Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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'Die Kinder loser und verachteter Leute, die die Geringsten im Lande waren.
Nun bin ich ihr Saitenspiel worden und muss ihr Maerlein sein.
... sie haben ueber mich einen Weg gemacht...
... es war ihnen so leicht, mich zu beschaedigen, dass sie keiner Huelfe
dazu durften.
... nun aber geusset sich aus meiner Seele ueber mich, und mich hat
ergriffen die elende Zeit.
Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben; und die mich jagen,
legen sich nicht schlafen.
Durch die Menge der Kraft werde ich anders und anders gekleidet; und man
guertet mich damit wie mit dem Loch meines Rocks...
Meine Eingeweide sieden und hoeren nicht auf; mich hat ueberfallen die
elende Zeit...
Meine Harfe ist eine Klage worden, und meine Pfeife ein Weinen.'
Der Arzt hat mich nicht verstanden. Nichts. Es war ja auch schwer zu
erzaehlen. Man wollte einen Versuch machen mit dem Elektrisieren. Gut.
Ich bekam einen Zettel: ich sollte um ein Uhr in der Salpetrere sein. Ich
war dort. Ich musste lange an verschiedenen Baracken vorueber, durch
mehrere Hoefe gehen, in denen da und dort Leute mit weissen Hauben wie
Straeflinge unter den leeren Baeumen standen. Endlich kam ich in einen
langen, dunklen, gangartigen Raum, der auf der einen Seite vier Fenster
aus mattem, gruenlichem Glase hatte, eines vom anderen durch eine breite,
schwarze Zwischenwand getrennt. Davor lief eine Holzbank hin, an allem
vorbei, und auf dieser Bank sassen sie, die mich kannten, und warteten. Ja,
sie waren alle da. Als ich mich an die Daemmerung des Raumes gewoehnt
hatte, merkte ich, dass unter denen, welche Schulter an Schulter in
endloser Reihe dasassen, auch einige andere Leute sein konnten, kleine
Leute, Handwerker, Bedienernnen und Lastkutscher. Unten an der
Schmalseite des Ganges auf besonderen Stuehlen hatten sich zwei dicke
Frauen ausgebreitet, die sich unterhielten, vermutlich Conciergen. Ich
sah nach der Uhr; es war fuenf Minuten vor Eins. Nun in fuenf, sagen wir in
zehn Minuten, musste ich drankommen; es war also nicht so schlimm. Die
Luft war schlecht, schwer, voll Kleider und Atem. An einer gewissen
Stelle schlug die starke, steigernde Kuehle von Aether aus einer Tuerspalte.
Ich begann auf und ab zu gehen. Es kam mir in den Sinn, dass man mich
hierher gewiesen hatte, unter diese Leute, in diese ueberfuellte, allgemeine
Sprechstunde. Es war sozusagen die erste oeffentliche Bestaetigung, dass ich
zu den Fortgeworfenen gehoerte; hatte der Arzt es mir angesehen? Aber ich
hatte meinen Besuch in einem leidlich guten Anzuge gemacht, ich hatte
meine Karte hineingeschickt. Trotzdem, er musste es irgendwie erfahren
haben, vielleicht hatte ich mich selbst verraten. Nun, da es einmal
Tatsache war, fand ich es auch gar nicht so arg; die Leute sassen still und
achteten nicht auf mich. Einige hatten Schmerzen und schwenkten ein wenig
das eine Bein, um sie leichter auszuhalten. Verschiedene Maenner hatten
den Kopf in die flachen Haende gelegt, andere schliefen tief mit schweren,
verschuetteten Gesichtern. Ein dicker Mann mit rotem, angeschwollenem
Halse sass voruebergebeugt da, stierte auf den Fussboden und spie von Zeit zu
Zeit klatschend auf einen Fleck, der ihm dazu passend schien. Ein Kind
schluchzte in einer Ecke; die langen magern Beine hatte es zu sich auf die
Bank gezogen, und nun hielt es sie umfasst und an sich gepresst, als muesste
es von ihnen Abschied nehmen. Eine kleine, blasse Frau, der ein mit
runden, schwarzen Blumen geputzter Krepphut schief auf den Haaren sass,
hatte die Grimasse eines Laechelns um die duerftigen Lippen, aber ihre
wunden Lider gingen bestaendig ueber. Nicht weit von ihr hatte man ein
Maedchen hingesetzt mit rundem glatten Gesicht und herausgedraengten Augen,
die ohne Ausdruck waren; sein Mund stand offen, so dass man das weisse,
schleimige Zahnfleisch sah mit den alten, verkuemmerten Zaehnen. Und viele
Verbaende gab es. Verbaende, die den ganzen Kopf Schichte um Schichte
umzogen, bis nur noch ein einziges Auge da war, das niemandem mehr gehoerte.
