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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

Looking for Child to be on Cover of a New Book, 'The Model Child'
PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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Bibliothèque Nationale.


Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal aber man
spuert sie nicht. Sie sind in den Buechern. Manchmal bewegen sie sich in
den Blaettern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei
Traeumen. Ach, wie gut ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein.
Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise
anruehren: er fuehlt nichts. Und stoesst du einen Nachbar beim Aufstehen ein
wenig an und entschuldigst dich, so nickt er nach der Seite, auf der er
deine Stimme hoert, sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht,
und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden. Wie wohl das tut. Und
ich sitze und habe einen Dichter. Was fuer ein Schicksal. Es sind jetzt
vielleicht dreihundert Leute im Saale, die lesen; aber es ist unmoeglich,
dass sie jeder einzelne einen Dichter haben. (Weiss Gott, was sie haben.)
Dreihundert Dichter giebt es nicht. Aber sieh nur, was fuer ein Schicksal,
ich, vielleicht der armsaeligste von diesen Lesenden, ein Auslaender: ich
habe einen Dichter. Obwohl ich arm bin. Obwohl mein Anzug, den ich
taeglich trage, anfaengt, gewisse Stellen zu bekommen, obwohl gegen meine
Schuhe sich das und jenes einwenden liesse. Zwar mein Kragen ist rein,
meine Waesche auch, und ich koennte, wie ich bin, in eine beliebige
Konditorei gehen, womoeglich auf den grossen Boulevards, und koennte mit
meiner Hand getrost in einen Kuchenteller greifen und etwas nehmen. Man
wuerde nichts Auffaelliges darin finden und mich nicht schelten und
hinausweisen, denn es ist immerhin eine Hand aus den guten Kreisen, eine
Hand, die vier- bis fuenfmal taeglich gewaschen wird. Ja, es ist nichts
hinter den Naegeln, der Schreibfinger ist ohne Tinte, und besonders die
Gelenke sind tadellos. Bis dorthin waschen arme Leute sich nicht, das ist
eine bekannte Tatsache. Man kann also aus ihrer Reinlichkeit gewisse
Schluesse ziehen. Man zieht sie auch. In den Geschaeften zieht man sie.
Aber es giebt doch ein paar Existenzen, auf dem Boulevard Saint-Michel zum
Beispiel und in der rue Racine, die lassen sich nicht irremachen, die
pfeifen auf die Gelenke. Die sehen mich an und wissen es. Die wissen,
dass ich eigentlich zu ihnen gehoere, dass ich nur ein bisschen Komoedie spiele.
Es ist ja Fasching. Und sie wollen mir den Spass nicht verderben; sie
grinsen nur so ein bisschen und zwinkern mit den Augen. Kein Mensch hats
gesehen. Im uebrigen behandeln sie mich wie einen Herrn. Es muss nur
jemand in der Naehe sein, dann tun sie sogar untertaenig. Tun, als ob ich
einen Pelz anhaette und mein Wagen hinter mir herfuehre. Manchmal gebe ich
ihnen zwei Sous und zittere, sie koennten sie abweisen; aber sie nehmen sie
an. Und es waere alles in Ordnung, wenn sie nicht wieder ein wenig
gegrinst und gezwinkert haetten. Wer sind diese Leute? Was wollen sie von
mir? Warten sie auf mich? Woran erkennen sie mich? Es ist wahr, mein
Bart sieht etwas vernachlaessigt aus, ein ganz, ganz klein wenig erinnert
er an ihre kranken, alten, verblichenen Baerte, die mir immer Eindruck
