Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von dem
Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den Giebel
des Erbbegraebnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es war so
gedeckt worden, als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch gesessen haette,
und wir sassen auch alle recht ausgebreitet herum. Und jeder hatte etwas
mitgebracht, ein Buch oder einen Arbeitskorb, so dass wir sogar ein wenig
beengt waren. Abelone (Mamans juengste Schwester) verteilte den Tee, und
alle waren beschaeftigt, etwas herumzureichen, nur dein Grossvater sah von
seinem Sessel aus nach dem Hause hin. Es war die Stunde, da man die Post
erwartete, und es fuegte sich meistens so, dass Ingeborg sie brachte, die
mit den Anordnungen fuer das Essen laenger drin zurueckgehalten war. In den
Wochen ihrer Krankheit hatten wir nun reichlich Zeit gehabt, uns ihres
Kommens zu entwoehnen; denn wir wussten ja, dass sie nicht kommen koenne.
Aber an diesem Nachmittag, Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen
konnte--: da kam sie. Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben
wir sie gerufen. Denn ich erinnere mich, dass ich auf einmal dasass und
angestrengt war, mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es
war mir ploetzlich nicht moeglich zu sagen, was; ich hatte es voellig
vergessen. Ich blickte auf und sah alle andern dem Hause zugewendet,
nicht etwa auf eine besondere, auffaellige Weise, sondern so recht ruhig
und alltaeglich in ihrer Erwartung. Und da war ich daran--(mir wird ganz
kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott behuet mich, ich war daran zu
sagen: "Wo bleibt nur--" Da schoss schon Cavalier, wie er immer tat, unter
dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen, Malte, ich
hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam; fuer ihn kam
sie. Wir begriffen, dass er ihr entgegenlief. Zweimal sah er sich nach
uns um, als ob er fragte. Dann raste er auf sie zu, wie immer, Malte,
genau wie immer, und erreichte sie; denn er begann rund herum zu springen,
Malte, um etwas, was nicht da war, und dann hinauf an ihr, um sie zu
lecken, gerade hinauf. Wir hoerten ihn winseln vor Freude, und wie er so
in die Hoehe schnellte, mehrmals rasch hintereinander, haette man wirklich
meinen koennen, er verdecke sie uns mit seinen Spruengen. Aber da heulte es
auf einmal, und er drehte sich von seinem eigenen Schwunge in der Luft um
und stuerzte zurueck, merkwuerdig ungeschickt, und lag ganz eigentuemlich
flach da und ruehrte sich nicht. Von der andern Seite trat der Diener aus
dem Hause mit den Briefen. Er zoegerte eine Weile; offenbar war es nicht
ganz leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm
auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber nun
ging er doch hin, langsam wie mir schien, und bueckte sich ueber den Hund.
Er sagte etwas zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges. Ich sah,
wie der Diener hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da nahm dein
Vater selbst das Tier und ging damit, als wuesste er genau wohin, ins Haus
hinein.
Einmal, als es ueber dieser Erzaehlung fast dunkel geworden war war ich nahe
daran, Maman von der 'Hand' zu erzaehlen: in diesem Augenblick haette ich es
gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da fiel mir ein, wie
gut ich den Diener begriffen hatte, dass er nicht hatte kommen koennen auf
ihre Gesichter zu. Und ich fuerchtete mich trotz der Dunkelheit vor Mamans
Gesicht, wenn es sehen wuerde, was ich gesehen habe. Ich holte rasch noch
einmal Atem, damit es den Anschein habe, als haette ich nichts anderes
gewollt. Ein paar Jahre hernach, nach der merkwuerdigen Nacht in der
Galerie auf Urnekloster, ging ich tagelang damit um, mich dem kleinen Erik
anzuvertrauen. Aber er hatte sich nach unserem naechtlichen Gespraech
wieder ganz vor mir zugeschlossen, er vermied mich; ich glaube, dass er
mich verachtete. Und gerade deshalb wollte ich ihm von der 'Hand'
erzaehlen. Ich bildete mir ein, ich wuerde in seiner Meinung gewinnen (und
das wuenschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm
begreiflich machen koennte, dass ich das wirklich erlebt hatte. Erik aber
war so geschickt im Ausweichen, dass es nicht dazu kam. Und dann reisten
wir ja auch gleich. So ist es, wunderlich genug, das erstemal, dass ich
(und schliesslich auch nur mir selber) eine Begebenheit erzaehle, die nun
weit zurueckliegt in meiner Kindheit.