Verbaende, die verbargen, und Verbaende, die zeigten, was darunter war.
Verbaende, die man geoeffnet hatte und in denen nun, wie in einem
schmutzigen Bett, eine Hand lag, die keine mehr war; und ein eingebundenes
Bein, das aus der Reihe herausstand, gross wie ein ganzer Mensch. Ich ging
auf und ab und gab mir Muehe, ruhig zu sein. Ich beschaeftigte mich viel
mit der gegenueberliegenden Wand. Ich bemerkte, dass sie eine Anzahl
einfluegeliger Tueren enthielt und nicht bis an die Decke reichte, so dass
dieser Gang von den Raeumen, die daneben liegen mussten, nicht ganz
abgetrennt war. Ich sah nach der Uhr; ich war eine Stunde auf und ab
gegangen. Eine Weile spaeter kamen die Aerzte. Zuerst ein paar junge Leute,
die mit gleichgueltigen Gesichtern vorbeigingen, schliesslich der, bei dem
ich gewesen war, in lichten Handschuhen, Chapeau ae huit reflets,
tadellosem Ueberzieher. Als er mich sah, hob er ein wenig den Hut und
laechelte zerstreut. Ich hatte nun Hoffnung, gleich gerufen zu werden,
aber es verging wieder eine Stunde. Ich kann mich nicht erinnern, womit
ich sie verbrachte. Sie verging. Ein alter Mann kam in einer fleckigen
Schuerze, eine Art Waerter, und beruehrte mich an der Schulter. Ich trat in
eines der Nebenzimmer. Der Arzt und die jungen Leute sassen um einen Tisch
und sahen mich an, man gab mir einen Stuhl. So. Und nun sollte ich
erzaehlen, wie das eigentlich mit mir waere. Moeglichst kurz, s'il vous
plaît. Denn viel Zeit haetten die Herren nicht. Mir war seltsam zumut.
Die jungen Leute sassen und sahen mich an mit jener ueberlegenen, fachlichen
Neugier, die sie gelernt hatten. Der Arzt, den ich kannte, strich seinen
schwarzen Spitzbart und laechelte zerstreut. Ich dachte, dass ich in Weinen
ausbrechen wuerde, aber ich hoerte mich franzoesisch sagen: "Ich hatte
bereits die Ehre, Ihnen, mein Herr, alle Auskuenfte zu geben, die ich geben
kann. Halten Sie es fuer noetig, dass diese Herren eingeweiht werden, so
sind Sie nach unserer Unterredung gewiss imstande, dies mit einigen Worten
zu tun, waehrend es mir sehr schwer faellt." Der Arzt erhob sich mit
hoeflichem Laecheln, trat mit den Assistenten ans Fenster und sagte ein paar
Worte, die er mit einer waagerechten, schwankenden Handbewegung begleitete.
Nach drei Minuten kam einer von den jungen Leuten, kurzsichtig und
fahrig, an den Tisch zurueck und sagte, indem er versuchte, mich strenge
anzusehen: "Sie schlafen gut, mein Herr?" "Nein, schlecht." Worauf er
wieder zu der Gruppe zurueck sprang. Dort verhandelte man noch eine Weile,
dann wandte sich der Arzt an mich und teilte mir mit, dass man mich rufen
lassen wuerde. Ich erinnerte ihn, dass ich auf ein Uhr bestellt worden sei.
Er laechelte und machte ein paar schnelle, sprunghafte Bewegungen mit
seinen kleinen wei ssen Haenden, die bedeuten wollten, dass er ungemein
beschaeftigt sei. Ich kehrte also in meinen Gang zurueck, in dem die Luft
viel lastender geworden war, und fing wieder an, hin und her zu gehen,
obwohl ich mich todmuede fuehlte. Schliesslich machte der feuchte,
angehaeufte Geruch mich schwindlig; ich blieb an der Eingangstuer stehen und
oeffnete sie ein wenig. Ich sah, dass draussen noch Nachmittag und etwas
Sonne war, und das tat mir unsagbar wohl. Aber ich hatte kaum eine Minute
so gestanden, da hoerte ich, dass man mich rief. Eine Frauenperson, die
zwei Schritte entfernt bei einem kleinen Tische sass, zischte mir etwas zu.
