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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

Looking for Child to be on Cover of a New Book, 'The Model Child'
PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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In jenem Herbst, als Maman starb, schloss sich die Kammerherrin mit Sophie
Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab. Nicht
einmal ihr Sohn wurde angenommen. Es ist ja wahr, dieses Sterben fiel
recht unpassend. Die Zimmer waren kalt, die Oefen rauchten, und die Maeuse
waren ins Haus gedrungen; man war nirgends sicher vor ihnen. Aber das
allein war es nicht, Frau Margarete Brigge war empoert, dass Maman starb;
dass da eine Sache auf der Tagesordnung stand, von der zu sprechen sie
ablehnte; dass die junge Frau sich den Vortritt anmasste vor ihr, die einmal
zu sterben gedachte zu einem durchaus noch nicht festgesetzten Termin.
Denn daran, dass sie wuerde sterben muessen, dachte sie oft. Aber sie wollte
nicht gedraengt sein. Sie wuerde sterben, gewiss, wann es ihr gefiel, und
dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn sie es so eilig
hatten. Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte uebrigens
rasch waehrend des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch,
aber im Sessel sank sie zusammen, und ihr Gehoer wurde schwieriger. Man
konnte sitzen und sie gross ansehen, stundenlang, sie fuehlte es nicht. Sie
war irgendwo drinnen; sie kam nur noch selten und nur fuer Augenblicke in
ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht mehr bewohnte. Dann sagte sie
etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille richtete, und nahm mit den
grossen, frisch gewaschenen Haenden ihr Kleid an sich, als waere Wasser
vergossen oder als waeren wir nicht ganz reinlich.

Sie starb gegen den Fruehling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie Oxe,
deren Tuer offenstand, hatte nichts gehoert. Da man sie am Morgen fand, war
sie kalt wie Glas.

Gleich darauf begann des Kammerherrn grosse und schreckliche Krankheit. Es
war, als haette er ihr Ende abgewartet, um so ruecksichtslos sterben zu
koennen, wie er musste.

Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, dass ich Abelone zuerst bemerkte.
Abelone war immer da. Das tat ihr grossen Eintrag. Und dann war Abelone
unsympathisch, das hatte ich ganz frueher einmal bei irgendeinem Anlass
festgestellt, und es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser
Meinung gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone fuer eine Bewandtnis habe,
das waere mir bis dahin beinah laecherlich erschienen. Abelone war da, und
man nutzte sie ab, wie man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich:
Warum ist Abelone da? Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu
sein, wenn er auch keineswegs immer so augenscheinlich war, wie zum
Beispiel die Anwendung des Fraeuleins Oxe. Aber weshalb war Abelone da?
Eine Zeitlang war davon die Rede gewesen, dass sie sich zerstreuen solle.
Aber das geriet in Vergessenheit. Niemand trug etwas zu Abelones
Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruck, dass sie sich
zerstreue.

Uebrigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heisst, es gab Zeiten, wo
sie sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist,
dass die Engel maennlich sind, so kann man wohl sagen, dass etwas Maennliches
in ihrer Stimme war: eine strahlende, himmlische Maennlichkeit. Ich, der
ich schon als Kind der Musik gegenueber so misstrauisch war (nicht, weil sie
mich staerker als alles forthob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte,
dass sie mich nicht wieder dort ablegte, wo sie mich gefunden hatte,
sondern tiefer, irgendwo ganz ins Unfertige hinein), ich ertrug diese
Musik, auf der man aufrecht aufwaertssteigen konnte, hoeher und hoeher, bis
man meinte, dies muesste ungefaehr schon der Himmel sein seit einer Weile.
Ich ahnte nicht, dass Abelone mir noch andere Himmel oeffnen sollte.

Zunaechst bestand unsere Beziehung darin, dass sie mir von Mamans
Maedchenzeit erzaehlte. Sie hielt viel darauf, mich zu ueberzeugen, wie
mutig und jung Maman gewesen waere. Es gab damals niemanden nach ihrer
Versicherung, der sich im Tanzen oder im Reiten mir ihr messen konnte.
"Sie war die Kuehnste und unermuedlich, und dann heiratete sie auf einmal",
sagte Abelone, immer noch erstaunt nach so vielen Jahren. "Es kam so
unerwartet, niemand konnte es recht begreifen."