Wie klein ich damals noch gewesen sein muss, sehe ich daran, dass ich auf
dem Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf dem ich
zeichnete. Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre, in der
Stadtwohnung. Der Tisch stand in meinem Zimmer, zwischen den Fenstern,
und es war keine Lampe im Zimmer, als die, die auf meine Blaetter schien
und auf Mademoiselles Buch; denn Mademoiselle sass neben mir, etwas
zurueckgerueckt, und las. Sie war weit weg, wenn sie las, ich weiss nicht,
ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang, sie blaetterte selten
um, und ich hatte den Eindruck, als wuerden die Seiten immer voller unter
ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte Worte, die sie noetig hatte und
die nicht da waren. Das kam mir so vor, waehrend ich zeichnete. Ich
zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene Absicht, und sah alles, wenn ich
nicht weiter wusste, mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel
mir immer am raschesten ein, was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd,
die in die Schlacht ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel
einfacher, weil dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einhuellte.
Maman freilich behauptet nun immer, dass es Inseln gewesen waren, was ich
malte; Inseln mit grossen Baeumen und einem Schloss und einer Treppe und
Blumen am Rand, die sich spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube, das
erfindet sie, oder es muss spaeter gewesen sein.
Es ist ausgemacht, dass ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete, einen
einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkwuerdig bekleideten Pferd.
Er wurde so bunt, dass ich oft die Stifte wechseln musste, aber vor allem
kam doch der rote in Betracht, nach dem ich immer wieder griff. Nun hatte
ich ihn noch einmal noetig; da rollte er (ich sehe ihn noch) quer ueber das
beschienene Blatt an den Rand und fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir
vorbei hinunter und war fort. Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es
war recht aergerlich, ihm nun nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war,
kostete es mich allerhand Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine
schienen mir viel zu lang, ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen;
die zu lange ein gehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf
gemacht; ich wusste nicht, was zu mir und was zum Sessel gehoerte. Endlich
kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich auf einem Fell, das
sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da ergab sich eine
neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da oben und noch ganz
begeistert fuer die Farben auf dem weissen Papier, vermochten meine Augen
nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen, wo mir das Schwarze so
zugeschlossen schien, dass ich bange war, daran zu stossen. Ich verliess
mich also auf mein Gefuehl und kaemmte, knieend und auf die linke gestuetzt,
mit der andern Hand in dem kuehlen, langhaarigen Teppich herum, der sich
recht vertraulich anfuehlte; nur dass kein Bleistift zu spueren war. Ich
bildete mir ein, eine Menge Zeit zu verlieren, und wollte eben schon
Mademoiselle anrufen und sie bitten, mir die Lampe zu halten, als ich
merkte, dass fuer meine unwillkuerlich angestrengten Augen das Dunkel nach
und nach durchsichtiger wurde. Ich konnte schon hinten die Wand
unterscheiden, die mit einer hellen Leiste abschloss; ich orientierte mich
ueber die Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine eigene,
ausgespreizte Hand, die sich ganz allein, ein bisschen wie ein Wassertier,
da unten bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, weiss ich noch,
fast neugierig zu; es kam mir vor, als koennte sie Dinge, die ich sie nicht
gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenmaechtig herumtastete mit
Bewegungen, die ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie, wie
sie vordrang, es interessierte mich, ich war auf allerhand vorbereitet.
Aber wie haette ich darauf gefasst sein sollen, dass ihr mit einem Male aus
der Wand eine andere Hand entgegenkam, eine groessere, ungewoehnlich magere
Hand, wie ich noch nie eine gesehen hatte. Sie suchte in aehnlicher Weise
von der anderen Seite her, und die beiden gespreizten Haende bewegten sich
blind aufeinander zu. Meine Neugierde war noch nicht aufgebraucht, aber
ploetzlich war sie zu Ende, und es war nur Grauen da. Ich fuehlte, dass die
eine von den Haenden mir gehoerte und dass sie sich da in etwas einliess, was
nicht wieder gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf sie hatte,
hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zurueck, indem ich die
andere nicht aus den Augen liess, die weitersuchte. Ich begriff, dass sie
es nicht aufgeben wuerde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam.