Wer mich geheissen haette, die Tuere oeffnen. Ich sagte, ich koennte die Luft
nicht vertragen. Gut, das sei meine Sache, aber die Tuere muesse
geschlossen bleiben. Ob es denn nicht anginge, ein Fenster aufzumachen.
Nein, das sei verboten. Ich beschloss, das Aufundabgehen wieder
aufzunehmen, weil es schliesslich eine Art Betaeubung war und niemanden
kraenkte. Aber der Frau an dem kleinen Tische missfiel jetzt auch das. Ob
ich denn keinen Platz haette. Nein, den haette ich nicht. Das Herumgehen
sei aber nicht gestattet; ich muesste mir einen Platz suchen. Es wuerde
schon noch einer da sein. Die Frau hatte recht. Es fand sich wirklich
sogleich ein Platz neben dem Maedchen mit den herausdraengenden Augen. Da
sass ich nun in dem Gefuehle, dass dieser Zustand unbedingt auf etwas
Fuerchterliches vorbereiten muesse. Links war also das Maedchen mit dem
faulenden Zahnfleisch; was rechts von mir war, konnte ich erst nach einer
Weile erkennen. Es war eine ungeheuere, unbewegliche Masse, die ein
Gesicht hatte und eine grosse, schwere, reglose Hand. Die Seite des
Gesichtes, die ich sah, war leer, ganz ohne Zuege und ohne Erinnerungen,
und es war un heimlich, dass der Anzug wie der einer Leiche war, die man
fuer den Sarg angekleidet hatte. Die schmale, schwarze Halsbinde war in
derselben losen unpersoenlichen Weise um den Kragen geschnallt, und dem
Rock sah man es an, dass er von anderen ueber diesen willenlosen Koerper
gezogen worden war. Die Hand hatte man auf diese Hose gelegt, dorthin wo
sie lag, und sogar das Haar war wie von Leichenwaescherinnen gekaemmt und
war, wie das Haar ausgestopfter Tiere, steif geordnet. Ich betrachtete
das alles mit Aufmerksamkeit, und es fiel mir ein, dass dies also der Platz
sei, der fuer mich bestimmt gewesen war, denn ich glaubte nun endlich an
diejenige Stelle meines Lebens gekommen zu sein, an der ich bleiben wuerde.
Ja, das Schicksal geht wunderbare Wege.
Ploetzlich erhoben sich ganz in der Naehe rasch hintereinander die
erschreckten, abwehrenden Schreie eines Kindes, denen ein leises,
zugehaltenes Weinen folgte. Waehrend ich mich anstrengte, herauszufinden,
wo das koennte gewesen sein, verzitterte wieder ein kleiner, unterdrueckter
Schrei, und ich hoerte Stimmen, die fragten, eine Stimme, die halblaut
befahl, und dann schnurrte irgend eine gleichgueltige Maschine los und
kuemmerte sich um nichts. Jetzt erinnerte ich mich jener halben Wand, und
es war mir klar, dass das alles von jenseits der Tueren kam und dass man dort
an der Arbeit war. Wirklich erschien von Zeit zu Zeit der Waerter mit der
fleckigen Schuerze und winkte. Ich dachte gar nicht mehr daran, dass er
mich meinen koennte. Galt es mir? Nein. Zwei Maenner waren da mit einem
Rollstuhl; sie hoben die Masse hinein, und ich sah jetzt, dass es ein alter,
lahmer Mann war, der noch eine andere, kleinere, vom Leben abgenutzte
Seite hatte mit einem offenen, trueben, traurigen Auge. Sie fuhren ihn
hinein, und neben mir entstand eine Menge Platz. Und ich sass und dachte,
was sie wohl dem bloeden Maedchen tun wollten und ob es auch schreien wuerde.
Die Maschinen dahinten schnurrten so angenehm fabrikmaessig, es hatte gar
nichts Beunruhigendes.