gemacht haben. Aber habe ich nicht das Recht, meinen Bart zu
vernachlaessigen? Viele beschaeftigte Menschen tun das, und es faellt doch
niemandem ein, sie deshalb gleich zu den Fortgeworfenen zu zaehlen. Denn
das ist mir klar, dass das die Fortgeworfenen sind, nicht nur Bettler; nein,
es sind eigentlich keine Bettler, man muss Unterschiede machen. Es sind
Abfaelle, Schalen von Menschen, die das Schicksal ausgespieen hat. Feucht
vom Speichel des Schicksals kleben sie an einer Mauer, an einer Laterne,
an einer Plakatsaeule, oder sie rinnen langsam die Gasse herunter mit einer
dunklen, schmutzigen Spur hinter sich her. Was in aller Welt wollte diese
Alte von mir, die, mit einer Nachttischschublade, in der einige Knoepfe und
Nadeln herumrollten, aus irgendeinem Loch herausgekrochen war? Weshalb
ging sie immer neben mir und beobachtete mich? Als ob sie versuchte, mich
zu erkennen mit ihren Triefaugen, die aussahen, als haette ihr ein Kranker
gruenen Schleim in die blutigen Lider gespuckt. Und wie kam damals jene
graue, kleine Frau dazu, eine Viertelstunde lang vor einem Schaufenster an
meiner Seite zu stehen, waehrend sie mir einen alten, langen Bleistift
zeigte, der unendlich langsam aus ihren schlechten, geschlossenen Haenden
sich herausschob. Ich tat, als betrachtete ich die ausgelegten Sachen und
merkte nichts. Sie aber wusste, dass ich sie gesehen hatte, sie wusste, dass
ich stand und nachdachte, was sie eigentlich taete. Denn dass es sich nicht
um den Bleistift handeln konnte, begriff ich wohl: ich fuehlte, dass das ein
Zeichen war, ein Zeichen fuer Eingeweihte, ein Zeichen, das die
Fortgeworfenen kennen; ich ahnte, sie bedeutete mir, ich muesste irgendwohin
kommen oder etwas tun. Und das Seltsamste war, dass ich immerfort das
Gefuehl nicht los wurde, es bestuende tatsaechlich eine gewisse Verabredung,
zu der dieses Zeichen gehoerte, und diese Szene waere im Grunde etwas, was
ich haette erwarten muessen.

Das war vor zwei Wochen. Aber nun vergeht fast kein Tag ohne eine solche
Begegnung. Nicht nur in der Daemmerung, am Mittag in den dichtesten
Strassen geschieht es, dass ploetzlich ein kleiner Mann oder eine alte Frau
da ist, nickt, mir etwas zeigt und wieder verschwindet, als waere nun alles
Noetige getan. Es ist moeglich, dass es ihnen eines Tages einfaellt, bis in
meine Stube zu kommen, sie wissen bestimmt, wo ich wohne, und sie werden
es schon einrichten, dass der Concierge sie nicht aufhaelt. Aber hier,
meine Lieben, hier bin ich sicher vor euch. Man muss eine besondere Karte
haben, um in diesen Saal eintreten zu koennen. Diese Karte habe ich vor
euch voraus. Ich gehe ein wenig scheu, wie man sich denken kann, durch
die Strassen, aber schliesslich stehe ich vor einer Glastuer, oeffne sie, als
ob ich zuhause waere, weise an der naechsten Tuer meine Karte vor (ganz genau
wie ihr mir eure Dinge zeigt, nur mit dem Unterschiede, dass man mich
versteht und begreift, was ich meine--), und dann bin ich zwischen diesen
Buechern, bin euch weggenommen, als ob ich gestorben waere, und sitze und
lese einen Dichter.

Ihr wisst nicht, was das ist, ein Dichter?--Verlaine... Nichts? Keine
Erinnerung? Nein. Ihr habt ihn nicht unterschieden unter denen, die ihr
kanntet? Unterschiede macht ihr keine, ich weiss. Aber es ist ein anderer
Dichter, den ich lese, einer, der nicht in Paris wohnt, ein ganz anderer.
