Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Fast glaube ich es, wenn ich bedenke, wie an dieser Erleichterung Gottes
eine so einfaeltige Liebende wie Mechthild, eine so hinreissende wie Therese
von Avila, eine so wunde wie die Selige Rose von Lima, hinsinken konnte,
nachgiebig, doch geliebt. Ach, der fuer die Schwachen ein Helfer war) ist
diesen Starken ein Unrecht; wo sie schon nichts mehr erwarteten, als den
unendlichen Weg, da tritt sie noch einmal im spannenden Vorhimmel ein
Gestalteter an und verwoehnt sie mit Unterkunft und verwirrt sie mit
Mannheit. Seines stark brechenden Herzens Linse nimmt noch einmal ihre
schon parallelen Herzstrahlen zusamm, und sie, die die Engel schon ganz
fuer Gott zu erhalten hofften, flammen auf in der Duerre ihrer Sehnsucht.
(Geliebtsein heisst aufbrennen. Lieben ist: Leuchten mit unerschoepflichem
Oele. Geliebtwerden ist vergehen, Lieben ist dauern.)
Es ist gleichwohl moeglich, dass Abelone in spaeteren Jahren versucht hat,
mit dem Herzen zu denken, um unauffaellig und unmittelbar mit Gott in
Beziehung zu kommen. Ich koennte mir vorstellen, dass es Briefe von ihr
giebt, die an die aufmerksame innere Beschauung der Fuerstin Amalie
Galitzin erinnern; aber wenn diese Briefe an jemanden gerichtet waren, dem
sie seit Jahren nahestand, wie mag der gelitten haben unter ihrer
Veraenderung. Und sie selbst: ich vermute, sie fuerchtete nichts als jenes
gespenstische Anderswerden, das man nicht merkt, weil man bestaendig alle
Beweise dafuer, wie das Fremdeste, aus den Haenden laesst.
Man wird mich schwer davon ueberzeugen, dass die Geschichte des verlorenen
Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. Da
er ein Kind war, liebten ihn alle im Hause. Er wuchs heran, er wusste es
nicht anders und gewoehnte sich in ihre Herzweiche, da er ein Kind war.
Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen. Er haette es nicht
sagen koennen, aber wenn er draussen herumstrich den ganzen Tag und nicht
einmal mehr die Hunde mithaben wollte, so wars, weil auch sie ihn liebten:
weil in ihren Blicken Beobachtung war und Teilnahme, Erwartung und
Besorgtheit; weil man auch vor ihnen nichts tun konnte, ohne zu freuen
oder zu kraenken. Was er aber damals meinte, das war die innige
Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal frueh in den Feldern mit
solcher Reinheit ergriff, dass er zu laufen begann, um nicht Zeit und Atem
zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in dem der Morgen zum
Bewusstsein kommt. Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens
breitete sich vor ihm aus. Unwillkuerlich verliess er den Fusspfad und lief
weiter feldein, die Arme ausgestreckt, als koennte er in dieser Breite
mehrere Richtungen auf einmal bewaeltigen. Und dann warf er sich irgendwo
hinter eine Flecke, und niemand legte Wert auf ihn. Er schaelte sich eine
Floete, er schleuderte einen Stein nach einem kleinen Raubtier, er neigte
sich vor und zwang einen Kaefer umzukehren: dies alles wurde kein Schicksal,
und die Himmel gingen wie ueber Natur. Schliesslich kam der Nachmittag mit
lauter Einfaellen; man war ein Bucanier auf der Insel Tortuga, und es lag
keine Verpflichtung darin, es zu sein; man belagerte Campeche, man
eroberte Vera-Cruz; es war moeglich, das ganze Heer zu sein oder ein
Anfuehrer zu Pferd oder ein Schiff auf dem Meer: je nachdem man sich fuehlte.
Fiel es einem aber ein, hinzuknien, so war man rasch Deodat von Gozon
und hatte den Drachen erlegt und vernahm, ganz heiss, dass dieses Heldentum
hoffaehrtig war, ohne Gehorsam. Denn man ersparte sich nichts, was zur
Sache gehoerte. Soviel Einbildungen sich aber auch einstellten,
zwischendurch war immer noch Zeit, nichts als ein Vogel zu sein, ungewiss
welcher. Nur dass der Heimweg dann kam.
