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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

R >> Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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Alle meine Verse aber sind anders entstanden, also sind es keine.--Und als
ich mein Drama schrieb, wie irrte ich da. War ich ein Nachahmer und Narr,
dass ich eines Dritten bedurfte, um von dem Schicksal zweier Menschen zu
erzaehlen, die es einander schwer machten? Wie leicht ich in die Falle
fiel. Und ich haette doch wissen muessen, dass dieser Dritte, der durch
alle Leben und Literaturen geht, dieses Gespenst eines Dritten, der nie
gewesen ist, keine Bedeutung hat, dass man ihn leugnen muss. Er gehoert zu
den Vorwaenden der Natur, welche immer bemueht ist, von ihren tiefsten
Geheimnissen die Aufmerksamkeit der Menschen abzulenken. Er ist der
Wandschirm, hinter dem ein Drama sich abspielt. Er ist der Laerm am
Eingang zu der stimmlosen Stille eines wirklichen Konfliktes. Man moechte
meinen, es waere allen bisher zu schwer gewesen, von den Zweien zu reden,
um die es sich handelt; der Dritte, gerade weil er so unwirklich ist, ist
das Leichte der Aufgabe, ihn konnten sie alle. Gleich am Anfang ihrer
Dramen merkt man die Ungeduld, zu dem Dritten zu kommen, sie koennten ihn
kaum erwarten. Sowie er da ist, ist alles gut. Aber wie langweilig, wenn
er sich verspaetet, es kann rein nichts geschehen ohne ihn, alles steht,
stockt, wartet. Ja und wie, wenn es bei diesem Stauen und Anstehn bliebe?
Wie, Herr Dramatiker, und du, Publikum, welches das Leben kennt, wie,
wenn er verschollen waere, dieser beliebte Lebemann oder dieser anmassende
junge Mensch, der in allen Ehen schliesst wie ein Nachschluessel? Wie, wenn
ihn, zum Beispiel, der Teufel geholt haette? Nehmen wirs an. Man merkt auf
einmal die kuenstliche Leere der Theater, sie werden vermauert wie
gefaehrliche Loecher, nur die Motten aus den Logenraendern taumeln durch den
haltlosen Hohlraum. Die Dramatiker geniessen nicht mehr ihre Villenviertel.
Alle oeffentlichen Aufpassereien suchen fuer sie in entlegenen Weltteilen
nach dem Unersetzlichen, der die Handlung selbst war.

Und dabei leben sie unter den Menschen, nicht diese 'Dritten', aber die
Zwei, von denen so unglaublich viel zu sagen waere, von denen noch nie
etwas gesagt worden ist, obwohl sie leiden und handeln und sich nicht zu
helfen wissen.

Es ist laecherlich. Ich sitze hier in meiner kleinen Stube, ich, Brigge,
der achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand weiss. Ich
sitze hier und bin nichts. Und dennoch, dieses Nichts faengt an zu denken
und denkt, fuenf Treppen hoch, an einem grauen Pariser Nachmittag diesen
Gedanken:

Ist es moeglich, denkt es, dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges
gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es moeglich, dass man Jahrtausende
Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man
die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein
Butterbrot isst und einen Apfel?

Ja, es ist moeglich.

Ist es moeglich, dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur,
Religion und Weltweisheit an der Oberflaeche des Lebens geblieben ist? Ist
es moeglich, dass man sogar diese Oberflaeche, die doch immerhin etwas
gewesen waere, mit einem unglaublich langweiligen Stoff ueberzogen hat, so
dass sie aussieht, wie die Salonmoebel in den Sommerferien? Ja, es ist
moeglich.

Ist es moeglich, dass die ganze Weltgeschichte missverstanden worden ist?
Ist es moeglich, dass die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren
Massen gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler
Menschen erzaehlte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden,
weil er fremd war und starb?

Ja, es ist moeglich.