Einer, der ein stilles Haus hat im Gebirge. Der klingt wie eine Glocke
in reiner Luft. Ein gluecklicher Dichter, der von seinem Fenster erzaehlt
und von den Glastueren seines Buecherschrankes, die eine liebe, einsame
Weite nachdenklich spiegeln. Gerade der Dichter ist es, der ich haette
werden wollen; denn er weiss von den Maedchen so viel, und ich haette auch
viel von ihnen gewusst. Er weiss von Maedchen, die vor hundert Jahren gelebt
haben; es tut nichts mehr, dass sie tot sind, denn er weiss alles. Und das
ist die Hauptsache. Er spricht ihre Namen aus, diese leisen,
schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen
Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer aelteren Freundinnen, in denen
schon ein klein wenig Schicksal mitklingt, ein klein wenig Enttaeuschung
und Tod. Vielleicht liegen in einem Fach seines Mahagonischreibtisches
ihre verblichenen Briefe und die geloesten Blaetter ihrer Tagebuecher, in
denen Geburtstage stehen, Sommerpartien, Geburtstage. Oder es kann sein,
dass es in der bauchigen Kommode im Hintergrunde seines Schlafzimmers eine
Schublade giebt, in der ihre Fruehjahrskleider aufgehoben sind; weisse
Kleider, die um Ostern zum erstenmal angezogen wurden, Kleider aus
getupftem Tuell, die eigentlich in den Sommer gehoeren, den man nicht
erwarten konnte. O was fuer ein glueckliches Schicksal, in der stillen
Stube eines ererbten Hauses zu sitzen unter lauter ruhigen, sesshaften
Dingen und draussen im leichten, lichtgruenen Garten die ersten Meisen zu
hoeren, die sich versuchen, und in der Ferne die Dorfuhr. Zu sitzen und
auf einen warmen Streifen Nachmittagssonne zu sehen und vieles von
vergangenen Maedchen zu wissen und ein Dichter zu sein. Und zu denken, dass
ich auch so ein Dichter geworden waere, wenn ich irgendwo haette wohnen
duerfen, irgendwo auf der Welt, in einem von den vielen verschlossenen
Landhaeusern, um die sich niemand bekuemmert. Ich haette ein einziges Zimmer
gebraucht (das lichte Zimmer im Giebel). Da haette ich drinnen gelebt mit
meinen alten Dingen, den Familienbildern, den Buechern. Und einen
Lehnstuhl haette ich gehabt und Blumen und Hunde und einen starken Stock
fuer die steinigen Wege. Und nichts sonst. Nur ein Buch in gelbli ches,
elfenbeinfarbiges Leder gebunden mit einem alten blumigen Muster als
Vorsatz: dahinein haette ich geschrieben. Ich haette viel geschrieben, denn
ich haette viele Gedanken gehabt und Erinnerungen von Vielen. Aber es ist
anders gekommen, Gott wird wissen, warum. Meine alten Moebel faulen in
einer Scheune, in die ich sie habe stellen duerfen, und ich selbst, ja,
mein Gott, ich habe kein Dach ueber mir, und es regnet mir in die Augen.

Manchmal gehe ich an kleinen Laeden vorbei in der rue de Seine etwa.
Haendler mit Altsachen oder kleine Buchantiquare oder Kupferstichverkaeufer
mit ueberfuellten Schaufenstern. Nie tritt jemand bei ihnen ein, sie machen
offenbar keine Geschaefte. Sieht man aber hinein, so sitzen sie, sitzen
und lesen, unbesorgt; sorgen nicht um morgen, aengstigen sich nicht um ein
Gelingen, haben einen Hund, der vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine
Katze, die die Stille noch groesser macht, indem sie die Buecherreihen
entlang streicht, als wischte sie die Namen von den Ruecken. Ach, wenn
das genuegte: ich wuenschte manchmal, mir so ein volles Schaufenster zu
kaufen und mich mit einem Hund dahinterzusetzen fuer zwanzig Jahre.

Es ist gut, es laut zu sagen: "Es ist nichts geschehen." Noch einmal: "Es
ist nichts geschehen." Hilft es?

Dass mein Ofen wieder einmal geraucht hat und ich ausgehen musste, das ist
doch wirklich kein Unglueck. Dass ich mich matt und erkaeltet fuehle, hat
nichts zu bedeuten. Dass ich den ganzen Tag in den Gassen umhergelaufen
bin, ist meine eigene Schuld. Ich haette ebensogut im Louvre sitzen koennen.
Oder nein, das haette ich nicht. Dort sind gewisse Leute, die sich
waermen wollen. Sie sitzen auf den Samtbaenken, und ihre Fuesse stehen wie
grosse leere Stiefel nebeneinander auf den Gittern der Heizungen. Es sind
aeusserst bescheidene Maenner, die dankbar sind, wenn die Diener in den
dunklen Uniformen mit den vielen Orden sie dulden. Aber wenn ich eintrete,
so grinsen sie. Grinsen und nicken ein wenig. Und dann, wenn ich vor
den Bildern hin und her gehe, behalten sie mich im Auge, immer im Auge,
immer in diesem umgeruehrten, zusammengeflossenen Auge. Es war also gut,
dass ich nicht ins Louvre gegangen bin. Ich bin immer unterwegs gewesen.