Ich interessierte mich dafuer, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie
kam mir alt vor verhaeltnismaessig, und dass sie es noch koennte, daran dachte
ich nicht.

"Es war niemand da", antwortete sie einfach und wurde richtig schoen dabei.
Ist Abelone schoen? fragte ich mich ueberrascht. Dann kam ich fort von
Hause, auf die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche und arge Zeit.
Aber wenn ich dort zu Soroe, abseits von den andern, im Fenster stand,
und sie liessen mich ein wenig in Ruh, so sah ich hinaus in die Baeume, und
in solchen Augenblicken und nachts wuchs in mir die Sicherheit, dass
Abelone schoen sei. Und ich fing an, ihr alle jene Briefe zu schreiben,
lange und kurze, viele heimliche Briefe, darin ich von Ulsgaard zu handeln
meinte und davon, dass ich ungluecklich sei. Aber es werden doch wohl, so
wie ich es jetzt sehe, Liebesbriefe gewesen sein. Denn schliesslich kamen
die Ferien, die erst gar nicht kommen wollten, und da war es wie auf
Verabredung, dass wir uns nicht vor den anderen wiedersahen.

Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns, aber da der Wagen einbog
in den Park, konnte ich es nicht lassen, auszusteigen, vielleicht nur,
weil ich nicht anfahren wollte, wie irgendein Fremder. Es war schon
voller Sommer. Ich lief in einen der Wege hinein und auf einen Goldregen
zu. Und da war Abelone. Schoene, schoene Abelone.

Ich wills nie vergessen, wie das war, wenn du mich anschautest. Wie du
dein Schauen trugst, gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es aufhaltend
auf zurueckgeneigtem Gesicht.

Ach, ob das Klima sich gar nicht veraendert hat? Ob es nicht milder
geworden ist um Ulsgaard herum von all unserer Waerme? Ob einzelne Rosen
nicht laenger bluehen jetzt im Park, bis in den Dezember hinein?

Ich will nichts erzaehlen von dir, Abelone. Nicht deshalb, weil wir
einander taeuschten: weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie
vergessen hast, Liebende, und ich: alle Frauen; sondern weil mit dem Sagen
nur unrecht geschieht.

Es giebt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du bist
da, sechs Teppiche sinds, komm, lass uns langsam voruebergehen. Aber erst
tritt zurueck und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist
wenig Abwechslung darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend
im zurueckhaltend roten Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich
beschaeftigten Tieren bewohnt. Nur dort, im letzten Teppich, steigt die
Insel ein wenig auf, als ob sie leichter geworden sei. Sie traegt immer
eine Gestalt, eine Frau in verschiedener Tracht, aber immer dieselbe.
Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind
die wappentragenden Tiere da, gross, mit auf der Insel, mit in der Handlung.
Links ein Loewe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen
Banner, die hoch ueber ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in
blauer Binde auf rotem Feld.--Hast du gesehen, willst du beim ersten
beginnen?

Sie fuettert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist auf
der gekleideten Hand und ruehrt sich. Sie sieht ihm zu und langt dabei in
die Schale, die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen. Rechts
unten auf der Schleppe haelt sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der
aufsieht und hofft, man werde sich seiner erinnern. Und, hast du bemerkt,
ein niederes Rosengitter schliesst hinten die Insel ab. Die Wappentiere
steigen heraldisch hochmuetig. Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel
umgegeben. Eine schoene Agraffe haelt es zusammen. Es weht.

Geht man nicht unwillkuerlich leiser zu dem naechsten Teppich hin, sobald
man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine,
runde Krone aus Blumen. Nachdenklich waehlt sie die Farbe der naechsten
Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin haelt, waehrend sie die
vorige anreiht. Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller
Rosen, den ein Affe entdeckt hat. Diesmal sollten es Nelken sein. Der
Loewe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.

Musste nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten
da? Schwer und still geschmueckt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die
tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk
abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die Baelge bewegt. So schoen war
sie noch nie. Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn
genommen und ueber dem Kopfputz oben zusammengefasst, so dass es mit seinen
Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch. Verstimmt ertraegt
der Loewe die Toene, ungern, Geheul verbeissend. Das Einhorn aber ist schoen,
wie in Wellen bewegt.

Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und
goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem
fuerstlichen Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie
selbst. Die Dienerin hat eine kleine Truhe geoeffnet, und sie hebt nun
eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer
verschlossen war. Der kleine Hund sitzt bei ihr, erhoeht, auf bereitetem
Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch entdeckt auf dem Zeltrand
oben? da steht: 'A mon seul desir.'

Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum
sieht man gleich, dass es springt? Alles ist so befangen. Der Loewe hat
nichts zu tun. Sie selbst haelt das Banner. Oder haelt sie sich dran? Sie
hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefasst. Ist das
Trauer, kann Trauer so aufrecht sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen
wie dieser gruenschwarze Samt mit den welken Stellen?

Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung spielt
dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles fuer immer. Der Loewe sieht
sich fast drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben sie noch nie muede
gesehen; ist sie muede? oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie
etwas Schweres haelt? Man koennte meinen, eine Monstranz. Aber sie neigt
den andern Arm gegen das Einhorn hin, und das Tier baeumt sich
geschmeichelt auf und steigt und stuetzt sich auf ihren Schooss. Es ist ein
Spiegel, was sie haelt. Siehst du: sie zeigt dem Einhorn sein Bild--.

Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich denke,
du musst begreifen. -------------Nun sind auch die Teppiche der Dame a
la Licorne nicht mehr in dem alten Schloss von Boussac. Die Zeit ist da,
wo alles aus den Haeusern fortkommt, sie koennen nichts mehr behalten. Die
Gefahr ist sicherer geworden als die Sicherheit. Niemand aus dem
Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut. Sie
sind alle vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre d'Aubusson,
grosser Grossmeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin vielleicht
diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben. (Ach,
dass die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, woertlicher, wie
sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.) Nun kommt
man zufaellig davor unter Zufaelligen und erschrickt fast, nicht geladen zu
sein. Aber da sind andere und gehen vorueber, wenn es auch nie viele sind.
Die jungen Leute halten sich kaum auf, es sei denn, dass das irgendwie in
ihr Fach gehoert, diese Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene
bestimmte Eigenschaft hin. Junge Maedchen allerdings findet man zuweilen
davor. Denn es giebt eine Menge junger Maedchen in den Museen, die
fortgegangen sind irgendwo aus den Haeusern, die nichts mehr behalten. Sie
finden sich vor diesen Teppichen und vergessen sich ein wenig. Sie haben
immer gefuehlt, dass es dies gegeben hat, solch ein leises Leben langsamer,
nie ganz aufgeklaerter Gebaerden, und sie erinnern sich dunkel, dass sie
sogar eine Zeitlang meinten, es wuerde ihr Leben sein. Aber dann ziehen
sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen, gleichviel was, eine
von den Blumen oder ein kleines, vergnuegtes Tier. Darauf kaeme es nicht an,
hat man ihnen vorgesagt, was es gerade waere. Und darauf kommt es
wirklich nicht an. Nur dass gezeichnet wird, das ist die Hauptsache; denn
dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich gewaltsam. Sie sind aus
guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so
ergiebt sich, dass ihr Kleid hinten nicht zugeknoepft ist oder doch nicht
ganz. Es sind da ein paar Knoepfe, die man nicht erreichen kann. Denn als
dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, dass sie
ploetzlich allein weggehen wuerden. In der Familie ist immer jemand fuer
solche Knoepfe. Aber hier, lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in
einer so grossen Stadt. Man muesste schon eine Freundin haben; Freundinnen
sind aber in derselben Lage, und da kommt es doch darauf hinaus, dass man
sich gegenseitig die Kleider schliesst. Das ist laecherlich und erinnert an
die Familie, an die man nicht erinnert sein will. Es laesst sich ja nicht
vermeiden, dass man waehrend des Zeichnens zuweilen ueberlegt, ob es nicht
doch moeglich gewesen waere zu bleiben. Wenn man haette fromm sein koennen,
herzhaft fromm im gleichen Tempo mit den andern. Aber das nahm sich so
unsinnig aus, das gemeinsam zu versuchen. Der Weg ist irgendwie enger
geworden: Familien koennen nicht mehr zu Gott. Es blieben also nur
verschiedene andere Dinge, die man zur Not teilen konnte. Da kam dann
aber, wenn man ehrlich teilte, so wenig auf den einzelnen, dass es eine
Schande war. Und betrog man beim Teilen, so entstanden
Auseinandersetzungen. Nein, es ist wirklich besser zu zeichnen,
gleichviel was. Mit der Zeit stellt sich die Aehnlichkeit schon ein. Und
die Kunst, wenn man sie so allmaehlich hat, ist doch etwas recht
Beneidenswertes.

