendein dichtes Ding vor die
durchscheinenden Stellen. Du hauchtest die an, die durchsichtig waren; du
machtest dich klein; du verstecktest dich, wie Kinder sich verstecken, und
dann hattest du jenen kurzen, gluecklichen Auflaut, und hoechstens ein Engel
haette dich suchen duerfen. Aber, schautest du dann vorsichtig auf, so war
kein Zweifel, dass sie dich die ganze Zeit gesehen hatten, alle in dem
haesslichen, hohlen, aeugigen Raum: dich, dich, dich und nichts anderes.
Und es kam dich an, ihnen den Arm verkuerzt entgegenzustrecken mit dem
Fingerzeichen gegen den boesen Blick. Es kam dich an, ihnen dein Gesicht
zu entreissen, an dem sie zehrten. Es kam dich an, du selber zu sein.
Deinen Mitspielern fiel der Mut; als haette man sie mit einem
Pantherweibchen zusammengesperrt, krochen sie an den Kulissen entlang und
sprachen was faellig war, nur um dich nicht zu reizen. Da aber zogst sie
hervor und stelltest sie hin und gingst mit ihnen um wie mit Wirklichen.
Die schlappen Tueren, die hingetaeuschten Vorhaenge, die Gegenstaende ohne
Hinterseite draengten dich zum Widerspruch. Du fuehltest, wie dein Herz
sich unaufhaltsam steigerte zu einer immensen Wirklichkeit und,
erschrocken, versuchtest du noch einmal die Blicke von dir abzunehmen wie
lange Faeden Altweibersommers -: Aber da brachen sie schon in Beifall aus
in ihrer Angst vor dem Aeussersten: wie um im letzten Moment etwas von sich
abzuwenden, was sie zwingen wuerde, ihr Leben zu aendern.
Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr. Ach, dass sie sich ueberstuenden
und Liebende wuerden. Um die Liebenden ist lauter Sicherheit. Niemand
verdaechtigt sie mehr, und sie selbst sind nicht imstande, sich zu verraten.
In ihnen ist das Geheimnis heil geworden, sie schreien es im Ganzen aus
wie Nachtigallen, es hat keine Teile. Sie klagen um einen; aber die ganze
Natur stimmt in sie ein: es ist die Klage um einen Ewigen. Sie stuerzen
sich dem Verlorenen nach, aber schon mit den ersten Schritten ueberholen
sie ihn, und vor ihnen ist nur noch Gott. Ihre Legende ist die der Byblis,
die den Kaunos verfolgt bis nach Lykien hin. Ihres Herzens Andrang jagte
sie durch die Laender auf seiner Spur, und schliesslich war sie am Ende der
Kraft; aber so stark war ihres Wesens Bewegtheit, dass sie, hinsinkend,
jenseits vom Tod als Quelle wiedererschien, eilend, als eilende Quelle.
Was ist anderes der Portugiesin geschehen: als dass sie innen zur Quelle
ward? Was dir, Heloïse? was euch, Liebenden, deren Klagen auf uns
gekommen sind: Gaspara Stampa; Graefin von Die und Clara d'Anduze; Louise
Labbe, Marceline Desbordes, Elisa Mercaeur? Aber du, arme fluechtige Aisse,
du zoegertest schon und gabst nach. Muede Julie Lespinasse. Trostlose Sage
des gluecklichen Parks: Marie-Anne de Clermont.
Ich weiss noch genau, einmal, vorzeiten, zuhaus, fand ich ein Schmucketui;
es war zwei Haende gross, faecherfoermig mit einem eingepressten Blumenrand im
dunkelgruenen Saffian. Ich schlug es auf: es war leer. Das kann ich nun
sagen nach so langer Zeit. Aber damals, da ich es geoeffnet hatte, sah ich
nur, woraus diese Leere bestand: aus Samt, aus einem kleinen Huegel lichten,
nicht mehr frischen Samtes; aus der Schmuckrille, die, um eine Spur
Wehmut heller, leer, darin verlief. Einen Augenblick war das auszuhalten.
Aber vor denen, die als Geliebte zurueckbleiben, ist es vielleicht immer
so.