Weiss der Himmel in wie vielen Staedten, Stadtteilen, Friedhoefen, Bruecken
und Durchgaengen. Irgendwo habe ich einen Mann gesehen, der einen
Gemuesewagen vor sich herschob. Er schrie: Chou fleur, Chou-fleur, das
fleur mit eigentuemlich truebem eu. Neben ihm ging eine eckige, haessliche
Frau, die ihn von Zeit zu Zeit anstiess. Und wenn sie ihn anstiess, so
schrie er. Manchmal schrie er auch von selbst, aber dann war es umsonst
gewesen, und er musste gleich darauf wieder schreien, weil man vor einem
Hause war, welches kaufte. Habe ich schon gesagt, dass er blind war?
Nein? Also er war blind. Er war blind und schrie. Ich faelsche, wenn
ich das sage, ich unterschlage den Wagen, den er schob, ich tue, als haette
ich nicht bemerkt, dass er Blumenkohl ausrief. Aber ist das wesentlich?
Und wenn es auch wesentlich waere, kommt es nicht darauf an, was die ganze
Sache fuer mich gewesen ist? Ich habe einen alten Mann gesehen, der blind
war und schrie. Das habe ich gesehen. Gesehen. Wird man es glauben,
dass es solche Haeuser giebt? Nein, man wird sagen, ich faelsche. Diesmal
ist es Wahrheit, nichts weggelassen, natuerlich auch nichts hinzugetan.
Woher sollte ich es nehmen? Man weiss, dass ich arm bin. Man weiss es.
Haeuser? Aber, um genau zu sein, es waren Haeuser, die nicht mehr da waren.
Haeuser, die man abgebrochen hatte von oben bis unten. Was da war, das
waren die anderen Haeuser, die danebengestanden hatten, hohe Nachbarhaeuser.
Offenbar waren sie in Gefahr, umzufallen, seit man nebenan alles
weggenommen hatte; denn ein ganzes Geruest von langen, geteerten Mastbaeumen
war schraeg zwischen den Grund des Schuttplatzes und die blossgelegte Mauer
gerammt. Ich weiss nicht, ob ich schon gesagt habe, dass ich diese Mauer
meine. Aber es war sozusagen nicht die erste Mauer der vorhandenen Haeuser
(was man doch haette annehmen muessen), sondern die letzte der frueheren.
Man sah ihre Innenseite. Man sah in den verschiedenen Stockwerken
Zimmerwaende, an denen noch die Tapeten klebten, da und dort den Ansatz des
Fussbodens oder der Decke. Neben den Zimmerwaenden blieb die ganze Mauer
entlang noch ein schmutzigweisser Raum, und durch diesen kroch in unsaeglich
widerlichen, wurmweichen, gleichsam verdauenden Bewegungen die offene,
rostfleckige Rinne der Abortroehre. Von den Wegen, die das Leuchtgas
gegangen war, waren graue, staubige Spuren am Rande der Decken geblieben,
und sie bogen da und dort, ganz unerwartet, rund um und kamen in die
farbige Wand hineingelaufen und in ein Loch hinein, das schwarz und
ruecksichtslos ausgerissen war. Am unvergesslichsten aber waren die Waende
selbst. Das zaehe Leben dieser Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen.