Mein Gott, was war da alles abzulegen und zu vergessen; denn richtig
vergessen, das war noetig; sonst verriet man sich, wenn sie draengten. Wie
sehr man auch zoegerte und sich umsah, schliesslich kam doch der Giebel
herauf. Das erste Fenster oben fasste einen ins Auge, es mochte wohl
jemand dort stehen. Die Hunde, in denen die Erwartung den ganzen Tag
angewachsen war, preschten durch die Buesche und trieben einen zusammen zu
dem, den sie meinten. Und den Rest tat das Haus. Man musste nur eintreten
in seinen vollen Geruch, schon war das Meiste entschieden. Kleinigkeiten
konnten sich noch aendern; im ganzen war man schon der, fuer den sie einen
hier hielten; der, dem sie aus seiner kleinen Vergangenheit und ihren
eigenen Wuenschen laengst ein Leben gemacht hatten; das gemeinsame Wesen,
das Tag und Nacht unter der Suggestion ihrer Liebe stand, zwischen ihrer
Hoffnung und ihrem Argwohn, vor ihrem Tadel oder Beifall.
So einem nuetzt es nichts, mit unsaeglicher Vorsicht die Treppen zu steigen.
Alle werden im Wohnzimmer sein, und die Tuere muss nur gehn, so sehen sie
hin. Er bleibt im Dunkel, er will ihre Fragen abwarten. Aber dann kommt
das Aergste. Sie nehmen ihn bei den Haenden, sie ziehen ihn an den Tisch,
und alle, soviel ihrer da sind, strecken sich neugierig vor die Lampe.
Sie haben es gut, sie halten sich dunkel, und auf ihn allein faellt, mit
dem Licht, alle Schande, ein Gesicht zu haben.
Wird er bleiben und das ungefaehre Leben nachluegen, das sie ihm zuschreiben,
und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht aehnlich werden? Wird er sich
teilen zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen
Betrug, der sie ihm selber verdirbt? Wird er es aufgeben, das zu werden,
was denen aus seiner Familie, die nur noch ein schwaches Herz haben,
schaden koennte? Nein, er wird fortgehen. Zum Beispiel waehrend sie alle
beschaeftigt sind, ihm den Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht
erratenen Gegenstaenden, die wieder einmal alles ausgleichen sollen.
Fortgehen fuer immer. Viel spaeter erst wird ihm klar werden, wie sehr er
sich damals vornahm, niemals zu lieben, um keinen in die entsetzliche Lage
zu bringen, geliebt zu sein. Jahre hernach faellt es ihm ein und, wie
andere Vorsaetze, so ist auch dieser unmoeglich gewesen. Denn er hat
geliebt und wieder geliebt in seiner Einsamkeit; jedesmal mit
Verschwendung seiner ganzen Natur und unter unsaeglicher Angst um die
Freiheit des andern. Langsam hat er gelernt, den geliebten Gegenstand mit
den Strahlen seines Gefuehls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren.
Und er war verwoehnt von dem Entzuecken, durch die immer transparentere
Gestalt der Geliebten die Weiten zu erkennen, die sie seinem unendlichen
Besitzenwollen auftat. Wie konnte er dann naechtelang weinen vor
Sehnsucht, selbst so durchleuchtet zu sein. Aber eine Geliebte, die
nachgiebt, ist noch lang keine Liebende. O, trostlose Naechte, da er
seine flutenden Gaben in Stuecken wiederempfing, schwer von Vergaenglichkeit.
Wie gedachte er dann der Troubadours, die nichts mehr fuerchteten als
erhoert zu sein. Alles erworbene und vermehrte Geld gab er dafuer hin, dies
nicht noch zu erfahren. Er kraenkte sie mit seiner groben Bezahlung, von
Tag zu Tag bang, sie koennten versuchen, auf seine Liebe einzugehen. Denn
er hatte die Hoffnung nicht mehr, die Liebende zu erleben, die ihn
durchbrach.