Ploetzlich aber war alles still, und in die Stille sagte eine ueberlegene,
selbstgefaellige Stimme, die ich zu kennen glaubte:
"Riez!" Pause. "Riez. Mais riez, riez." Ich lachte schon. Es war
unerklaerlich, weshalb der Mann da drueben nicht lachen wollte. Eine
Maschine ratterte los, verstummte aber sofort wieder, Worte wurden
gewechselt, dann erhob sich wieder dieselbe energische Stimme und befahl:
"Dites-nous le mot: avant." Buchstabierend: "a-v-a-n-t"... Stille. "On
nentend rien. Encore une fois:... "
Und da, als es drueben so warm und schwammig lallte: da zum erstenmal seit
vielen, vielen Jahren war es wieder da. Das, was mir das erste, tiefe
Entsetzen eingejagt hatte, wenn ich als Kind im Fieber lag: das Grosse. Ja,
so hatte ich immer gesagt, wenn sie alle um mein Bett standen und mir den
Puls fuehlten und mich fragten, was mich erschreckt habe: Das Grosse. Und
wenn sie den Doktor holten und er war da und redete mir zu, so bat ich ihn,
er moechte nur machen, dass das Grosse wegginge, alles andere waere nichts.
Aber er war wie die andern. Er konnte es nicht fortnehmen, obwohl ich
damals doch klein war und mir leicht zu helfen gewesen waere. Und jetzt
war es wieder da. Es war spaeter einfach ausgeblieben, auch in
Fiebernaechten war es nicht wiedergekommen, aber jetzt war es da, obwohl
ich kein Fieber hatte. Jetzt war es da. Jetzt wuchs es aus mir heraus
wie eine Geschwulst, wie ein zweiter Kopf, und war ein Teil von mir,
obwohl es doch gar nicht zu mir gehoeren konnte, weil es so gross war. Es
war da, wie ein grosses totes Tier, das einmal, als es noch lebte, meine
Hand gewesen war oder mein Arm. Und mein Blut ging durch mich und durch
es, wie durch einen und denselben Koerper. Und mein Herz musste sich sehr
anstrengen, um das Blut in das Grosse zu treiben: es war fast nicht genug
Blut da. Und das Blut trat ungern ein in das Grosse und kam krank und
schlecht zurueck. Aber das Grosse schwoll an und wuchs mir vor das Gesicht
wie eine warme blaeuliche Beule und wuchs mir vor den Mund, und ueber meinem
letzten Auge war schon der Schatten von seinem Rande.
Ich kann mich nicht erinnern, wie ich durch die vielen Hoefe hinausgekommen
war. Es war Abend, und ich verirrte mich in der fremden Gegend und ging
Boulevards mit endlosen Mauern in einer Richtung hinauf und, wenn dann
kein Ende da war, in der entgegengesetzten Richtung zurueck bis an
irgendeinen Platz. Dort begann ich eine Strasse zu gehen, und es kamen
andere Strassen, die ich nie gesehen hatte, und wieder andere. Elektrische
Bahnen rasten manchmal ueberhell und mit hartem, klopfendem Gelaeute heran
und vorbei. Aber auf ihren Tafeln standen Namen, die ich nicht kannte.
Ich wusste nicht, in welcher Stadt ich war und ob ich hier irgendwo eine
Wohnung hatte und was ich tun musste, um nicht mehr gehen zu muessen.
Und jetzt auch noch diese Krankheit, die mich immer schon so eigentuemlich
beruehrt hat. Ich bin sicher, dass man sie unterschaetzt. Genau wie man
die Bedeutung anderer Krankheiten uebertreibt. Diese Krankheit hat keine
bestimmten Eigenheiten, sie nimmt die Eigenheiten dessen an, den sie
ergreift. Mit einer somnambulen Sicherheit holt sie aus einem jeden seine
tiefste Gefahr heraus, die vergangen schien, und stellt sie wieder vor ihn
hin, ganz nah, in die naechste Stunde. Maenner, die einmal in der Schulzeit
das huelflose Laster versucht haben, dessen betrogene Vertraute die armen,
harten Knabenhaende sind, finden sich wieder darueber, oder es faengt eine
Krankheit, die sie als Kinder ueberwunden haben, wieder in ihnen an; oder
eine verlorene Gewohnheit ist wieder da, ein gewisses zoegerndes Wenden des
Kopfes, das ihnen vor Jahren eigen war. Und mit dem, was kommt, hebt sich
ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhaengt wie nasser Tang an
einer versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren haette, tauchen
empor und mischen sich unter das, was wirklich gewesen ist, und verdraengen
Vergangenes, das man zu kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt, ist
eine ausgeruhte, neue Kraft, das aber, was immer da war, ist muede von zu
oftem Erinnern.