Und ueber der angestrengten Beschaeftigung mit dem, was sie sich vorgenommen
haben, diese jungen Maedchen, kommen sie nicht mehr dazu, aufzusehen. Sie
merken nicht, wie sie bei allem Zeichnen doch nichts tun, als das
unabaenderliche Leben in sich unterdruecken, das in diesen gewebten Bildern
strahlend vor ihnen aufgeschlagen ist in seiner unendlichen Unsaeglichkeit.
Sie wollen es nicht glauben. Jetzt, da so vieles anders wird, wollen
sie sich veraendern. Sie sind ganz nahe daran, sich aufzugeben und so von
sich zu denken, wie Maenner etwa von ihnen reden koennten, wenn sie nicht da
sind. Das scheint ihnen ihr Fortschritt. Sie sind fast schon ueberzeugt,
dass man einen Genuss sucht und wieder einen und einen noch staerkeren Genuss:
dass darin das Leben besteht, wenn man es nicht auf eine alberne Art
verlieren will. Sie haben schon angefangen, sich umzusehen, zu suchen;
sie, deren Staerke immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.

Das kommt, glaube ich, weil sie muede sind. Sie haben Jahrhunderte lang
die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt,
beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat
ihnen das Erlernen schwer gemacht mit seiner Zerstreutheit, mit seiner
Nachlaessigkeit, mit seiner Eifersucht, die auch eine Art Nachlaessigkeit
war. Und sie haben trotzdem ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen
an Liebe und Elend. Und aus ihnen sind, unter dem Druck endloser Noete,
die gewaltigen Liebenden hervorgegangen, die, waehrend sie ihn riefen, den
Mann ueberstanden; die ueber ihn hinauswuchsen, wenn er nicht wiederkam, wie
Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht abliessen, bis ihre Qual
umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht mehr zu halten war.
Wir wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie durch ein
Wunder sich erhielten, oder Buecher mit anklagenden oder klagenden
Gedichten, oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein
Weinen durch, das dem Maler gelang, weil er nicht wusste, was es war. Aber
es sind ihrer zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt
haben, und andere, die keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben.
Greisinnen, die verhaertet waren, mit einem Kern von Koestlichkeit in sich,
den sie verbargen. Formlose, stark gewordene Frauen, die, stark geworden
aus Erschoepfung, sich ihren Maennern aehnlich werden liessen und die doch
innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe gearbeitet hatte, im Dunkel.
Gebaerende, die nie gebaeren wollten, und wenn sie endlich starben an der
achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte von Maedchen, die
sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben neben Tobenden und
Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in sich so weit von ihnen
zu sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter die Leute, so konnten sies
nicht verhalten und schimmerten, als gingen sie immer mit Seligen um. Wer
kann sagen, wie viele es waren und welche. Es ist, als haetten sie im
voraus die Worte vernichtet, mit denen man sie fassen koennte.

Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu veraendern?
Koennten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren
Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach? Man hat
uns alle ihre Muehsal erspart, und so ist sie uns unter die Zerstreuungen
geglitten, wie in eines Kindes Spiellade manchmal ein Stueck echter Spitze
faellt und freut und nicht mehr freut und endlich daliegt unter
Zerbrochenem und Auseinandergenommenem, schlechter als alles. Wir sind
verdorben vom leichten Genuss wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der
Meisterschaft. Wie aber, wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn
wir ganz von vorne begaennen die Arbeit der Liebe zu lernen, die immer fuer
uns getan worden ist? Wie, wenn wir hingingen und Anfaenger wuerden, nun,
da sich vieles veraendert.

O weiss ich auch, wie es war, wenn Maman die kleinen Spitzenstuecke
aufrollte. Sie hatte naemlich ein einziges von den Schubfaechern in
Ingeborgs Sekretaer fuer sich in Gebrauch genommen.