Selbst in der Zeit, da die Armut ihn taeglich mit neuen Haerten erschreckte,
da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen, da
sich ueberall an seinem Leibe Geschwuere aufschlugen wie Notaugen gegen die
Schwaerze der Heimsuchung, da ihm graute vor dem Unrat, auf dem man ihn
verlassen hatte, weil er seinesgleichen war: selbst da noch, wenn er sich
besann, war es sein groessestes Entsetzen, erwidert worden zu sein. Was
waren alle Finsternisse seither gegen die dichte Traurigkeit jener
Umarmungen, in denen sich alles verlor. Wachte man nicht auf mit dem
Gefuehl, ohne Zukunft zu sein? Ging man nicht sinnlos umher ohne Anrecht
auf alle Gefahr? Hatte man nicht hundertmal versprechen muessen, nicht zu
sterben? Vielleicht war es der Eigensinn dieser argen Erinnerung, die
sich von Wiederkunft zu Wiederkunft eine Stelle erhalten wollte, was sein
Leben unter den Abfaellen waehren liess. Schliesslich fand man ihn wieder.
Und erst dann, erst in den Hirtenjahren, beruhigte sich seine viele
Vergangenheit. Wer beschreibt, was ihm damals geschah? Welcher Dichter
hat die Ueberredung, seiner damaligen Tage Laenge zu vertragen mit der Kuerze
des Lebens? Welche Kunst ist weit genug, zugleich seine schmale,
vermantelte Gestalt hervorzurufen und den ganzen Ueberraum seiner riesigen
Naechte.
Das war die Zeit, die damit begann, dass er sich allgemein und anonym
fuehlte wie ein zoegernd Genesender. Er liebte nicht, es sei denn, dass er
es liebte, zu sein. Die niedrige Liebe seiner Schafe lag ihm nicht an;
wie Licht, das durch Wolken faellt, zerstreute sie sich um ihn her und
schimmerte sanft ueber den Wiesen. Auf der schuldlosen Spur ihres Hungers
schritt er schweigend ueber die Weiden der Welt. Fremde sahen ihn auf der
Akropolis, und vielleicht war er lange einer der Hirten in den Baux und
sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht ueberstehen, das mit allem
Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen seines Sterns nicht zu
bezwingen vermochte. Oder soll ich ihn denken zu Orange, an das laendliche
Triumphtor geruht? Soll ich ihn sehen im seelengewohnten Schatten der
Allyscamps, wie sein Blick zwischen den Graebern, die offen sind wie die
Graeber Auferstandener, eine Libelle verfolgt?
Gleichviel. Ich seh mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals die
lange Liebe zu Gott begann, die stille, ziellose Arbeit. Denn ueber ihn,
der sich fuer immer hatte verhalten wollen, kam noch einmal das anwachsende
Nichtanderskoennen seines Herzens. Und diesmal hoffte er auf Erhoerung.
Sein ganzes, im langen Alleinsein ahnend und unbeirrbar gewordenes Wesen
versprach ihm, dass jener, den er jetzt meinte, zu lieben verstuende mit
durchdringender, strahlender Liebe. Aber waehrend er sich sehnte, endlich
so meisterhaft geliebt zu sein, begriff sein an Fernen gewohntes Gefuehl
Gottes aeussersten Abstand. Naechte kamen, da er meinte, sich auf ihn
zuzuwerfen in den Raum; Stunden voller Entdeckung, in denen er sich stark
genug fuehlte, nach der Erde zu tauchen, um sie hinaufzureissen auf der
Sturmflut seines Herzens. Er war wie einer, der eine herrliche Sprache
hoert und fiebernd sich vornimmt, in ihr zu dichten. Noch stand ihm die
Bestuerzung bevor, zu erfahren, wie schwer diese Sprache sei; er wollte es
nicht glauben zuerst, dass ein langes Leben darueber hingehen koenne, die
ersten, kurzen Scheinsaetze zu bilden, die ohne Sinn sind. Er stuerzte sich
ins Erlernen wie ein Laeufer in die Wette; aber die Dichte dessen, was zu
ueberwinden war, verlangsamte ihn. Es war nichts auszudenken, was
demuetigender sein konnte als diese Anfaengerschaft. Er hatte den Stein der
Weisen gefunden, und nun zwang man ihn, das rasch gemachte Gold seines
Gluecks unaufhoerlich zu verwandeln in das klumpige Blei der Geduld. Er,
der sich dem Raum angepasst hatte, zog wie ein Wurm krumme Gaenge ohne
Ausgang und Richtung. Nun, da er so muehsam und kummervoll lieben lernte,
wurde ihm gezeigt, wie nachlaessig und gering bisher alle Liebe gewesen war,
die er zu leisten vermeinte. Wie aus keiner etwas hatte werden koennen,
weil er nicht begonnen hatte, an ihr Arbeit zu tun und sie zu
verwirklichen.
