A>>B >>C >> D >>E
F>> G >>H>> I>> J
K >>L>> M>> N>> O
P>> R >>S>> T>> U
V >> W >> X >> Z

New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

Looking for Child to be on Cover of a New Book, 'The Model Child'
PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

R >> Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15



"Halt, hier wird nicht ausgekniffen", sagte Wjera Schulin belustigt. Sie
beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person nichts
zu verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters an, eine
Noetigung meiner Natur haette mich an die Tuer getrieben; sie ergriff meine
Hand und fing schon an zu gehen und wollte mich, halb vertraulich, halb
hochmuetig, irgendwohin mitziehen. Dieses intime Missverstaendnis kraenkte
mich ueber die Massen. Ich riss mich los und sah sie boese an. "Das Haus
will ich sehen", sagte ich stolz. Sie begriff nicht.

"Das grosse Haus draussen an der Treppe."

"Schaf", machte sie und haschte nach mir, "da ist doch gar kein Haus mehr."
Ich bestand darauf.

"Wir gehen einmal bei Tage hin", schlug sie einlenkend vor, "jetzt kann
man da nicht herumkriechen. Es sind Loecher da, und gleich dahinter sind
Papas Fischteiche, die nicht zufrieren duerfen. Da faellst du hinein und
wirst ein Fisch."

Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da sassen
sie alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an: die gehen
natuerlich nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich veraechtlich; wenn
Maman und ich hier wohnten, so waere es immer da. Maman sah zerstreut aus,
waehrend alle zugleich redeten. Sie dachte gewiss an das Haus.

Zoë setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein
gutgeordnetes Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit erneute,
als saehe sie bestaendig etwas ein. Mein Vater sass etwas nach rechts
geneigt und hoerte der Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin stand
zwischen Maman und seiner Frau und erzaehlte etwas. Aber die Graefin
unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.

"Nein, Kind, das bildest du dir ein", sagte der Graf gutmuetig, aber er
hatte auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte ueber den
beiden Damen. Die Graefin war von ihrer sogenannten Einbildung nicht
abzubringen. Sie sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der nicht gestoert
sein will. Sie machte kleine, abwinkende Bewegungen mit ihren weichen
Ringhaenden, jemand sagte "sst", und es wurde ploetzlich ganz still.
Hinter den Menschen draengten sich die grossen Gegenstaende aus dem alten
Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber glaenzte und woelbte sich,
als saehe man es durch Vergroesserungsglaeser. Mein Vater sah sich befremdet
um. "Mama riecht", sagte Wjera Schulin hinter ihm, "da muessen wir immer
alle still sein, sie riecht mit den Ohren", dabei aber stand sie selbst
mit hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.

Die Schulins waren in dieser Beziehung ein bisschen eigen seit dem Brande.
In den engen, ueberheizten Stuben kam jeden Augenblick ein Geruch auf, und
dann untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung ab. Zoë machte sich
am Ofen zu tun, sachlich und gewissenhaft, der Graf ging umher und stand
ein wenig in jeder Ecke und wartete; "hier ist es nicht", sagte er dann.
Die Graefin war aufgestanden und wusste nicht, wo sie suchen sollte. Mein
Vater drehte sich langsam um sich selbst, als haette er den Geruch hinter
sich. Die Marchesin, die sofort angenommen hatte, dass es ein garstiger
Geruch sei, hielt ihr Taschentuch vor und sah von einem zum andern, ob es
vorueber waere. "Hier, hier", rief Wjera von Zeit zu Zeit, als haette sie
ihn. Und um jedes Wort herum war es merkwuerdig still. Was mich angeht,
so hatte ich fleissig mitgerochen. Aber auf einmal (war es die Hitze in
den Zimmern oder das viele nahe Licht) ueberfiel mich zum erstenmal in
meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, dass alle die
deutlichen grossen Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht hatten,
gebueckt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem beschaeftigten; dass sie
zugaben, dass da etwas war, was sie nicht sahen. Und es war schrecklich,
dass es staerker war als sie alle.

Meine Angst steigerte sich. Mir war, als koennte das, was sie suchten,
ploetzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann wuerden sie es
sehen und nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman hinueber.
Sie sass eigentuemlich gerade da, mir kam vor, dass sie auf mich wartete.
Kaum war ich bei ihr und fuehlte, dass sie innen zitterte, so wusste ich, dass
das Haus jetzt erst wieder verging.

"Malte, Feigling", lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber wir
liessen einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir blieben so,
Maman und ich, bis das Haus wieder ganz vergangen war.