Blaettert zurueck in euren Tagebuechern. War da nicht immer um die Fruehlinge
eine Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf? Es war
Lust zum Frohsein in euch, und doch, wenn ihr hinaustratet in das
geraeumige Freie, so entstand draussen eine Befremdung in der Luft, und ihr
wurdet unsicher im Weitergehen wie auf einem Schiffe. Der Garten fing an;
ihr aber (das war es), ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr; fuer
euch war es bestenfalls eine Fortsetzung. Waehrend ihr wartetet, dass eure
Seele teilnaehme, empfandet ihr ploetzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas
wie die Moeglichkeit, krank zu werden, drang in euer offenes Vorgefuehl.
Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid, ihr spanntet den Schal um die
Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Schluss: und dann standet ihr,
herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem einig zu
sein. Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch. Ach,
haettet ihr muessen gestorben sein?
Vielleicht. Vielleicht ist das neu, dass wir das ueberstehen: das Jahr und
die Liebe. Blueten und Fruechte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere
fuehlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber,
die wir uns Gott vorgenommen haben, wir koennen nicht fertig werden. Wir
ruecken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit. Was ist uns ein Jahr?
Was sind alle? Noch eh wir Gott angefangen haben, beten wir schon zu ihm:
lass uns die Nacht ueberstehen. Und dann das Kranksein. Und dann die
Liebe. Dass Clemence de Bourges hat sterben muessen in ihrem Aufgang. Sie,
die ohne gleichen war; unter den Instrumenten, die sie wie keine zu
spielen verstand, das schoenste, selber im mindesten Klang ihrer Stimme
unvergesslich gespielt. Ihr Maedchentum war von so hoher Entschlossenheit,
dass eine flutende Liebende diesem aufkommenden Herzen das Buch Sonette
zueignen konnte, darin jeder Vers ungestillt war. Louise Labbe fuerchtete
nicht, dieses Kind zu erschrecken mit der Leidenslaenge der Liebe. Sie
zeigte ihr das naechtliche Steigen der Sehnsucht; sie versprach ihr den
Schmerz wie einen groesseren Weltraum; und sie ahnte, dass sie mit ihrem
erfahrenen Weh hinter dem dunkel erwarteten zurueckblieb, von dem diese
Juenglingin schoen war.
Maedchen in meiner Heimat. Dass die schoenste von euch im Sommer an einem
Nachmittag in der verdunkelten Bibliothek sich das kleine Buch faende, das
Jan des Tournes 1556 gedruckt hat. Dass sie den kuehlenden, glatten Band
mitnaehme hinaus in den summenden Obstgarten oder hinueber zum Phlox, in
dessen uebersuesstem Duft ein Bodensatz schierer Suessigkeit steht. Dass sie es
frueh faende. In den Tagen, da ihre Augen anfangen, auf sich zu halten,
waehrend der juengere Mund noch imstande ist, viel zu grosse Stuecke von einem
Apfel abzubeissen und voll zu sein.
Und wenn dann die Zeit der bewegteren Freundschaften kommt, Maedchen, dass
es euer Geheimnis waere, einander Dika zu rufen und Anaktoria, Gyrinno und
Atthis. Dass einer, ein Nachbar vielleicht, ein aelterer Mann, der in
seiner Jugend gereist ist und laengst als Sonderling gilt, euch diese Namen
verriete. Dass er euch manchmal zu sich einluede, um seiner beruehmten
Pfirsiche willen oder wegen der Ridingerstiche zur Equitation oben im
weissen Gang, von denen so viel gesprochen wird, dass man sie muesste gesehen
haben.