Ich sass ganz tief im Sessel, die Zaehne schlugen mir aufeinander, und ich
hatte so wenig Blut im Gesicht, dass mir schien, es waere kein Blau mehr in
meinen Augen. Mademoiselle--, wollte ich sagen und konnte es nicht, aber
da erschrak sie von selbst, sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben
den Sessel und rief meinen Namen; ich glaube, dass sie mich ruettelte. Aber
ich war ganz bei Bewusstsein. Ich schluckte ein paarmal; denn nun wollte
ich es erzaehlen.
Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht
auszudruecken, so dass es einer begriff. Gab es Worte fuer dieses Ereignis,
so war ich zu klein, welche zu finden. Und ploetzlich ergriff mich die
Angst, sie koennten doch, ueber mein Alter hinaus, auf einmal da sein, diese
Worte, und es schien mir fuerchterlicher als alles, sie dann sagen zu
muessen. Das Wirkliche da unten noch einmal durchzumachen, anders,
abgewandelt, von Anfang an; zu hoeren, wie ich es zugebe, dazu hatte ich
keine Kraft mehr. Es ist natuerlich Einbildung, wenn ich nun behaupte,
ich haette in jener Zeit schon gefuehlt, dass da etwas in mein Leben gekommen
sei, geradeaus in meines, womit ich allein wuerde herumgehen muessen, immer
und immer. Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht
schlafen und irgendwie ungenau voraussehen, dass so das Leben sein wuerde:
voll lauter besonderer Dinge, die nur fuer Einen gemeint sind und die sich
nicht sagen lassen. Sicher ist, dass sich nach und nach ein trauriger und
schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir vor, wie man herumgehen
wuerde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine ungestueme
Sympathie fuer die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich nahm mir vor,
ihnen zu sagen, dass ich sie bewunderte. Ich nahm mir vor, es Mademoiselle
zu sagen bei der naechsten Gelegenheit.
Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu
beweisen, dass dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber wuehlte
in mir und holte von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von
denen ich nicht gewusst hatte; ich lag da, ueberhaeuft mit mir, und wartete
auf den Augenblick, da mir befohlen wuerde, dies alles wieder in mich
hineinzuschichten, ordentlich, der Reihe nach. Ich begann, aber es wuchs
mir unter den Haenden, es straeubte sich, es war viel zu viel. Dann packte
mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich hinein und presste es
zusammen; aber ich ging nicht wieder darueber zu. Und da schrie ich, halb
offen wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing
hinauszusehen aus mir, so standen sie seit lange um mein Bett und hielten
mir die Haende, und eine Kerze war da, und ihre grossen Schatten ruehrten
sich hinter ihnen. Und mein Vater befahl mir, zu sagen, was es gaebe. Es
war ein freundlicher, gedaempfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin.
Und er wurde ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.
Maman kam nie in der Nacht--, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte
geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen,
die Haushaelterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt.
Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf
einem grossen Balle waren, ich glaube beim Kronprinzen. Und auf einmal
hoerte ich ihn hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, sass und sah
nach der Tuer. Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und
Maman kam herein in der grossen Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm,
und lief beinah und liess ihren weissen Pelz hinter sich fallen und nahm
mich in die blossen Arme. Und ich befuehlte, erstaunt und entzueckt wie nie,
ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an
ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen
dufteten. Und wir blieben so und weinten zaertlich und kuessten uns, bis wir
fuehlten, dass der Vater da war und dass wir uns trennen mussten. "Er hat
hohes Fieber", hoerte ich Maman schuechtern sagen, und der Vater griff nach
meiner Hand und zaehlte den Puls. Er war in der Jaegermeisteruniform mit
dem schoenen, breiten, gewaesserten blauen Band des Elefanten. "Was fuer ein
Unsinn, uns zu rufen", sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen.
Sie hatten versprochen, zurueckzukehren, wenn es nichts Ernstliches waere.
Und Ernstliches war es ja nichts. Auf meiner Decke aber fand ich Mamans
Tanzkarte und weisse Kamelien, die ich noch nie gesehen hatte und die ich
mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie kuehl sie waren.
Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten. Am
Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn man
erwachte und meinte, nun waere es wieder frueh, so war es Nachmittag und
blieb Nachmittag und hoerte nicht auf Nachtmittag zu sein. Da lag man so
in dem aufgeraeumten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken
und war viel zu muede, um sich irgend etwas vorzustellen. Der Geschmack
vom Apfelmus hielt lange vor, und das war schon alles moegliche, wenn man
ihn irgendwie auslegte, unwillkuerlich, und die reinliche Saeure an Stelle
von Gedanken in sich herumgehen liess. Spaeter, wenn die Kraefte wiederkamen,
wurden die Kissen hinter einem aufgebaut, und man konnte aufsitzen und
mit Soldaten spielen; aber sie fielen so leicht um auf dem schiefen
Bett-Tisch und dann immer gleich die ganze Reihe; und man war doch noch
nicht so ganz im Leben drin, um immer wieder von vorn anzufangen.
Ploetzlich war es zuviel, und man bat, alles recht rasch fortzunehmen, und
es tat wohl, wieder nur die zwei Haende zu sehen, ein bisschen weiter hin
auf der leeren Decke.
Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Maerchen vorlas (zum richtigen,
langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der Maerchen willen.
Denn wir waren einig darueber, dass wir Maerchen nicht liebten. Wir hatten
einen anderen Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn alles mit
natuerlichen Dingen zuginge, so waere das immer am wunderbarsten. Wir gaben
nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen, die Feen enttaeuschten uns,
und von den Verwandlungen in etwas anderes erwarteten wir uns nur eine
sehr oberflaechliche Abwechslung. Aber wir lasen doch ein bisschen, um
beschaeftigt auszusehen; es war uns nicht angenehm, wenn irgend jemand
eintrat, erst erklaeren zu muessen, was wir gerade taten; besonders Vater
gegenueber waren wir von einer uebertriebenen Deutlichkeit.
Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestoert zu sein, und es daemmerte
draussen, konnte es geschehen, dass wir uns Erinnerungen hingaben,
gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und ueber die wir
laechelten; denn wir waren beide gross geworden seither. Es fiel uns ein,
dass es eine Zeit gab, wo Maman wuenschte, dass ich ein kleines Maedchen waere
und nicht dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich hatte das irgendwie
erraten, und ich war auf den Gedanken gekommen, manchmal nachmittags an
Mamans Tuere zu klopfen. Wenn sie dann fragte, wer da waere, so war ich
gluecklich, draussen "Sophie" zu rufen, wobei ich meine kleine Stimme so
zierlich machte, dass sie mich in der Kehle kitzelte. Und wenn ich dann
eintrat (in dem kleinen, maedchenhaften Hauskleid, das ich ohnehin trug,
mit ganz hinaufgerollten Armeln), so war ich einfach Sophie, Mamans kleine
Sophie, die sich haeuslich beschaeftigte und der Maman einen Zopf flechten
musste, damit keine Verwechslung stattfinde mit dem boesen Malte, wenn er je
wiederkaeme. Erwuenscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie
Sophie angenehm, dass er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie
immerzu mit der gleichen, hohen Stimme fortsetzte) bestanden meistens
darin, dass sie Maltes Unarten aufzaehlten und sich ueber ihn beklagten.
"Ach ja, dieser Malte", seufzte Maman. Und Sophie wusste eine Menge ueber
die Schlechtigkeiten der Jungen im allgemeinen, als kennte sie einen
ganzen Haufen.
"Ich moechte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist", sagte Maman dann
ploetzlich bei solchen Erinnerungen. Darueber konnte nun Malte freilich
keine Auskunft geben. Aber wenn Maman vorschlug, dass sie gewiss gestorben
sei, dann widersprach er eigensinnig und beschwor sie, dies nicht zu
glauben, so wenig sich sonst auch beweisen liesse.
Wich das jetzt ueberdenke, kann ich mich wundern, dass ich aus der Welt
dieser Fieber doch immer wieder ganz zurueckkam und mich hineinfand in das
ueberaus gemeinsame Leben, wo jeder im Gefuehl unterstuetzt sein wollte, bei
Bekanntem zu sein, und wo man sich so vorsichtig im Verstaendlichen vertrug.