Ich liege in meinem Bett, fuenf Treppen hoch, und mein Tag, den nichts
unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding, das lange
verloren war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt, geschont und gut,
neuer fast als zur Zeit des Verlustes, ganz als ob es bei irgend jemandem
in Pflege gewesen waere--: so liegt da und da auf meiner Bettdecke
Verlorenes aus der Kindheit und ist wie neu. Alle verlorenen Aengste sind
wieder da.
Die Angst, dass ein kleiner Wollfaden, der auf dem Saum der Decke
heraussteht, hart sei, hart und scharf wie eine staehlerne Nadel; die Angst,
dass dieser kleine Knopf meines Nachthemdes groesser sei als mein Kopf, gross
und schwer; die Angst, dass dieses Kruemchen Brot, das jetzt von meinem
Bette faellt, glaesern und zerschlagen unten ankommen wuerde, und die
drueckende Sorge, dass damit eigentlich alles zerbrochen sei, alles fuer
immer; die Angst, dass der Streifen Rand eines aufgerissenen Briefes etwas
Verbotenes sei, das niemand sehen duerfe, etwas unbeschreiblich Kostbares,
fuer das keine Stelle in der Stube sicher genug sei; die Angst, dass ich,
wenn ich einschliefe, das Stueck Kohle verschlucken wuerde, das vor dem Ofen
liegt; die Angst, dass irgendeine Zahl in meinem Gehirn zu wachsen beginnt,
bis sie nicht mehr Raum hat in mir; die Angst, dass das Granit sei, worauf
ich liege, grauer Granit; die Angst, dass ich schreien koennte und dass man
vor meiner Tuere zusammenliefe und sie schliesslich aufbraeche, die Angst,
dass ich mich verraten koennte und alles das sagen, wovor ich mich fuerchte,
und die Angst, dass ich nichts sagen koennte, weil alles unsagbar ist,--und
die anderen Aengste... die Aengste.
Ich habe um meine Kindheit gebeten, und sie ist wiedergekommen, und ich
fuehle, dass sie immer noch so schwer ist wie damals und dass es nichts
genuetzt hat, aelter zu werden.
Gestern war mein Fieber besser, und heute faengt der Tag wie Fruehling an,
wie Fruehling in Bildern. Ich will versuchen, auszugehen in die
Bibliothèque Nationale zu meinem Dichter, den ich so lange nicht gelesen
habe, und vielleicht kann ich spaeter langsam durch die Gaerten gehen.
Vielleicht ist Wind ueber dem grossen Teich, der so wirkliches Wasser hat,
und es kommen Kinder, die ihre Schiffe mit den roten Segeln hineinlassen
und zuschauen.
Heute habe ich es nicht erwartet, ich bin so mutig ausgegangen, als waere
das das Natuerlichste und Einfachste. Und doch, es war wieder etwas da,
das mich nahm wie Papier, mich zusammenknuellte und fortwarf, es war etwas
Unerhoertes da.
Der Boulevard St-Michel war leer und weit, und es ging sich leicht auf
seiner leisen Neigung. Fensterfluegel oben oeffneten sich mit glaesernem
Aufklang, und ihr Glaenzen flog wie ein weisser Vogel ueber die Strasse. Ein
Wagen mit hellroten Raedern kam vorueber, und weiter unten trug jemand etwas
Lichtgruenes. Pferde liefen in blinkernden Geschirren auf dem dunkel
gespritzten Fahrdamm, der rein war. Der Wind war erregt, neu, mild, und
alles stieg auf: Gerueche, Rufe, Glocken.