Vielleicht ueberredet ihr ihn zu erzaehlen. Vielleicht ist die unter euch,
die ihn erbitten kann, die alten Reisetagebuecher hervorzuholen, wer kann
es wissen? Dieselbe, die es ihm eines Tags zu entlocken versteht, dass
einzelne Gedichtstellen der Sappho auf uns gekommen sind, und die nicht
ruht bis sie weiss, was fast ein Geheimnis ist: dass dieser zurueckgezogene
Mann es liebte, zuzeiten seine Musse an die Uebertragung dieser Versstuecke
zu wenden. Er muss zugeben, dass er lange nicht mehr daran gedacht hat, und
was da ist, versichert er, sei nicht der Rede wert. Aber nun freut es ihn
doch, vor diesen arglosen Freundinnen, wenn sie sehr draengen, eine Strophe
zu sagen. Er entdeckt sogar den griechischen Wortlaut in seinem
Gedaechtnis, er spricht ihn vor, weil die Uebersetzung nichts giebt, seiner
Meinung nach, und um dieser Jugend den schoenen, echten Bruch der massiven
Schmucksprache zu zeigen, die in so starken Flammen gebogen ward.
Ueber dem allen erwaermt er sich wieder fuer seine Arbeit. Es kommen schoene,
fast jugendliche Abende fuer ihn, Herbstabende zum Beispiel, die sehr viel
stille Nacht vor sich haben. In seinem Kabinett ist dann lange Licht. Er
bleibt nicht immer ueber die Blaetter gebeugt, er lehnt sich oft zurueck, er
schliesst die Augen ueber einer wiedergelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt
sich in seinem Blut. Nie war er der Antike so gewiss. Fast moechte er der
Generationen laecheln, die sie beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel,
in dem sie gerne aufgetreten waeren. Nun begreift er momentan die
dynamische Bedeutung jener fruehen Welteinheit, die etwas wie ein neues,
gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen Arbeit war. Es beirrt ihn
nicht, dass jene konsequente Kultur mit ihren gewissermassen vollzaehligen
Versichtbarungen fuer viele spaetere Blicke ein Ganzes zu bilden schien und
ein im Ganzen Vergangenes. Zwar ward dort wirklich des Lebens himmlische
Haelfte an die halbrunde Schale des Daseins gepasst, wie zwei volle
Hemisphaeren zu einer heilen, goldenen Kugel zusammengehen. Doch dies war
kaum geschehen, so empfanden die in ihr eingeschlossenen Geister diese
restlose Verwirklichung nur noch als Gleichnis; das massive Gestirn verlor
an Gewicht und stieg auf in den Raum, und in seiner goldenen Rundung
spiegelte sich zurueckhaltend die Traurigkeit dessen, was noch nicht zu
bewaeltigen war. Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt
und einsieht, bemerkt er einen Teller mit Fruechten auf der Fensterbank.
Unwillkuerlich greift er einen Apfel heraus und legt ihn vor sich auf den
Tisch. Wie steht mein Leben herum um diese Frucht, denkt er. Um alles
Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
Und da, ueber dem Ungetanen, ersteht ihm, fast zu schnell, die kleine, ins
Unendliche hinaus gespannte Gestalt, die (nach Galiens Zeugnis) alle
meinten, wenn sie sagten: die Dichterin. Denn wie hinter den Werken des
Herakles Abbruch und Umbau der Welt verlangend aufstand, so draengten sich,
gelebt zu werden, aus den Vorraeten des Seins an die Taten ihres Herzens
die Seligkeiten und Verzweiflungen heran, mit denen die Zeiten auskommen
muessen.
Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz, das bereit war, die ganze
Liebe zu leisten bis ans Ende. Es wundert ihn nicht, dass man es verkannte;
dass man in dieser ueberaus kuenftigen Liebenden nur das Uebermass sah, nicht
die neue Masseinheit von Liebe und Herzleid. Dass man die Inschrift ihres
Daseins auslegte wie sie damals gerade glaubhaft war, dass man ihr endlich
den Tod derjenigen zuschrieb, die der Gott einzeln anreizt, aus sich
hinauszulieben ohne Erwiderung. Vielleicht waren selbst unter den von ihr
gebildeten Freundinnen solche, die es nicht begriffen: dass sie auf der
Hoehe ihres Handelns nicht um einen klagte, der ihre Umarmung offen liess,
sondern um den nicht mehr Moeglichen, der ihrer Liebe gewachsen war. Hier
steht der Sinnende auf und tritt an sein Fenster, sein hohes Zimmer ist
ihm zu nah, er moechte Sterne sehen, wenn es moeglich ist. Er taeuscht sich
nicht ueber sich selbst. Er weiss, dass diese Bewegung ihn erfuellt, weil
unter den jungen Maedchen aus der Nachbarschaft die eine ist, die ihn
angeht. Er hat Wuensche (nicht fuer sich, nein, aber fuer sie); fuer sie
versteht er in einer naechtlichen Stunde, die voruebergeht, den Anspruch der
Liebe. Er verspricht sich, ihr nichts davon zu sagen. Es scheint ihm das
Aeusserste, allein zu sein und wach und um ihretwillen zu denken, wie sehr
im Recht jene Liebende war: wenn sie wusste, dass mit der Vereinigung nichts
gemeint sein kann, als ein Zuwachs an Einsamkeit; wenn sie den zeitlichen
Zweck des Geschlechtes durchbrach mit seiner unendlichen Absicht. Wenn
sie im Dunkel der Umarmungen nicht nach Stillung grub, sondern nach
Sehnsucht. Wenn sie es verachtete, dass von Zweien einer der Liebende sei
und einer Geliebter, und die schwachen Geliebten, die sie sich zum Lager
trug, an sich zu Liebenden gluehte, die sie verliessen. An solchen hohen
Abschieden wurde ihr Herz zur Natur. Ueber dem Schicksal sang sie den
firnen Lieblinginnen ihr Brautlied; erhoehte ihnen die Hochzeit; uebertrieb
ihnen den nahen Gemahl, damit sie sich zusammennaehmen fuer ihn wie fuer
einen Gott und auch noch seine Herrlichkeit ueberstuenden.
Einmal noch, Abelone, in den letzten Jahren fuehlte ich und sah dich ein,
unerwartet, nachdem ich lange nicht an dich gedacht hatte. Das war in
Venedig, im Herbst, in einem jener Salons, in denen Fremde sich
voruebergehend um die Dame des Hauses versammeln, die fremd ist wie sie.
Diese Leute stehen herum mit ihrer Tasse Tee und sind entzueckt, sooft ein
kundiger Nachbar sie kurz und verkappt nach der Tuer dreht, um ihnen einen
Namen zuzufluestern, der venezianisch klingt. Sie sind auf die aeussersten
Namen gefasst, nichts kann sie ueberraschen; denn so sparsam sie sonst auch
im Erleben sein moegen, in dieser Stadt geben sie sich nonchalant den
uebertriebensten Moeglichkeiten hin. In ihrem gewoehnlichen Dasein
verwechseln sie bestaendig das Ausserordentliche mit dem Verbotenen, so dass
die Erwartung des Wunderbaren, die sie sich nun gestatten, als ein grober,
ausschweifender Ausdruck in ihre Gesichter tritt. Was ihnen zu Hause nur
momentan in Konzerten passiert oder wenn sie mit einem Roman allein sind,
das tragen sie unter diesen schmeichelnden Verhaeltnissen als berechtigten
Zustand zur Schau. Wie sie, ganz unvorbereitet, keine Gefahr begreifend,
von den fast toedlichen Gestaendnissen der Musik sich anreizen lassen wie
von koerperlichen Indiskretionen, so ueberliefern sie sich, ohne die
Existenz Venedigs im geringsten zu bewaeltigen, der lohnenden Ohnmacht der
Gondeln. Nicht mehr neue Eheleute, die waehrend der ganzen Reise nur
gehaessige Repliken fuer einander hatten, versinken in schweigsame
Vertraeglichkeit; ueber den Mann kommt die angenehme Muedigkeit seiner Ideale,
waehrend sie sich jung fuehlt und den traegen Einheimischen aufmunternd
zunickt mit einem Laecheln, als haette sie Zaehne aus Zucker, die sich
bestaendig aufloesen. Und hoert man hin, so ergiebt es sich, dass sie morgen
reisen oder uebermorgen oder Ende der Woche.