Ist es moeglich, dass man glaubte, nachholen zu muessen, was sich ereignet
hat, ehe man geboren war? Ist es moeglich, dass man jeden einzelnen
erinnern muesste, er sei ja aus allen Frueheren entstanden, wuesste es also und
sollte sich nichts einreden lassen von den anderen, die anderes wuessten? Ja,
es ist moeglich.

Ist es moeglich, dass alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie
gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es moeglich, dass alle Wirklichkeiten
nichts sind fuer sie; dass ihr Leben ablaeuft, mit nichts verknuepft, wie eine
Uhr in einem leeren Zimmer--?

Ja, es ist moeglich.

Ist es moeglich, dass man von den Maedchen nichts weiss, die doch leben? Ist
es moeglich, dass man 'die Frauen' sagt, 'die Kinder', 'die Knaben' und
nicht ahnt (bei aller Bildung nicht ahnt), dass diese Worte laengst keine
Mehrzahl mehr haben, sondern nur unzaehlige Einzahlen?

Ja, es ist moeglich.

Ist es moeglich, dass es Leute giebt, welche 'Gott' sagen und meinen, das
waere etwas Gemeinsames?--Und sieh nur zwei Schulkinder: Es kauft sich der
eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben
Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es
ergiebt sich, dass sie sich nur noch ganz entfernt aehnlich sehen,--so
verschieden haben sie sich in verschie denen Haenden entwickelt. (Ja, sagt
des einen Mutter dazu: wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen muesst.--)
Ach so: Ist es moeglich, zu glauben, man koenne einen Gott haben, ohne ihn
zu gebrauchen?

Ja, es ist moeglich.

Wenn aber dieses alles moeglich ist, auch nur einen Schein von Moeglichkeit
hat,--dann muss ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Naechstbeste,
der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muss anfangen,
etwas von dem Versaeumten zu tun; wenn es auch nur irgend einer ist,
durchaus nicht der Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge,
belanglose Auslaender, Brigge, wird sich fuenf Treppen hoch hinsetzen
muessen und schrei ben, Tag und Nacht. Ja er wird schreiben muessen, das
wird das Ende sein.