Ich kam an einem der Cafehaeuser vorbei, in denen am Abend die falschen
roten Zigeuner spielen. Aus den offenen Fenstern kroch mit schlechtem
Gewissen die uebernaechtige Luft. Glattgekaemmte Kellner waren dabei, vor
der Tuere zu scheuern. Der eine stand gebueckt und warf, handvoll nach
handvoll, gelblichen Sand unter die Tische. Da stiess ihn einer von den
Voruebergehenden an und zeigte die Strasse hinunter. Der Kellner, der ganz
rot im Gesicht war, schaute eine Weile scharf hin, dann verbreitete sich
ein Lachen auf seinen bartlosen Wangen, als waere es darauf verschuettet
worden. Er winkte den andern Kellnern, drehte das lachende Gesicht ein
paarmal schnell von rechts nach links, um alle herbeizurufen und selbst
nichts zu versaeumen. Nun standen alle und blickten hinuntersehend oder
-suchend, laechelnd oder aergerlich, dass sie noch nicht entdeckt hatten, was
Laecherliches es gaebe.
Ich fuehlte, dass ein wenig Angst in mir anfing. Etwas draengte mich auf die
andere Seite hinueber; aber ich begann nur schneller zu gehen und
ueberblickte unwillkuerlich die wenigen Leute vor mir, an denen ich nichts
Besonderes bemerkte. Doch ich sah, dass der eine, ein Laufbursche mit
einer blauen Schuerze und einem leeren Henkelkorb ueber der einen Schulter,
jemandem nachschaute. Als er genug hatte, drehte er sich auf derselben
Stelle nach den Haeusern um und machte zu einem lachenden Kommis hinueber
die schwankende Bewegung vor der Stirne, die allen gelaeufig ist. Dann
blitzte er mit den schwarzen Aeugen und kam mir befriedigt und sich wiegend
entgegen.
Ich erwartete, sobald mein Auge Raum hatte, irgendeine ungewoehnliche und
auffallende Figur zu sehen, aber es zeigte sich, dass vor mir niemand ging,
als ein grosser hagerer Mann in einem dunklen Ueberzieher und mit einem
weichen, schwarzen Hut auf dem kurzen, fahlblonden Haar. Ich
vergewisserte mich, dass weder an der Kleidung, noch in dem Benehmen dieses
Mannes etwas Laecherliches sei, und versuchte schon, an ihm vorueber den
Boulevard hinunter zu schauen, als er ueber irgend etwas stolperte. Da ich
nahe hinter ihm folgte, nahm ich mich in acht, aber als die Stelle kam,
war da nichts, rein nichts. Wir gingen beide weiter, er und ich, der
Abstand zwischen uns blieb derselbe. Jetzt kam ein Strassenuebergang, und
da geschah es, dass der Mann vor mir mit ungleichen Beinen die Stufen des
Gangsteigs hinunterhuepfte in der Art etwa, wie Kinder manchmal waehrend des
Gehens aufhuepfen oder springen, wenn sie sich freuen. Auf den jenseitigen
Gangsteig kam er einfach mit einem langen Schritt hinauf. Aber kaum war
er oben, zog er das eine Bein ein wenig an und huepfte auf dem anderen
einmal hoch und gleich darauf wieder und wieder. Jetzt konnte man diese
ploetzliche Bewegung wieder ganz gut fuer ein Stolpern halten, wenn man sich
einredete, es waere da eine Kleinigkeit gewesen, ein Kern, die glitschige
Schale einer Frucht, irgend etwas; und das Seltsame war, dass der Mann
selbst an das Vorhandensein eines Hindernisses zu glauben schien, denn er
sah sich jedesmal mit jenem halb aergerlichen, halb vorwurfsvollen Blick,
den die Leute in solchen Augenblicken haben, nach der laestigen Stelle um.