Da stand ich nun zwischen ihnen und freute mich, dass ich nicht reiste. In
kurzem wuerde es kalt sein. Das weiche, opiatische Venedig ihrer
Vorurteile und Beduerfnisse verschwindet mit diesen somnolenten Auslaendern,
und eines Morgens ist das andere da, das wirkliche, wache, bis zum
Zerspringen sproede, durchaus nicht ertraeumte: das mitten im Nichts auf
versenkten Waeldern gewollte, erzwungene und endlich so durch und durch
vorhandene Venedig. Der abgehaertete, auf das Noetigste beschraenkte Koerper,
durch den das nachtwache Arsenal das Blut seiner Arbeit trieb, und dieses
Koerpers penetranter, sich fortwaehrend erweiternder Geist, der staerker war
als der Duft aromatischer Laender. Der suggestive Staat, der das Salz und
Glas seiner Armut austauschte gegen die Schaetze der Voelker. Das schoene
Gegengewicht der Welt, das bis in seine Zierate hinein voll latenter
Energien steht, die sich immer feiner vernervten--: dieses Venedig. Das
Bewusstsein, dass ich es kannte, ueberkam mich unter allen diesen sich
taeuschenden Leuten mit so viel Widerspruch, dass ich aufsah, um mich
irgendwie mitzuteilen. War es denkbar, dass in diesen Saelen nicht einer
war, der unwillkuerlich darauf wartete, ueber das Wesen dieser Umgebung
aufgeklaert zu sein? Ein junger Mensch, der es sofort begriff, dass hier
nicht ein Genuss aufgeschlagen war, sondern ein Beispiel des Willens, wie
es nirgends anfordernder und strenger sich finden liess? Ich ging umher,
meine Wahrheit beunruhigte mich. Da sie mich hier unter 50 vielen
ergriffen hatte, brachte sie den Wunsch mit, ausgesprochen, verteidigt,
bewiesen zu sein. Die groteske Vorstellung entstand in mir, wie ich im
naechsten Augenblick in die Haende klatschen wuerde aus Hass gegen das von
allen zerredete Missverstaendnis.
In dieser laecherlichen Stimmung bemerkte ich sie. Sie stand allein vor
einem strahlenden Fenster und betrachtete mich; nicht eigentlich mit den
Augen, die ernst und nachdenklich waren, sondern geradezu mit dem Mund,
der den offenbar boesen Ausdruck meines Gesichtes ironisch nachahmte. Ich
fuehlte sofort die ungeduldige Spannung in meinen Zuegen und nahm ein
gelassenes Gesicht an, worauf ihr Mund natuerlich wurde und hochmuetig.
Dann, nach kurzem Bedenken, laechelten wir einander gleichzeitig zu.
Sie erinnerte, wenn man will, an ein gewisses Jugendbildnis der schoenen
Benedicte von Qualen, die in Baggesens Leben eine Rolle spielt. Man
konnte die dunkle Stille ihrer Augen nicht sehen ohne die klare Dunkelheit
ihrer Stimme zu vermuten. Uebrigens war die Flechtung ihres Haars und der
Halsausschnitt ihres hellen Kleides so kopenhagisch, dass ich entschlossen
war, sie daenisch anzureden.
Ich war aber noch nicht nahe genug, da schob sich von der andern Seite
eine Stroemung zu ihr hin; unsere gaesteglueckliche Graefin selbst, in ihrer
warmen, begeisterten Zerstreutheit, stuerzte sich mit einer Menge Beistand
ueber sie, um sie auf der Stelle zum Singen abzufuehren. Ich war sicher,
dass das junge Maedchen sich damit entschuldigen wuerde, dass niemand in der
Gesellschaft Interesse haben koenne, daenisch singen zu hoeren. Dies tat sie
auch, sowie sie zu Worte kam. Das Gedraenge um die lichte Gestalt herum
wurde eifriger; jemand wusste, dass sie auch deutsch singe. "Und
italienisch", ergaenzte eine lachende Stimme mit boshafter Ueberzeugung.