Es war noch da, es hielt sich an den Naegeln, die geblieben waren, es stand
auf dem bandbreiten Rest der Fussboeden, es war unter den Ansaetzen der Ecken,
wo es noch ein klein wenig Innenraum gab, zusammengekrochen. Man konnte
sehen, dass es in der Farbe war, die es langsam, Jahr um Jahr, verwandelt
hatte: Blau in schimmliches Gruen, Gruen in Grau und Gelb in ein altes,
abgestandenes Weiss, das fault. Aber es war auch in den frischeren Stellen,
die sich hinter Spiegeln, Bildern und Schraenken erhalten hatten; denn es
hatte ihre Umrisse gezogen und nachgezogen und war mit Spinnen und Staub
auch auf diesen versteckten Plaetzen gewesen, die jetzt blosslagen. Es war
in jedem Streifen, der abgeschunden war, es war in den feuchten Blasen am
unteren Rande der Tapeten, es schwankte in den abgerissenen Fetzen, und
aus den garstigen Flecken, die vor langer Zeit entstanden waren, schwitzte
es aus. Und aus diesen blau, gruen und gelb gewesenen Waenden, die
eingerahmt waren von den Bruchbahnen der zerstoerten Zwischenmauern, stand
die Luft dieser Leben heraus, die zaehe, traege, stockige Luft, die kein
Wind noch zerstreut hatte. Da standen die Mittage und die Krankheiten und
das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiss, der unter den
Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht, und das Fade aus den
Munden und der Fuselgeruch gaerender Fuesse. Da stand das Scharfe vom Urin
und das Brennen vom Russ und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte
Gestank von alterndem Schmalze. Der suesse, lange Geruch von
vernachlaessigten Saeuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in
die Schule gehen, und das Schwuele aus den Betten mannbarer Knaben. Und
vieles hatte sich dazugesellt, was von unten gekom men war, aus dem
Abgrund der Gassc, die verdunstete, und anderes war von oben
herabgesickert mit dem Regen, der ueber den Staedten nicht rein ist. Und
manches hatte die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in
derselben Strasse bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man
den Ursprung nicht wusste. Ich habe doch gesagt, dass man alle Mauern
abgebrochen hatte bis auf die letzte--? Nun von dieser Mauer spreche ich
fortwaeh rend. Man wird sagen, ich haette lange davorgestanden; aber ich
will einen Eid geben dafuer, dass ich zu laufen begann, sobald ich die Mauer
erkannt hatte. Denn das ist das Schreckliche, dass ich sie erkannt habe.
Ich erkenne das alles hier, und darum geht es so ohne weiteres in mich ein:
es ist zu Hause in mir. Ich war etwas erschoepft nach alledem, man kann
wohl sagen angegriffen, und darum war es zuviel fuer mich, dass auch er noch
auf mich warten musste. Er wartete in der kleinen Cremerie, wo ich zwei
Spiegeleier essen wollte; ich war hungrig, ich war den ganzen Tag nicht
dazu gekommen zu essen. Aber ich konnte auch jetzt nichts zu mir nehmen;
ehe die Eier noch fertig waren, trieb es mich wieder hinaus in die Strassen,
die ganz dickfluessig von Menschen mir entgegenrannen. Denn es war
Fasching und Abend, und die Leute hatten alle Zeit und trieben umher und
rieben sich einer am andern. Und ihre Gesichter waren voll von dem Licht,
das aus den Schaubuden kam, und das Lachen quoll aus ihren Munden wie
Eiter aus offenen Stellen. Sie lachten immer mehr und draengten sich immer
enger zusammen, je ungeduldiger ich versuchte vorwaerts zu kommen. Das
Tuch eines Frauenzimmers hakte sich irgendwie an mir fest, ich zog sie
hinter mir her, und die Leute hielten mich auf und lachten, und ich fuehlte,
dass ich auch lachen sollte, aber ich konnte es nicht. Jemand warf mir
eine Hand Confetti in die Augen, und es brannte wie eine Peitsche. An den
Ecken waren die Menschen festgekeilt, einer in den andern geschoben, und
es war keine Weiterbewegung in ihnen, nur ein leises, weiches Auf und Ab,
als ob sie sich stehend paarten. Aber obwohl sie standen und ich am Rande
der Fahrbahn, wo es Risse im Gedraenge gab, hinlief wie ein Rasender, war
es in Wahrheit doch so, dass sie sich bewegten und ich mich nicht ruehrte.
Denn es veraenderte sich nichts; wenn ich aufsah, gewahrte ich immer noch
dieselben Haeuser auf der einen Seite und auf der anderen die Schaubuden.