Zwoelf Jahre oder hoechstens dreizehn muss ich damals gewesen sein. Mein
Vater hatte mich nach Urnekloster mitgenommen. Ich weiss nicht, was ihn
veranlasste, seinen Schwiegervater aufzusuchen. Die beiden Maenner hatten
sich jahrelang, seit dem Tode meiner Mutter, nicht gesehen, und mein Vater
selbst war noch nie in dem alten Schlosse gewesen, in welches der Graf
Brahe sich erst spaet zurueckgezogen hatte. Ich habe das merkwuerdige Haus
spaeter nie wiedergesehen, das, als mein Grossvater starb, in fremde Haende
kam. So wie ich es in meiner kindlich gearbeiteten Erinnerung wiederfinde,
ist es kein Gebaeude; es ist ganz aufgeteilt in mir; da ein Raum, dort ein
Raum und hier ein Stueck Gang, das diese beiden Raeume nicht verbindet,
sondern fuer sich, als Fragment, aufbewahrt ist. In dieser Weise ist alles
in mir verstreut,--die Zimmer, die Treppen, die mit so grosser
Umstaendlichkeit sich niederliessen, und andere enge, rundgebaute Stiegen,
in deren Dunkel man ging wie das Blut in den Adern; die Turmzimmer, die
hoch aufgehaengten Balkone, die unerwarteten Altane, auf die man von einer
kleinen Tuer hinausgedraengt wurde:--alles das ist noch in mir und wird nie
aufhoeren, in mir zu sein. Es ist, als waere das Bild dieses Hauses aus
unendlicher Hoehe in mich hineingestuerzt und auf meinem Grunde zerschlagen.
Ganz erhalten ist in meinem Herzen, so scheint es mir, nur jener Saal,
in dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um
sieben Uhr. Ich habe diesen Raum niemals bei Tage gesehen, ich erinnere
mich nicht einmal, ob er Fenster hatte und wohin sie aussahen; jedes mal,
so oft die Familie eintrat, brannten die Kerzen in den schweren
Armleuchtern, und man vergass in einigen Minuten die Tageszeit und alles,
was man draussen gesehen hatte. Dieser hohe, wie ich vermute, gewoelbte
Raum war staerker als alles; er saugte mit seiner dunkelnden Hoehe, mit
seinen niemals ganz aufgeklaerten Ecken alle Bilder aus einem heraus, ohne
einem einen bestimmten Ersatz dafuer zu geben. Man sass da wie aufgeloest;
voellig ohne Willen, ohne Besinnung, ohne Lust, ohne Abwehr. Man war wie
eine leere Stelle. Ich erinnere mich, dass dieser vernichtende Zustand mir
zuerst fast Uebelkeit verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur
dadurch ueberwand, dass ich mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem Fuss das
Knie meines Vaters beruehrte, der mir gegenuebersass. Erst spaeter fiel es
mir auf, dass er dieses merkwuerdige Benehmen zu begreifen oder doch zu
dulden schien, obwohl zwischen uns ein fast kuehles Verhaeltnis bestand, aus
dem ein solches Gebaren nicht erklaerlich war. Es war indessen jene leise
Beruehrung, welche mir die Kraft gab, die langen Mahlzeiten auszuhalten.
Und nach einigen Wochen krampfhaften Ertragens hatte ich, mit der fast
unbegrenzten Anpasssung des Kin des, mich so sehr an das Unheimliche jener
Zusammenkuenfte gewoehnt, dass es mich keine Anstrengung mehr kostete, zwei
Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt vergingen sie sogar verhaeltnismaessig
schnell, weil ich mich damit beschaeftigte, die Anwesenden zu beobachten.
Mein Grossvater nannte es die Familie, und ich hoerte auch die andern diese
Bezeichnung gebrauchen, die ganz willkuerlich war. Denn obwohl diese vier
Menschen miteinander in entfernten verwandtschaftlichen Beziehungen
standen, so gehoerten sie doch in keiner Weise zusammen. Der Oheim,
welcher neben mir sass, war ein alter Mann, dessen hartes und verbranntes
Gesicht einige schwarze Flecke zeigte, wie ich erfuhr, die Folgen einer
explodierten Pulverladung; muerrisch und malkontent wie er war, hatte er
als Major seinen Abschied genommen, und nun machte er in einem mir
unbekannten Raum des Schlosses alchymistische Versuche, war auch, wie ich
die Diener sagen hoerte, mit einem Stockhause in Verbindung, von wo man ihm
ein- oder zweimal jaehrlich Leichen zusandte, mit denen er sich Tage und
Naechte einschloss und die er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art
zubereitete, so dass sie der Verwesung widerstanden. Ihm gegenueber war der
Platz des Fraeuleins Mathilde Brahe. Es war das eine Person von unbe
stimmtem Alter, eine entfernte Cousine meiner Mutter, von der nichts
bekannt war, als dass sie eine sehr rege Korrespondenz mit einem
oesterreichischen Spiritisten unterhielt, der sich Baron Nolde nannte und
dem sie vollkommen ergeben war, so dass sie nicht das geringste unternahm,
ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie seinen Segen
einzuholen. Sie war zu jener Zeit ausserordentlich stark, von einer
weichen, traegen Fuelle, die gleichsam achtlos in ihre losen, hellen Kleider
hineingegossen war; ihre Bewegungen waren muede und unbestimmt, und ihre
Augen flossen bestaendig ueber. Und trotzdem war etwas in ihr, das mich an
meine zarte und schlanke Mutter erinnerte.

Ich fand, je laenger ich sie betrachtete, alle die feinen und leisen Zuege
in ihrem Gesichte, an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie mehr recht
hatte erinnern koennen; nun erst, seit ich Mathilde Brahe taeglich sah,
wusste ich wieder, wie die Verstorbene ausgesehen hatte; ja, ich wusste es
vielleicht zum erstenmal. Nun erst setzte sich aus hundert und hundert
Einzelheiten ein Bild der Toten in mir zusammen, jenes Bild, das mich
ueberall begleitet. Spaeter ist es mir klar geworden, dass in dem Gesicht
des Fraeuleins Brahe wirklich alle Einzelheiten vorhanden waren, die die
Zuege meiner Mutter bestimmten,--sie waren nur, als ob ein fremdes Gesicht
sich dazwischen geschoben haette, auseinandergedraengt, verbogen und nicht
mehr in Verbindung miteinander.