Ich wusste keine Ausrede, die ich ihr haette wuenschen koennen, aber ich
zweifelte nicht, dass sie widerstehen wuerde. Schon breitete sich eine
trockene Gekraenktheit ueber die vom langen Laecheln abgespannten Gesichter
der Ueberredenden aus, schon trat die gute Graefin, um sich nichts zu
vergeben, mitleidig und wuerdig einen Schritt ab, da, als es durchaus nicht
mehr noetig war, gab sie nach. Ich fuehlte, wie ich blass wurde vor
Enttaeuschung; mein Blick fuellte sich mit Vorwurf, aber ich wandte mich weg,
es lohnte nicht, sie das sehn zu lassen. Sie aber machte sich von den
andern los und war auf einmal neben mir. Ihr Kleid schien mich an, der
blumige Geruch ihrer Waerme stand um mich.
"Ich will wirklich singen", sagte sie auf daenisch meine Wange entlang,
"nicht weil sie's verlangen, nicht zum Schein: weil ich jetzt singen muss."
Aus ihren Worten brach dieselbe boese Unduldsamkeit, von welcher sie mich
eben befreit hatte.
Ich folgte langsam der Gruppe, mit der sie sich entfernte. Aber an einer
hohen Tuer blieb ich zurueck und liess die Menschen sich verschieben und
ordnen. Ich lehnte mich an das schwarzspiegelnde Tuerinnere und wartete.
Jemand fragte mich, was sich vorbereite, ob man singen werde. Ich gab vor,
es nicht zu wissen. Waehrend ich log, sang sie schon.
Ich konnte sie nicht sehen. Es wurde allmaehlich Raum um eines jener
italienischen Lieder, die die Fremden fuer sehr echt halten, weil sie von
so deutlicher Uebereinkunft sind. Sie, die es sang, glaubte nicht daran.
Sie hob es mit Muehe hinauf, sie nahm es viel zu schwer. An dem Beifall
vorne konnte man merken, wann es zu Ende war. Ich war traurig und
beschaemt. Es entstand einige Bewegung, und ich nahm mir vor, sowie jemand
gehen wuerde, mich anzuschliessen.
Aber da wurde es mit einemmal still. Eine Stille ergab sich, die eben
noch niemand fuer moeglich gehalten haette; sie dauerte an, sie spannte sich,
und jetzt erhob sich in ihr die Stimme. (Abelone, dachte ich. Abelone.)
Diesmal war sie stark, voll und doch nicht schwer; aus einem Stueck, ohne
Bruch, ohne Naht. Es war ein unbekanntes deutsches Lied. Sie sang es
merkwuerdig einfach, wie etwas Notwendiges. Sie sang:
"Du, der ichs nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich muede macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertruegen?
(kurze Pause und zoegernd):
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie luegen."
Wieder die Stille. Gott weiss, wer sie machte. Dann ruehrten sich die
Leute, stiessen aneinander, entschuldigten sich, huestelten. Schon wollten
sie in ein allgemeines verwischendes Geraeusch uebergehen, da brach
ploetzlich die Stimme aus, entschlossen, breit und gedraengt:
"Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertau schen. Eine Weile
bist dus, dann wieder ist es das Rauschen, oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest."
Niemand hatte es erwartet. Alle standen gleichsam geduckt unter dieser
Stimme. Und zum Schluss war eine solche Sicherheit in ihr, als ob sie seit
Jahren gewusst haette, dass sie in diesem Augenblick wuerde einzusetzen haben.
Manchmal frueher fragte ich mich, warum Abelone die Kalorien ihres
grossartigen Gefuehls nicht an Gott wandte. Ich weiss, sie sehnte sich,
ihrer Liebe alles Transitive zu nehmen, aber konnte ihr wahrhaftiges Herz
sich darueber taeuschen, dass Gott nur eine Richtung der Liebe ist, kein
Liebesgegenstand? Wusste sie nicht, dass keine Gegenliebe von ihm zu
fuerchten war? Kannte sie nicht die Zurueckhaltung dieses ueberlegenen
Geliebten, der die Lust ruhig hinausschiebt, um uns, Langsame, unser
ganzes Herz leisten zu lassen? Oder--wollte sie Christus vermeiden?
Fuerchtete sie, halben Wegs von ihm aufgehalten, an ihm zur Geliebten zu
werden? Dachte sie deshalb ungern an Julie Reventlow?
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