Noch einmal rief mich etwas Warnendes auf die andere Seite der Strasse,
aber ich folgte nicht und blieb immerfort hinter diesem Manne, indem ich
meine ganze Aufmerksamkeit auf seine Beine richtete. Ich muss gestehen,
dass ich mich merkwuerdig erleichtert fuehlte, als etwa zwanzig Schritte lang
jenes Huepfen nicht wiederkam, aber da ich nun meine Aeugen aufhob, bemerkte
ich, dass dem Manne ein anderes Aergernis entstanden war. Der Kragen seines
Ueberziehers hatte sich aufgestellt; und wie er sich auch, bald mit einer
Hand, bald mit beiden umstaendlich bemuehte, ihn niederzulegen, es wollte
nicht gelingen. Das kam vor. Es beunruhigte mich nicht. Aber gleich
darauf gewahrte ich mit grenzenloser Verwunderung, dass in den
beschaeftigten Haenden dieses Menschen zwei Bewegungen waren: eine heimliche,
rasche, mit welcher er den Kragen unmerklich hochklappte, und jene andere
ausfuehrliche, anhaltende, gleichsam uebertrieben buchstabierte Bewegung,
die das Umlegen des Kragens bewerkstelligen sollte. Diese Beobachtung
verwirrte mich so sehr, dass zwei Minuten vergingen, ehe ich erkannte, dass
im Halse des Mannes, hinter dem hochgeschobenen Ueberzieher und den nervoes
agierenden Haenden dasselbe schreckliche, zweisilbige Huepfen war, das seine
Beine eben verlassen hatte. Von diesem Augenblick an war ich an ihn
gebunden. Ich begriff, dass dieses Huepfen in seinem Koerper herumirrte, dass
es versuchte, hier und da auszubrechen. Ich verstand seine Angst vor den
Leuten, und ich begann selber vorsichtig zu pruefen, ob die Voruebergehenden
etwas merkten. Ein kalter Stich fuhr mir durch den Ruecken, als seine
Beine ploetzlich einen kleinen, zuckenden Sprung machten, aber niemand
hatte es gesehen, und ich dachte mir aus, dass auch ich ein wenig stolpern
wollte, im Falle jemand aufmerksam wurde. Das waere gewiss ein Mittel,
Neugierige glauben zu machen, es haette da doch ein kleines, unscheinbares
Hindernis im Wege gelegen, auf das wir zufaellig beide getreten haetten.
Aber waehrend ich so auf Huelfe sann, hatte er selbst einen neuen,
ausgezeichneten Ausweg gefunden. Ich habe vergessen zu sagen, dass er
einen Stock trug, nun, es war ein einfacher Stock, aus dunklem Holze mit
einem schlichten, rund gebogenen Handgriff. Und es war ihm in seiner
suchenden Angst in den Sinn gekommen, diesen Stock zunaechst mit einer Hand
(denn wer weiss, wozu die zweite noch noetig sein wuerde) auf den Ruecken zu
halten, gerade ueber die Wirbelsaeule, ihn fest ins Kreuz zu druecken und das
Ende der runden Kruecke in den Kragen zu schieben, so dass man es hart und
wie einen Halt hinter dem Halswirbel und dem ersten Rueckenwirbel spuerte.
Das war eine Haltung, die nicht auffaellig, hoechstens ein wenig uebermuetig
war; der unerwartete Fruehlingstag konnte das entschuldigen. Niemandem
fiel es ein, sich umzusehen, und nun ging es. Es ging vortrefflich.
Freilich beim naechsten Strassenuebergange kamen zwei Huepfer aus, zwei kleine,
halbunterdrueckte Huepfer, die vollkommen belanglos waren; und der eine,
wirklich sichtbare Sprung war so geschickt angebracht (es lag gerade ein
Spritzschlauch quer ueber dem Weg), dass nichts zu befuerchten war. Ja, noch
ging alles gut; von Zeit zu Zeit griff auch die zweite Hand an den Stock
und presste ihn fester an, und die Gefahr war gleich wieder ueberstanden.
Ich konnte nichts dagegen tun, dass meine Angst dennoch wuchs. Ich wusste,
dass, waehrend er ging und mit unendlicher Anstrengung versuchte,
gleichgueltig und zerstreut auszusehen, das furchtbare Zucken in seinem
Koerper sich anhaeufte; auch in mir war die Angst, mit der er es wachsen und
wachsen fuehlte, und ich sah, wie er sich an den Stock klammerte, wenn es
innen in ihm zu ruetteln begann. Dann war der Ausdruck dieser Haende so
unerbittlich und streng, dass ich alle Hoffnung in seinen Willen setzte,
der gross sein musste. Aber was war da ein Wille. Der Augenblick musste
kommen, da seine Kraft zu Ende war, er konnte nicht weit sein. Und ich,
der ich hinter ihm herging mit stark schlagendem Herzen, ich legte mein
bisschen Kraft zusammen wie Geld, und indem ich auf seine Haende sah, bat
ich ihn, er moechte nehmen, wenn er es brauchte. Ich glaube, dass er es
genommen hat; was konnte ich dafuer, dass es nicht mehr war.
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