Neben dieser Dame sass der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe, etwa
gleichaltrig mit mir, aber kleiner und schwaechlicher. Aus einer
gefaeltelten Krause stieg sein duenner, blasser Hals und verschwand unter
einem langen Kinn. Seine Lippen waren schmal und fest geschlossen, seine
Nasenfluegel zitterten leise, und von seinen schoenen dunkelbraunen Augen
war nur das eine beweglich. Es blickte manchmal ruhig und traurig zu mir
herueber, waehrend das andere immer in dieselbe Ecke gerichtet blieb, als
waere es verkauft und kaeme nicht mehr in Betracht.

Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines Grossvaters,
den ein Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm unterschob und in dem
der Greis nur einen geringen Raum einnahm. Es gab Leute, die diesen
schwerhoerigen und herrischen alten Herrn Exzellenz und Hofmarschall
nannten, andere gaben ihm den Titel General. Und er besass gewiss auch alle
diese Wuerden, aber es war so lange her, seit er Aemter bekleidet hatte, dass
diese Benennungen kaum mehr verstaendlich waren. Mir schien es ueberhaupt,
als ob an seiner in gewissen Momenten so scharfen und doch immer wieder
aufgeloesten Persoenlichkeit kein bestimmter Name haften koenne. Ich konnte
mich nie entschliessen, ihn Grossvater zu nennen, obwohl er bisweilen
freundlich zu mir war, ja mich sogar zu sich rief, wobei er meinem Namen
eine scherzhafte Betonung zu geben versuchte. Uebrigens zeigte die ganze
Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem Grafen
gegenueber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit mit
dem greisen Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche Blicke
des Einverstaendnisses mit ihm, die ebensorasch von dem Grossvater erwidert
wurden; auch konnte man sie zuweilen in den langen Nachmittagen am Ende
der tiefen Galerie auftauchen sehen und beobachten, wie sie, Hand in Hand,
die dunklen alten Bildnisse entlang gingen, ohne zu sprechen, offenbar auf
eine andere Weise sich verstaendigend.

Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draussen in den
Buchenwaeldern oder auf der Heide; und es gab zum Glueck Hunde auf
Urnekloster, die mich begleiteten; es gab da und dort ein Paechterhaus oder
einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und Fruechte bekommen konnte, und ich
glaube, dass ich meine Freiheit ziemlich sorglos genoss, ohne mich,
wenigstens in den folgenden Wochen, von dem Gedanken an die abendlichen
Zusammenkuenfte aengstigen zu lassen. Ich sprach fast mit niemandem, denn
es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den Hunden hatte ich kurze
Gespraeche dann und wann: mit ihnen verstand ich mich ausgezeichnet.
Schweigsamkeit war uebrigens eine Art Familieneigenschaft; ich kannte sie
von meinem Vater her, und es wunderte mich nicht, dass waehrend der
Abendtafel fast nichts gesprochen wurde.

In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich Mathilde
Brahe aeusserst gespraechig. Sie fragte den Vater nach frueheren Bekannten in
auslaendischen Staedten, sie erinnerte sich entlegener Eindruecke, sie ruehrte
sich selbst bis zu Traenen, indem sie verstorbener Freundinnen und eines
gewissen jungen Mannes gedachte, von dem sie andeutete, dass er sie geliebt
habe, ohne dass sie seine instaendige und hoffnungslose Neigung haette
erwidern moegen. Mein Vater hoerte hoeflich zu, neigte dann und wann
zustimmend sein Haupt und antwortete nur das Noetigste. Der Graf, oben am
Tisch, laechelte bestaendig mit herabgezogenen Lippen, sein Gesicht erschien
groesser als sonst, es war, als truege er eine Maske. Er ergriff uebrigens
selbst manchmal das Wort, wobei seine Stimme sich auf niemanden bezog,
aber, obwohl sie sehr leise war, doch im ganzen Saal gehoert werden konnte;
sie hatte etwas von dem gleichmaessigen unbeteiligten Gang einer Uhr; die
Stille um sie schien eine eigene leere Resonanz zu haben, fuer jede Silbe
die gleiche.