Am reichsten an beinah unfassbaren Erfahrungen waren aber doch die
Geburtstage. Man wusste ja schon, dass das Leben sich darin gefiel, keine
Unterschiede zu machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem Recht auf
Freude auf, an dem nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich war das Gefuehl
dieses Rechts ganz frueh in einem ausgebildet worden, zu der Zeit, da man
nach allem greift und rein alles bekommt und da man die Dinge, die man
gerade festhaelt, mit unbeirrbarer Einbildungskraft zu der grundfarbigen
Intensitaet des gerade herrschenden Verlangens steigert.

Dann aber kommen auf einmal jene merkwuerdigen Geburtstage, da man, im
Bewusstsein dieses Rechtes voellig befestigt, die anderen unsicher werden
sieht. Man moechte wohl noch wie frueher angekleidet werden und dann alles
Weitere entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft jemand draussen,
die Torte sei noch nicht da; oder man hoert, dass etwas zerbricht, waehrend
nebenan der Geschenktisch geordnet wird; oder es kommt jemand herein und
laesst die Tuere offen, und man sieht alles, ehe man es haette sehen duerfen.
Das ist der Augenblick, wo etwas wie eine Operation an einem geschieht.
Ein kurzer, wahnsinnig schmerzhafter Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut,
ist geuebt und fest. Es ist gleich vorbei. Und kaum ist es ueberstanden,
so denkt man nicht mehr an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die
anderen zu beobachten, ihren Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer
Einbildung zu bestaerken, dass sie alles trefflich bewaeltigen. Sie machen
es einem nicht leicht. Es erweist sich, dass sie von einer beispiellosen
Ungeschicklichkeit sind, beinahe stupide. Sie bringen es zuwege, mit
irgendwelchen Paketen hereinzukommen, die fuer andere Leute bestimmt sind;
man laeuft ihnen entgegen und muss hernach tun, als liefe man ueberhaupt in
der Stube herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu.
Sie wollen einen ueberraschen und heben mit oberflaechlich nachgeahmter
Erwartung die unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter
nichts ist als Holzwolle; da muss man ihnen ihre Verlegenheit erleichtern.
Oder wenn es etwas Mechanisches war, so ueberdrehen sie das, was sie einem
geschenkt haben, beim ersten Aufziehen. Es ist deshalb gut, wenn man sich
beizeiten uebt, eine ueberdrehte Maus oder dergleichen unauffaellig mit dem
Fuss weiterzustossen: auf diese Weise kann man sie oft taeuschen und ihnen
ueber die Beschaemung forthelfen.

Das alles leistete man schliesslich, wie es verlangt wurde, auch ohne
besondere Begabung. Talent war eigentlich nur noetig, wenn sich einer Muehe
gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutmuetig, eine Freude, und man sah
schon von weitem, dass es eine Freude fuer einen ganz anderen war, eine
vollkommen fremde Freude; man wusste nicht einmal jemanden, dem sie gepasst
haette: so fremd war sie.

Dass man erzaehlte, wirklich erzaehlte, das muss vor meiner Zeit gewesen sein.
Ich habe nie jemanden erzaeh len hoeren. Damals, als Abelone mir von
Mamans Jugend sprach, zeigte es sich, dass sie nicht erzaehlen koenne. Der
alte Graf Brahe soll es noch gekonnt haben. Ich will aufschreiben, was
sie davon wusste.

Abelone muss als ganz junges Maedchen eine Zeit gehabt haben, da sie von
einer eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der Stadt,
in der Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie abends spaet
hinauf in ihr Zimmer kam, so meinte sie muede zu sein wie die anderen.
Aber dann fuehlte sie auf einmal das Fenster und, wenn ich recht verstanden
habe, so konnte sie vor der Nacht stehn, stundenlang, und denken: das geht
mich an. "Wie ein Gefangener stand ich da", sagte sie, "und die Sterne
waren die Freiheit." Sie konnte damals einschlafen, ohne sich schwer zu
machen. Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen passt nicht fuer dieses
Maedchenjahr. Schlaf war etwas, was mit einem stieg, und von Zeit zu Zeit
hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberflaeche, die noch
lang nicht die oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im
Winter, wenn die anderen schlaefrig und spaet zum spaeten Fruehstueck kamen.
Abends, wenn es dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter fuer alle,
gemeinsame Lichter. Aber diese beiden Kerzen ganz frueh in der neuen
Dunkelheit, mit der alles wieder anfing, die hatte man fuer sich. Sie
standen in ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die
kleinen, ovalen, mit Rosen bemalten Tuellschirme, die von Zeit zu Zeit
nachgerueckt werden mussten. Das hatte nichts Stoerendes; denn einmal war
man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, dass man manchmal
aufsehen musste und nachdenken, wenn man an einem Brief schrieb oder in das
Tagebuch, das frueher einmal mit ganz anderer Schrift, aengstlich und schoen,
begonnen war.

Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Toechtern. Er hielt es fuer
Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen. ("Ja,
teilen--", sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die Leute ihm von
seinen Toechtern erzaehlten; er hoerte aufmerksam zu, als wohnten sie in
einer anderen Stadt.

Es war deshalb etwas ganz Ausserordentliches, dass er einmal nach dem
Fruehstueck Abelone zu sich winkte: "Wir haben die gleichen Gewohnheiten,
wie es scheint, ich schreibe auch ganz frueh. Du kannst mir helfen."
Abelone wusste es noch wie gestern.

Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett gefuehrt, das im
Rufe der Unzugaenglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein
zu nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen ueber an den
Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene schien mit Buechern und Schriftstoessen
als Ortschaften.

Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, dass Graf Brahe seine
Memoiren schriebe, hatten nicht voellig unrecht. Nur dass es sich nicht um
politische oder militaerische Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung
erwartete. "Die vergesse ich", sagte der alte Herr kurz wenn ihn jemand
auf solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht vergessen wollte,
das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der Ordnung,
seiner Meinung nach, dass jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand
gewann, dass sie, wenn er seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in
einer hellen nordischen Sommernacht, gesteigert und schlaflos.

Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, dass sie flackerten.
Oder ganze Saetze mussten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er
heftig hin und her und wehte mit seinem nilgruenen, seidenen Schlafrock.
Waehrend alledem war noch eine Person zugegen, Sten, des Grafen alter,
juetlaendischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es war, wenn der Grossvater
aufsprang, die Haende schnell ueber die einzelnen losen Blaetter zu legen,
die, mit Notizen bedeckt, auf dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten
die Vorstellung, dass das heutige Papier nichts tauge, dass es viel zu
leicht sei und davonfliege bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von
dem man nur die lange obere Haelfte sah, teilte diesen Verdacht und sass
gleichsam auf seinen Haenden, lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel.
Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lesen,
und niemand von der Dienerschaft haette je sein Zimmer betreten moegen, weil
es hiess, dass er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit
Geistern gehabt, und Sten war fuer diesen Verkehr ganz besonders
vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas erschienen in der Nacht, da sie
ihn gebar. Er hatte grosse, runde Augen, und das andere Ende seines Blicks
kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah. Abelonens Vater fragte
ihn oft nach den Geistern, wie man sonst jemanden nach seinen Angehoerigen
fragt: "Kommen sie, Sten?" sagte er wohlwollend. "Es ist gut, wenn sie
kommen." Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte
Abelone 'Eckernfoerde' nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie
hatte ihn nie gehoert. Der Graf, der im Grunde schon lange einen Vorwand
suchte, das Schreiben aufzugeben, das zu langsam war fuer seine
Erinnerungen stellte sich unwillig.

"Sie kann es nicht schreiben", sagte er scharf, "und andere werden es
nicht lesen koennen. Und werden sie es ueberhaupt sehen, was ich da sage?"
fuhr er boese fort und liess Abelone nicht aus den Augen.

"Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?" schrie er sie an. "Haben
wir Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der Marquis von
Belmare." Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so
schnell weiter, dass man nicht mitkonnte.

"Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber mich
nahm er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in seine
Diamantknoepfe zu beissen. Das freute ihn. Er lachte und hob mir den Kopf,
bis wir einander in die Augen sahen: 'Du hast ausgezeichnete Zaehne', sagte
er, 'Zaehne, die etwas unternehmen...'--Ich aber merkte mir seine Augen.
Ich bin spaeter da und dort herumgekommen. Ich habe allerhand Augen
gesehen, kannst du mir glauben: solche nicht wieder. Fuer diese Augen
haette nichts da sein muessen, die hattens in sich. Du hast von Venedig
gehoert? Gut. Ich sage dir, die haetten Venedig hier hereingesehen in
dieses Zimmer, dass es da gewesen waere, wie der Tisch. Ich sass in der Ecke
einmal und hoerte, wie er meinem Vater von Persien erzaehlte, manchmal mein
ich noch, mir riechen die Haende davon. Mein Vater schaetzte ihn, und Seine
Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie sein Schueler. Aber es gab
natuerlich genug, die ihm uebelnahmen, dass er an die Vergangenheit nur
glaubte, wenn sie in ihm war. Das konnten sie nicht begreifen, dass der
Kram nur Sinn hat, wenn man damit geboren wird."