Vielleicht auch stand alles fest, und es war nur ein Schwindel in mir und
ihnen, der alles zu drehen schien. Ich hatte keine Zeit, darueber
nachzudenken, ich war schwer von Schweiss, und es kreiste ein betaeubender
Schmerz in mir, als ob in meinem Blute etwas zu Grosses mittriebe, das die
Adern ausdehnte, wohin es kam. Und dabei fuehlte ich, dass die Luft laengst
zu Ende war und dass ich nur mehr Ausgeatmetes einzog, das meine Lungen
stehen liessen.

Aber nun ist es vorbei; ich habe es ueberstanden. Ich sitze in meinem
Zimmer bei der Lampe; es ist ein wenig kalt, denn ich wage es nicht, den
Ofen zu versuchen; was, wenn er rauchte und ich muesste wieder hinaus? Ich
sitze und denke: wenn ich nicht arm waere, wuerde ich mir ein anderes Zimmer
mieten, ein Zimmer mit Moebeln, die nicht so aufgebraucht sind, nicht so
voll von frueheren Mietern wie diese hier. Zuerst war es mir wirklich
schwer, den Kopf in diesen Lehnstuhl zu legen; es ist da naemlich eine
gewisse schmierig-graue Mulde in seinem gruenen Bezug, in die alle Koepfe zu
passen scheinen. Laengere Zeit gebrauchte ich die Vorsicht, ein
Taschentuch unter meine Haare zu legen, aber jetzt bin ich zu muede dazu;
ich habe gefunden, dass es auch so geht und dass die kleine Vertiefung genau
fuer meinen Hinterkopf gemacht ist, wie nach Mass. Aber ich wuerde mir, wenn
ich nicht arm waere, vor allem einen guten Ofen kaufen, und ich wuerde das
reine, starke Holz heizen, welches aus dem Gebirge kommt, und nicht diese
trostlosen tetes-de-moineau, deren Dunst das Atmen so bang macht und den
Kopf so wirr. Und dann muesste jemand da sein, der ohne grobes Geraeusch
aufraeumt und der das Feuer besorgt, wie ich es brauche; denn oft, wenn ich
eine Viertelstunde vor dem Ofen knien muss und ruetteln, die Stirnhaut
gespannt von der nahen Glut und mit Hitze in den offenen Augen, gebe ich
alles aus, was ich fuer den Tag an Kraft habe, und wenn ich dann unter die
Leute komme, haben sie es natuerlich leicht. Ich wuerde manchmal, wenn
grosses Gedraenge ist, einen Wagen nehmen, vorbeifahren, ich wuerde taeglich
in einem Duval essen... und nicht mehr in die Cremerien kriechen... Ob
er wohl auch in einem Duval gewesen waere? Nein. Dort haette er nicht auf
mich warten duerfen. Sterbende laesst man nicht hinein. Sterbende? Ich
sitze ja jetzt in meiner Stube; ich kann ja versuchen, ruhig ueber das
nachzudenken, was mir begegnet ist. Es ist gut, nichts im Ungewissen zu
lassen. Also ich trat ein und sah zuerst nur, dass der Tisch, an dem ich
oefters zu sitzen pflegte, von jemandem anderen eingenommen war. Ich
gruesste nach dem kleinen Buffet hin, bestellte und setzte mich nebenan.
Aber da fuehlte ich ihn, obwohl er sich nicht ruehrte. Gerade seine
Regungslosigkeit fuehlte ich und begriff sie mit einem Schlage. Die
Verbindung zwischen uns war hergestellt, und ich wusste, dass er erstarrt
war vor Entsetzen. Ich wusste, dass das Entsetzen ihn gelaehmt hatte,
Entsetzen ueber etwas, was in ihm geschah. Vielleicht brach ein Gefaess in
ihm, vielleicht trat ein Gift, das er lange gefuerchtet hatte, gerade jetzt
in seine Herzkammer ein, vielleicht ging ein grosses Geschwuer auf in seinem
Gehirn wie eine Sonne, die ihm die Welt verwandelte. Mit
unbeschreiblicher Anstrengung zwang ich mich, nach ihm hinzusehen, denn
ich hoffte noch, dass alles Einbildung sei. Aber es geschah, dass ich
aufsprang und hinausstuerzte; denn ich hatte mich nicht geirrt. Er sass da
in einem dicken, schwarzen Wintermantel, und sein graues, gespanntes
Gesicht hing tief in ein wollenes Halstuch. Sein Mund war geschlossen,
als waere er mit grosser Wucht zugefallen, aber es war nicht moeglich zu
sagen, ob seine Augen noch schauten: beschlagene, rauchgraue Brillenglaeser
lagen davor und zitterten ein wenig. Seine Nasenfluegel waren aufgerissen,
und das lange Haar ueber seinen Schlaefen, aus denen alles weggenommen war,
welkte wie in zu grosser Hitze. Seine Ohren waren lang, gelb, mit grossen
Schatten hinter sich. Ja, er wusste, dass er sich jetzt von allem entfernte,
nicht nur von den Menschen. Ein Augenblick noch, und alles wird seinen
Sinn verloren haben, und dieser Tisch und die Tasse und der Stuhl, an den
er sich klammert, alles Taegliche und Naechste wird unverstaendlich geworden
sein, fremd und schwer. So sass er da und wartete, bis es geschehen sein
wuerde. Und wehrte sich nicht mehr.