Graf Brahe hielt es fuer eine besondere Artigkeit meinem Vater gegenueber,
von dessen verstorbener Gemahlin, meiner Mutter, zu sprechen. Er nannte
sie Graefin Sibylle, und alle seine Saetze schlossen, als fragte er nach ihr.
Ja es kam mir, ich weiss nicht weshalb, vor, als handle es sich um ein
ganz junges Maedchen in Weiss, das jeden Augenblick bei uns eintreten koenne.
In demselben Tone hoerte ich ihn auch von 'unserer kleinen Anna Sophie'
reden. Und als ich eines Tages nach diesem Fraeulein fragte, das dem
Grossvater besonders lieb zu sein schien, erfuhr ich, dass er des
Grosskanzlers Conrad Reventlow Tochter meinte, weiland Friedrichs des
Vierten Gemahlin zur linken Hand, die seit nahezu anderthalb hundert
Jahren zu Roskilde ruhte. Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle
fuer ihn, der Tod war ein kleiner Zwischenfall, den er vollkommen
ignorierte, Personen, die er einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte,
existierten, und daran konnte ihr Absterben nicht das geringste aendern.
Mehrere Jahre spaeter, nach dem Tode des alten Herrn, erzaehlte man sich,
wie er auch das Zukuenftige mit demselben Eigensinn als gegenwaertig empfand.
Er soll einmal einer gewissen jungen Frau von ihren Soehnen gesprochen
haben, von den Reisen eines dieser Soehne insbesondere, waehrend die junge
Dame, eben im dritten Monate ihrer ersten Schwangerschaft, fast
besinnungslos vor Entsetzen und Furcht neben dem unablaessig redenden Alten
sass.

Aber es begann damit, dass ich lachte. Ja ich lachte laut und ich konnte
mich nicht beruhigen. Eines Abends fehlte naemlich Mathilde Brahe. Der
alte, fast ganz erblindete Bediente hielt, als er zu ihrem Platze kam,
dennoch die Schuessel anbietend hin. Eine Weile verharrte er so; dann ging
er befriedigt und wuerdig und als ob alles in Ordnung waere weiter. Ich
hatte diese Szene beobachtet, und sie kam mir, im Augenblick da ich sie
sah, durchaus nicht komisch vor. Aber eine Weile spaeter, als ich eben
einen Bissen in den Mund steckte, stieg mir das Gelaechter mit solcher
Schnelligkeit in den Kopf, dass ich mich verschluckte und grossen Laerm
verursachte. Und trotzdem diese Situation mir selber laestig war, trotzdem
ich mich auf alle moegliche Weise anstrengte, ernst zu sein, kam das Lachen
stossweise immer wieder und behielt voellig die Herrschaft ueber mich. Mein
Vater, gleichsam um mein Benehmen zu verdecken, fragte mit seiner breiten
gedaempften Stimme: "Ist Mathilde krank?" Der Grossvater laechelte in seiner
Art und antwortete dann mit einem Satze, auf den ich, mit mir selber
beschaeftigt, nicht achtgab und der etwa lautete: Nein, sie wuenscht nur,
Christinen nicht zu begegnen. Ich sah es also auch nicht als Wirkung
dieser Worte an, dass mein Nachbar, der braune Major, sich erhob und, mit
einer undeutlich gemurmelten Entschuldigung und einer Verbeugung gegen den
Grafen hin, den Saal verliess. Es fiel mir nur auf, dass er sich hinter dem
Ruecken des Hausherrn in der Tuer nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und
zu meinem groessten Erstaunen ploetzlich auch mir winkende und nickende
Zeichen machte, als forderte er uns auf, ihm zu folgen. Ich war so
ueberrascht, dass mein Lachen aufhoerte, mich zu bedraengen. Im uebrigen
schenkte ich dem Major weiter keine Aufmerksamkeit; er war mir unangenehm,
und ich bemerkte auch, dass der kleine Erik ihn nicht beachtete.

Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer, und man war gerade beim
Nachtisch angelangt, als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und
mitgenommen wurden, die im Hintergrund des Saales, im Halbdunkel, vor sich
ging. Dort war nach und nach eine, wie ich meinte, stets verschlossene
Tuere, von welcher man mir gesagt hatte, dass sie in das Zwischengeschoss
fuehre, aufgegangen, und jetzt, waehrend ich mit einem mir ganz neuen Gefuehl
von Neugier und Bestuerzung hinsah, trat in das Dunkel der Tueroeffnung eine
schlanke, hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu. Ich weiss nicht,
ob ich eine Bewegung machte oder einen Laut von mir gab, der Laerm eines
umstuerzenden Stuhles zwang mich, meine Blicke von der merkwuerdigen Gestalt
abzureissen, und ich sah meinen Vater, der aufgesprungen war und nun,
totenbleich im Gesicht, mit herabhaengenden geballten Haenden, auf die Dame
zuging. Sie bewegte sich indessen, von dieser Szene ganz unberuehrt, auf
uns zu, Schritt fuer Schritt, und sie war schon nicht mehr weit von dem
Platze des Grafen, als dieser sich mit einem Ruck erhob, meinen Vater beim
Arme fasste, ihn an den Tisch zurueckzog und festhielt, waehrend die fremde
Dame, langsam und teilnahmlos, durch den nun freigewordenen Raum
vorueberging, Schritt fuer Schritt, durch unbeschreibliche Stille, in der
nur irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tuer der
gegenueberliegenden Wand des Saales verschwand.

In diesem Augenblick bemerkte ich, dass es der kleine Erik war, der mit
einer tiefen Verbeugung diese Tuere hinter der Fremden schloss. Ich war
der einzige, der am Tische sitzengeblieben war; ich hatte mich so schwer
gemacht in meinem Sessel, mir schien, ich koennte allein nie wieder auf.
Eine Weile sah ich, ohne zu sehen. Dann fiel mir mein Vater ein, und ich
gewahrte, dass der Alte ihn noch immer am Arme festhielt. Das Gesicht
meines Vaters war jetzt zornig, voller Blut, aber der Grossvater, dessen
Finger wie eine weisse Kralle meines Vaters Arm umklammerten, laechelte sein
masken haftes Laecheln. Ich hoerte dann, wie er etwas sagte, Silbe fuer
Silbe, ohne dass ich den Sinn seiner Worte verstehen konnte. Dennoch
fielen sie mir tief ins Gehoer, denn vor etwa zwei Jahren fand ich sie
eines Tages unten in meiner Erinnerung, und seither weiss ich sie. Er
sagte: "Du bist heftig, Kammerherr, und unhoeflich. Was laesst du die Leute
nicht an ihre Beschaeftigungen gehn?" "Wer ist das?" schrie mein Vater
dazwischen. "Jemand, der wohl das Recht hat, hier zu sein. Keine Fremde.
Christine Brahe."--Da entstand wieder jene merkwuerdig duenne Stille, und
wieder fing das Glas an zu zittern. Dann aber riss sich mein Vater mit
einer Bewegung los und stuerzte aus dem Saale.