In diesen Jahren gingen in ihm die grossen Veraenderungen vor. Er vergass
Gott beinah ueber der harten Arbeit, sich ihm zu naehern, und alles, was er
mit der Zeit vielleicht bei ihm zu erreichen hoffte, war "sa patience de
supporter une ame". Die Zufaelle des Schicksals, auf die die Menschen
halten, waren schon laengst von ihm abgefallen, aber nun verlor, selbst was
an Lust und Schmerz notwendig war, den gewuerzhaften Beigeschmack und wurde
rein und nahrhaft fuer ihn. Aus den Wurzeln seines Seins entwickelte sich
die feste, ueberwinternde Pflanze einer fruchtbaren Freudigkeit. Er ging
ganz darin auf, zu bewaeltigen, was sein Binnenleben ausmachte, er wollte
nichts ueberspringen, denn er zweifelte nicht, dass in alledem seine Liebe
war und zunahm. Ja, seine innere Fassung ging so weit, dass er beschloss,
das Wichtigste von dem, was er frueher nicht hatte leisten koennen, was
einfach nur durchwartet worden war, nachzuholen. Er dachte vor allem an
die Kindheit, sie kam ihm, je ruhiger er sich besann, desto ungetaner vor;
alle ihre Erinnerungen hatten das Vage von Ahnungen an sich, und dass sie
als vergangen galten, machte sie nahezu zukuenftig. Dies alles noch einmal
und nun wirklich auf sich zu nehmen, war der Grund, weshalb der
Entfremdete heimkehrte. Wir wissen nicht, ob er blieb; wir wissen nur,
dass er wiederkam.
Die die Geschichte erzaehlt haben, versuchen es an dieser Stelle, uns an
das Haus zu erinnern, wie es war; denn dort ist nur wenig Zeit vergangen,
ein wenig gezaehlter Zeit, alle im Haus koennen sagen, wieviel. Die Hunde
sind alt geworden, aber sie leben noch. Es wird berichtet, dass einer
aufheulte. Eine Unterbrechung geht durch das ganze Tagwerk. Gesichter
erscheinen an den Fenstern, gealterte und erwachsene Gesichter von
ruehrender Aehnlichkeit. Und in einem ganz alten schlaegt ganz ploetzlich
blass das Erkennen durch. Das Erkennen? Wirklich nur das Erkennen?--Das
Verzeihen. Das Verzeihen wovon?--Die Liebe. Mein Gott: die Liebe.
Er, der Erkannte, er hatte daran nicht mehr gedacht, beschaeftigt wie er
war: dass sie noch sein koenne. Es ist begreiflich, dass von allem, was nun
geschah, nur noch dies ueberliefert ward: seine Gebaerde, die unerhoerte
Gebaerde, die man nie vorher gesehen hatte; die Gebaerde des Flehens, mit
der er sich an ihre Fuesse warf, sie beschwoerend, dass sie nicht liebten.
Erschrocken und schwankend hoben sie ihn zu sich herauf. Sie legten sein
Ungestuem nach ihrer Weise aus, indem sie verziehen. Es muss fuer ihn
unbeschreiblich befrei end gewesen sein, dass ihn alle missverstanden, trotz
der verzweifelten Eindeutigkeit seiner Haltung. Wahrscheinlich konnte er
bleiben. Denn er erkannte von Tag zu Tag mehr, dass die Liebe ihn nicht
betraf, auf die sie so eitel waren und zu der sie einander heimlich
ermunterten. Fast musste er laecheln, wenn sie sich anstrengten, und es
wurde klar, wie wenig sie ihn meinen konnten.
Was wussten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und
er fuehlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht.
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