"Wollen wir sie sehen, Malte", sagte sie und freute sich, als sollte sie
eben alles geschenkt bekommen, was in der kleinen gelblackierten Lade war.
Und dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier gar nicht
auseinanderschlagen. Ich musste es tun jedesmal. Aber ich wurde auch ganz
aufgeregt, wenn die Spitzen zum Vorschein kamen. Sie waren aufgewunden um
eine Holzwelle, die gar nicht zu sehen war vor lauter Spitzen. Und nun
wickelten wir sie langsam ab und sahen den Mustern zu, wie sie sich
abspielten, und erschraken jedesmal ein wenig, wenn eines zu Ende war.
Sie hoerten so ploetzlich auf.

Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zaehe Stuecke mit ausgezogenen
Faeden, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem
Bauerngarten. Dann war auf einmal eine ganze Reihe unserer Blicke
vergittert mit venezianischer Nadelspitze, als ob wir Kloester waeren oder
Gefaengnisse. Aber es wurde wieder frei, und man sah weit in Gaerten hinein,
die immer kuenstlicher wurden, bis es dicht und lau an den Augen war wie
in einem Treibhaus: prunkvolle Pflanzen, die wir nicht kannten, schlugen
riesige Blaetter auf, Ranken griffen nacheinander, als ob ihnen schwindelte,
und die grossen offenen Blueten der Points d'Alencon truebten alles mit
ihren Pollen. Ploetzlich, ganz muede und wirr, trat man hinaus in die lange
Bahn der Valenciennes, und es war Winter und frueh am Tag und Reif. Und
man draengte sich durch das verschneite Gebuesch der Binche und kam an
Plaetze, wo noch keiner gegangen war; die Zweige hingen so merkwuerdig
abwaerts, es konnte wohl ein Grab darunter sein, aber das verbargen wir
voreinander. Die Kaelte drang immer dichter an uns heran, und schliesslich
sagte Maman, wenn die kleinen, ganz feinen Kloeppelspitzen kamen: "Oeh,
jetzt bekommen wir Eisblumen an den Augen", und so war es auch, denn es
war innen sehr warm in uns.

Ueber dem Wiederaufrollen seufzten wir beide, das war eine lange Arbeit,
aber wir mochten es niemandem ueberlassen.

"Denk nun erst, wenn wir sie machen muessten", sagte Maman und sah foermlich
erschrocken aus. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ertappte
mich darauf, dass ich an kleine Tiere gedacht hatte, die das immerzu
spinnen und die man dafuer in Ruhe laesst. Nein, es waren ja natuerlich
Frauen. "Die sind gewiss in den Himmel gekommen, die das gemacht haben",
meinte ich bewundernd. Ich erinnere, es fiel mir auf, dass ich lange nicht
nach dem Himmel gefragt hatte. Maman atmete auf, die Spitzen waren wieder
beisammen. Nach einer Weile, als ich es schon wieder vergessen hatte,
sagte sie ganz langsam: "In den Himmel? Ich glaube, sie sind ganz und gar
da drin. Wenn man das so sieht: das kann gut eine ewige Seligkeit sein.
Man weiss ja so wenig darueber."

Oft,wenn Besuch da war, hiess es, dass Schulins sich einschraenkten. Das
grosse, alte Schloss war abgebrannt vor ein paar Jahren, und nun wohnten sie
in den beiden engen Seitenfluegeln und schraenkten sich ein. Aber das
Gaestehaben lag ihnen nun einmal im Blut. Das konnten sie nicht aufgeben.
Kam jemand unerwartet zu uns, so kam er wahrscheinlich von Schulins; und
sah jemand ploetzlich nach der Uhr und musste ganz erschrocken fort, so
wurde er sicher auf Lystager erwartet.

Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin, aber so etwas konnten
Schulins nicht begreifen; es blieb nichts uebrig, man musste einmal
hinueberfahren. Es war im Dezember nach ein paar fruehen Schneefaellen; der
Schlitten war auf drei Uhr befohlen, ich sollte mit. Man fuhr indessen
nie puenktlich bei uns. Maman, die es nicht liebte, dass der Wagen gemeldet
wurde, kam meistens viel zu frueh herunter, und wenn sie niemanden fand, so
fiel ihr immer etwas ein, was schon laengst haette getan sein sollen, und
sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu ordnen, so dass sie kaum wieder
zu erreichen war. Schliesslich standen alle und warteten. Und sass sie
endlich und war eingepackt, so zeigte es sich, dass etwas vergessen sei,
und Sieversen musste geholt werden; denn nur Sieversen wusste, wo es war.
Aber dann fuhr man ploetzlich los, eh Sieversen wiederkam.

An diesem Tag war es ueberhaupt nicht recht hell geworden. Die Baeume
standen da, als wuessten sie nicht weiter im Nebel, und es hatte etwas
Rechthaberisches, dahinein zu fahren. Zwischendurch fing es an, still
weiterzuschneien, und nun wars, als wuerde auch noch das Letzte ausradiert
und als fuehre man in ein weisses Blatt. Es gab nichts als das Gelaeut, und
man konnte nicht sagen, wo es eigentlich war. Es kam ein Moment, da es
einhielt, als waere nun die letzte Schelle ausgegeben; aber dann sammelte
es sich wieder und war beisammen und streute sich wieder aus dem Vollen
aus. Den Kirchturm links konnte man sich eingebildet haben. Aber der
Parkkontur war ploetzlich da, hoch, beinahe ueber einem, und man befand sich
in der langen Allee. Das Gelaeut fiel nicht mehr ganz ab; es war, als
haengte es sich in Trauben rechts und links an die Baeume. Dann schwenkte
man und fuhr rund um etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt in
der Mitte. Georg hatte ganz vergessen, dass das Haus nicht da war, und
fuer uns alle war es in diesem Augenblick da. Wir stiegen die Freitreppe
hinauf, die auf die alte Terrasse fuehrte, und wunderten uns nur, dass es
ganz dunkel sei. Auf einmal ging eine Tuer, links unten hinter uns, und
jemand rief: "Hierher!" und hob und schwenkte ein dunstiges Licht. Mein
Vater lachte: "Wir steigen hier herum wie die Gespenster", und er half uns
wieder die Stufen zurueck. "Aber es war doch eben ein Haus da", sagte
Maman und konnte sich gar nicht so rasch an Wjera Schulin gewoehnen, die
warm und lachend herausgelaufen war. Nun musste man natuerlich schnell
hinein, und an das Haus war nicht mehr zu denken. In einem engen
Vorzimmer wurde man ausgezogen, und dann war man gleich mitten drin unter
den Lampen und der Waerme gegenueber. Diese Schulins waren ein maechtiges
Geschlecht selbstaendiger Frauen. Ich weiss nicht, ob es Soehne gab. Ich
erinnere mich nur dreier Schwestern; der aeltesten, die an einen Marchese
in Neapel verheiratet gewesen war, von dem sie sich nun langsam unter
vielen Prozessen schied. Dann kam Zoë, von der es hiess, dass es nichts gab,
was sie nicht wusste. Und vor allem war Wjera da, diese warme Wjera; Gott
weiss, was aus ihr geworden ist. Die Graefin, eine Narischkin, war
eigentlich die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die juengste.
Sie wusste von nichts und musste in einem fort von ihren Kindern
unterrichtet werden. Und der gute Graf Schulin fuehlte sich, als ob er mit
allen diesen Frauen verheiratet sei, und ging herum und kuesste sie, wie es
eben kam.

Vor der Hand lachte er laut und begruesste uns eingehend. Ich wurde unter
den Frauen weitergegeben und befuehlt und befragt. Aber ich hatte mir fest
vorgenommen, wenn das vorueber sei, irgendwie hinauszugleiten und mich nach
dem Haus umzusehen. Ich war ueberzeugt, dass es heute da sei. Das
Hinauskommen war nicht so schwierig; zwischen allen den Kleidern kam man
unten durch wie ein Hund, und die Tuer nach dem Vorraum zu war noch
angelehnt. Aber draussen die aeussere wollte nicht nachgeben. Da waren
mehrere Vorrichtungen, Ketten und Riegel, die ich nicht richtig behandelte
in der Eile. Ploetzlich ging sie doch auf, aber mit lautem Geraeusch, und
eh ich draussen war, wurde ich festgehalten und zurueckgezogen.

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