Ich hoerte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen; denn auch
ich konnte nicht schlafen. Aber ploetzlich gegen Morgen erwachte ich doch
aus irgend etwas Schlafaehnlichem und sah mit einem Entsetzen, dass mich bis
ins Herz hinein laehmte, etwas Weisses, das an meinem Bette sass. Meine
Verzweiflung gab mir schliesslich die Kraft, den Kopf unter die Decke zu
stecken, und dort begann ich aus Angst und Huelflosigkeit zu weinen.
Ploetzlich wurde es kuehl und hell ueber meinen weinenden Augen; ich drueckte
sie, um nichts sehen zu muessen, ueber den Traenen zu. Aber die Stimme, die
nun von ganz nahe auf mich einsprach, kam lau und suesslich an mein Gesicht,
und ich erkannte sie: es war Fraeulein Mathildes Stimme. Ich beruhigte
mich sofort und liess mich trotzdem, auch als ich schon ganz ruhig war,
immer noch weiter troesten; ich fuehlte zwar, dass diese Guete zu weichlich
sei, aber ich genoss sie dennoch und meinte sie irgendwie verdient zu haben.
"Tante", sagte ich schliesslich und versuchte in ihrem zerflossenen
Gesicht die Zuege meiner Mutter zusammenzufassen: "Tante, wer war die
Dame?" "Ach", antwortete das Fraeulein Brahe mit einem Seufzer, der mir
komisch vorkam, "eine Unglueckliche, mein Kind, eine Unglueckliche." Am
Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente, die mit
Packen beschaeftigt waren. Ich dachte, dass wir reisen wuerden, ich fand es
ganz natuerlich, dass wir nun reisten. Vielleicht war das auch meines
Vaters Absicht. Ich habe nie erfahren, was ihn bewog, nach jenem Abend
noch auf Urnekloster zu bleiben. Aber wir reisten nicht. Wir hielten uns
noch acht Wochen oder neun in diesem Hause auf, wir ertrugen den Druck
seiner Seltsam keiten, und wir sahen noch dreimal Christine Brahe. Ich
wusste damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wusste nicht, dass sie vor
langer, langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war, einen Knaben
gebaehrend, der zu einem bangen und grausamen Schicksal heranwuchs,--ich
wusste nicht, dass sie eine Gestorbene war. Aber mein Vater wusste es.
Hatte er, der leidenschaftlich war und auf Konsequenz und Klarheit
angelegt, sich zwingen wollen, in Fassung und ohne zu fragen, dieses
Abenteuer auszuhalten? Ich sah, ohne zu begreifen, wie er mit sich
kaempfte, ich erlebte es, ohne zu verstehen, wie er sich endlich bezwang.
Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war
auch Fraeulein Mathilde zu Tische erschienen; aber sie war anders als sonst.
Wie in den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie unaufhoerlich
ohne bestimmten Zusammenhang und fortwaehrend sich verwirrend, und dabei
war eine koerperliche Unruhe in ihr, die sie noetigte, sich bestaendig etwas
am Haar oder am Kleide zu richten,--bis sie unvermutet mit einem hohen
klagenden Schrei aufsprang und verschwand.

In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkuerlich nach der
gewissen Tuere, und wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein Nachbar, der
Major, machte eine heftige, kurze Bewegung, die sich in meinen Koerper
fortpflanzte, aber er hatte offenbar keine Kraft mehr, sich zu erheben.
Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum andern,
sein Mund stand offen, und die Zunge wand sich hinter den verdorbenen
Zaehnen; dann auf einmal war dieses Gesicht fort, und sein grauer Kopf lag
auf dem Tische, und seine Arme lagen wie in Stuecken darueber und darunter,
und irgendwo kam eine welke, fleckige Hand hervor und bebte. Und nun
ging Christine Brahe vorbei, Schritt fuer Schritt, langsam wie eine Kranke,
durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger wimmernder Laut
hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob sich links von dem
grossen silbernen Schwan, der mit Narzissen gefuellt war, die grosse Maske
des Alten hervor mit ihrem grauen Laecheln. Er hob sein Weinglas meinem
Vater zu. Und nun sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine Brahe
hinter seinem Sessel vorueberkam, nach seinem Glase griff und es wie etwas
sehr Schweres eine Handbreit ueber den Tisch hob. Und noch in dieser Nacht
reisten wir.

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