Da wurde etwas erwartet, und es kam oder es kam nicht, ein Drittes war
ausgeschlossen. Da gab es Dinge, die traurig waren, ein- fuer allemal, es
gab angenehme Dinge und eine ganze Menge nebensaechlicher. Wurde aber
einem eine Freude bereitet, so war es eine Freude, und er hatte sich
danach zu benehmen. Im Grunde war das alles sehr einfach, und wenn man es
erst heraus hatte, so machte es sich wie von selbst. In diese
verabredeten Grenzen ging denn auch alles hinein; die langen,
gleichmaessigen Schulstunden, wenn draussen der Sommer war; die Spaziergaenge,
von denen man franzoesisch erzaehlen musste; die Besuche, fuer die man
hereingerufen wurde und die einen drollig fanden, wenn man gerade traurig
war, und sich an einem belustigten wie an dem betruebten Gesicht gewisser
Voegel, die kein anderes haben. Und die Geburtstage natuerlich, zu denen
man Kinder eingeladen bekam, die man kaum kannte, verlegene Kinder, die
einen verlegen machten, oder dreiste, die einem das Gesicht zerkratzten,
und zerbrachen, was man gerade bekommen hatte, und die dann ploetzlich
fortfuhren, wenn alles aus Kaesten und Laden herausgerissen war und zu
Haufen lag. Wenn man aber allein spielte, wie immer,so konnte es doch
geschehen, dass man diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt unversehens
ueberschritt und unter Verhaeltnisse geriet, die voellig verschieden waren
und gar nicht abzusehen. Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migraene, die
ungemein heftig auftrat, und das waren die Tage, an denen ich schwer zu
finden war. Ich weiss, der Kutscher wurde dann in den Park geschickt, wenn
es Vater einfiel, nach mir zu fragen, und ich war nicht da. Ich konnte
oben von einem der Gastzimmer aus sehen, wie er hinauslief und am Anfang
der langen Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer befanden sich, eines
neben dem anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da wir in dieser
Zeit sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschliessend an sie
aber war jener grosse Eckraum, der eine so starke Verlockung fuer mich hatte.
Es war nichts darin zu finden als eine alte Bueste, die, ich glaube, den
Admiral Juel darstellte, aber die Waende waren ringsum mit tiefen grauen
Wandschraenken verschalt, derart, dass sogar das Fenster erst ueber den
Schraenken angebracht war in der leeren, geweissten Wand. Den Schluessel
hatte ich an einer der Schranktueren entdeckt, und er schloss alle anderen.
So hatte ich in kurzem alles unter sucht: die Kammerherrenfraecke aus dem
achtzehnten Jahrhundert, die ganz kalt waren von den eingewebten
Silberfaeden, und die schoen gestickten Westen dazu; die Trachten des
Dannebrog--und des Elefantenordens, die man erst fuer Frauenkleider hielt,
so reich und umstaendlich waren sie und so sanft im Futter anzufuehlen.
Dann wirkliche Roben, die, von ihren Unterlagen auseinander gehalten,
steif dahingen wie die Marionetten eines zu grossen Stueckes, das so
endgueltig aus der Mode war, dass man ihre Koepfe anders verwendet hatte.
Daneben aber waren Schraenke, in denen es dunkel war, wenn man sie
aufmachte, dunkel von hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter
aussahen als alles das andere und die eigentlich wuenschten, nicht erhalten
zu sein.
Niemand wird es verwunderlich finden, dass ich das alles herauszog und ins
Licht neigte; dass ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; dass ich ein
Kostuem, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin, neugierig und
aufgeregt, in das naechste Fremdenzimmer lief, vor den schmalen
Pfeilerspiegel, der aus einzelnen ungleich gruenen Glasstuecken
zusammengesetzt war. Ach, wie man zitterte, drin zu sein, und wie
hinreissend war es, wenn man es war. Wenn da etwas aus dem Trueben heraus
sich naeherte, langsamer als man selbst, denn der Spiegel glaubte es
gleichsam nicht und wollte, schlaefrig wie er war, nicht gleich
nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schliesslich musste er natuerlich.