Und ich wehre mich noch. Ich wehre mich, obwohl ich weiss, dass mir das
Herz schon heraushaengt und dass ich doch nicht mehr leben kann, auch wenn
meine Quaeler jetzt von mir abliessen. Ich sage mir: es ist nichts
geschehen, und doch habe ich jenen Mann nur begreifen koennen, weil auch in
mir etwas vor sich geht, das anfaengt, mich von allem zu entfernen und
abzutrennen. Wie graute mir immer, wenn ich von einem Sterbenden sagen
hoerte: er konnte schon niemanden mehr erkennen. Dann stellte ich mir ein
einsames Gesicht vor, das sich aufhob aus Kissen und suchte, nach etwas
Bekanntem suchte, nach etwas schon einmal Gesehenem suchte, aber es war
nichts da. Wenn meine Furcht nicht so gross waere, so wuerde ich mich damit
troesten, dass es nicht unmoeglich ist, alles anders zu sehen und doch zu
leben. Aber ich fuerchte mich, ich fuerchte mich namenlos vor dieser
Veraenderung. Ich bin ja noch gar nicht in dieser Welt eingewoehnt gewesen,
die mir gut scheint. Was soll ich in einer anderen? Ich wuerde so gerne
unter den Bedeutungen bleiben, die mir lieb geworden sind, und wenn schon
etwas sich veraendern muss, so moechte ich doch wenigstens unter den Hunden
leben duerfen, die eine verwandte Welt haben und dieselben Dinge.

Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird
ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie
schreiben heissen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine.
Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf
dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich aufloesen und wie
Wasser niedergehen. Bei aller Furcht bin ich schliesslich doch wie einer,
der vor etwas Grossem steht, und ich erinnere mich, dass es frueher oft
aehnlich in mir war, eh ich zu schreiben begann. Aber diesmal werde ich
geschrieben werden. Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird. Oh,
es fehlt nur ein kleines, und ich koennte das alles begreifen und gutheissen.
Nur ein Schritt, und mein tiefes Elend wuerde Seligkeit sein. Aber ich
kann diesen Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich nicht mehr
aufheben, weil ich zerbrochen bin. Ich habe ja immer noch geglaubt, es
koennte eine Huelfe kommen. Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift,
was ich gebetet habe, Abend fuer Abend. Ich habe es mir aus den Buechern,
in denen ich es fand, abgeschrieben, damit es mir ganz nahe waere und aus
meiner Hand entsprungen wie Eigenes. Und ich will es jetzt noch einmal
schreiben, hier vor meinem Tisch kniend will ich es schreiben; denn so
habe ich es laenger, als wenn ich es lese, und jedes Wort dauert an und hat
Zeit zu verhallen.

'Mecontent de tous et mecontent de moi, je voudrais bien me racheter et
menorgueillir un peu dans le silence et la solitude de la nuit. Ames de
ceux que j'ai aimes, ames de ceux que j'ai chantes, fortifiez-moi,
soutenez-moi, eloignez de moi le mensonge et les vapeurs corruptrices du
monde; et vous, Seigneur mon Dieu! accordez-moi la grace de produire
quelques beaux vers qui me prouvent a moi-meme que je ne suis pas le
dernier des hommes, que je ne suis pas inferieur a ceux que je meprise.'

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