Und nun war es etwas sehr Ueberraschendes, Fremdes, ganz anders, als man
es sich gedacht hatte, etwas Ploetzliches, Selbstaendiges, das man rasch
ueberblickte, um sich im naechsten Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne
eine gewisse Ironie, die um ein Haar das ganze Vergnuegen zerstoeren konnte.
Wenn man aber sofort zu reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich
zuwinkte, sich, fortwaehrend zurueckblickend, entfernte und dann
entschlossen und angeregt wiederkam, so hatte man die Einbildung auf
seiner Seite, solang es einem gefiel.
Ich lernte damals den Einfluss kennen, der unmittelbar von einer bestimmten
Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzuege angelegt, musste
ich mir eingestehen, dass er mich in seine Macht bekam; dass er mir meine
Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einfaelle vorschrieb;
meine Hand, ueber die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war
durchaus nicht meine gewoehnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja,
ich moechte sagen, sie sah sich selber zu, so uebertrieben das auch klingt.
Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit, dass ich mich mir selber
entfremdet fuehlte; im Gegenteil, je vielfaeltiger ich mich abwandelte,
desto ueberzeugter wurde ich von mir selbst. Ich wurde kuehner und kuehner;
ich warf mich immer hoeher; denn meine Geschicklichkeit im Auffangen war
ueber allen Zweifel. Ich merkte nicht die Versu chung in dieser rasch
wachsenden Sicherheit. Zu meinem Verhaengnis fehlte nur noch, dass der
letzte Schrank, den ich bisher meinte nicht oeffnen zu koennen, eines Tages
nachgab, um mir, statt bestimmter Trachten, allerhand vages Maskenzeug
auszuliefern, dessen phantastisches Ungefaehr mir das Blut in die Wangen
trieb. Es laesst sich nicht aufzaehlen, was da alles war. Ausser einer
Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen Farben,
es gab Frauenroecke, die hell laeuteten von den Muenzen, mit denen sie benaeht
waren; es gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und faltige, tuerkische
Hosen und persische Muetzen, aus denen kleine Kampfersaeckchen herausglitten,
und Kronreifen mit dummen, ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete
ich ein wenig; es war von so duerftiger Unwirklichkeit und hing so
abgebalgt und armsaelig da und schlappte willenlos zusammen, wenn man es
herauszerrte ans Licht. Was mich aber in eine Art von Rausch versetzte,
das waren die geraeumigen Maentel, die Tuecher, die Schals, die Schleier,
alle diese nachgiebigen, grossen, unverwendeten Stoffe, die weich und
schmeichelnd waren oder so gleitend, dass man sie kaum zu fassen bekam,
oder so leicht, dass sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach
schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie und
unendlich bewegliche Moeglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die verkauft
wird, oder Jeanne d'Arc zu sein oder ein alter Koenig oder ein Zauberer;
das alles hatte man jetzt in der Hand, besonders da auch Masken da waren,
grosse drohende oder erstaunte Gesichter mit echten Baerten und vollen oder
hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte nie Masken gesehen vorher, aber ich
sah sofort ein, dass es Masken geben muesse. Ich musste lachen, als mir
einfiel, dass wir einen Hund hatten, der sich ausnahm, als truege er eine.
Ich stellte mir seine herzlichen Augen vor, die immer wie von hinten
hineinsahen in das behaarte Gesicht. Ich lachte noch, waehrend ich mich
verkleidete, und ich vergass darueber voellig, was ich eigentlich vorstellen
wollte. Nun, es war neu und spannend, das erst nachtraeglich vor dem
Spiegel zu entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigentuemlich
hohl, es legte sich fest ueber meines, aber ich konnte bequem durchsehen,
und ich waehlte erst, als die Maske schon sass, allerhand Tuecher, die ich in
der Art eines Turbans um den Kopf wand, so dass der Rand der Maske, der
unten in einen riesigen gelben Mantel hineinreichte, auch oben und
seitlich fast ganz verdeckt war. Schliesslich, als ich nicht mehr konnte,
hielt ich mich fuer hinreichend vermummt. Ich ergriff noch einen grossen
Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen liess, und
schleppte so, nicht ohne Muehe, aber, wie mir vorkam, voller Wuerde, in das
Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.
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