"Die Buecher sind leer", schrie der Graf mit einer wuetenden Gebaerde nach
den Waenden hin, "das Blut, dar auf kommt es an, da muss man drin lesen
koennen. Er hatte wunderliche Geschichten drin und merkwuerdige
Abbildungen, dieser Belmare; er konnte aufschlagen, wo er wollte, da war
immer was beschrieben; keine Seite in seinem Blut war ueberschlagen worden.
Und wenn er sich einschloss von Zeit zu Zeit und allein drin blaetterte,
dann kam er zu den Stellen ueber das Goldmachen und ueber die Steine und
ueber die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden haben? es steht
sicher irgendwo." "Er haette gut mit einer Wahrheit leben koennen, dieser
Mensch, wenn er allein gewesen waere. Aber es war keine Kleinigkeit,
allein zu sein mit einer solchen. Und er war nicht so geschmacklos, die
Leute einzuladen, dass sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten; die sollte
nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr Orientale. 'Adieu,
Madame', sagte er ihr wahrheitsgemaess, 'auf ein anderes Mal. Vielleicht
ist man in tausend Jahren etwas kraeftiger und ungestoerter. Ihre Schoenheit
ist ja doch erst im Werden, Madame', sagte er, und das war keine blosse
Hoeflichkeit. Damit ging er fort und legte draussen fuer die Leute seinen
Tierpark an, eine Art Jardin d'Acclimatation fuer die groesseren Arten von
Luegen, die man bei uns noch nie gesehen hatte, und ein Palmenhaus von
Uebertreibungen und eine kleine, gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse.
Da kamen sie von allen Seiten, und er ging herum mit Diamantschnallen an
den Schuhen und war ganz fuer seine Gaeste da."

"Eine oberflaechliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine
Ritterlichkeit gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei
konserviert." Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf
Abelone ein, die er vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und
warf herausfordernde Blicke auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen
Augenblicke sich in den verwandeln, an den er dachte. Aber Sten
verwandelte sich noch nicht. "Man muesste ihn sehen,"fuhr Graf Brahe
versessen fort. "Es gab eine Zeit, wo er durchaus sichtbar war, obwohl in
manchen Staedten die Briefe, die er empfing, an niemanden gerichtet waren:
es stand nur der Ort darauf, sonst nichts. Aber ich hab ihn gesehen."

"Er war nicht schoen." Der Graf lachte eigentuemlich eilig. "Auch nicht,
was die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer Vornehmere
neben ihm. Er war reich: aber das war bei ihm nur wie ein Einfall, daran
konnte man sich nicht halten. Er war gut gewachsen, obzwar andere hielten
sich besser. Ich konnte damals natuerlich nicht beurteilen, ob er
geistreich war und das und dies, worauf Wert gelegt wird--: aber er war."
Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas in
den Raum hinein, was blieb.

In diesem Moment gewahrte er Abelone.

"Siehst du ihn?" herrschte er sie an. Und ploetzlich ergriff er den einen
silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht. In den
naechsten Tagen wurde Abelone regelmaessig gerufen, und das Diktieren ging
nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf stellte nach
allerhand Papieren seine fruehesten Erinnerungen an den Bernstorffschen
Kreis zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle spielte. Abelone war
jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit eingestellt, dass, wer die
beiden sah, ihre zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht fuer ein wirkliches
Vertrautsein nehmen konnte.

Einmal, als Abelone sich schon zurueckziehen wollte, trat der alte Herr auf
sie zu, und es war, als hielte er die Haende mit einer Ueberraschung hinter
sich: "Morgen schreiben wir von Julie Reventlow", sagte er und kostete
seine Worte: "das war eine Heilige."

Wahrscheinlich sah Abelone ihn unglaeubig an.

"Ja, ja, das giebt es alles noch", bestand er in befehlendem Tone, "es
giebt alles, Komtesse Abel."

Er nahm Abelonens Haende und schlug sie auf wie ein Buch.

"Sie hatte die Stigmata", sagte er, "hier und hier." Und er tippte mit
seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflaechen. Den
Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen, dachte sie;
sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hoeren, die ihr Vater noch
gesehen hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht am naechsten Morgen
und auch spaeter nicht.-"Von der Graefin Reventlow ist ja dann oft bei euch
gesprochen worden", schloss Abelone kurz, als ich sie bat, mehr zu erzaehlen.
Sie sah muede aus; auch behauptete sie, das Meiste vergessen zu haben.
"Aber die Stellen fuehl ich noch manchmal", laechelte sie und konnte es
nicht lassen und schaute beinah neugierig in ihre leeren Haende.

Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war nicht
mehr in unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer
Etagenwohnung, die mir feindsaelig und befremdlich schien. Ich war damals
schon im Ausland und kam zu spaet.

Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen.
Der Geruch der Blumen war unverstaendlich wie viele gleichzeitige Stimmen.
Sein schoenes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden waren, hatte
einen Ausdruck hoeflichen Erinnerns. Er war eingekleidet in die
Jaegermeisters-Uniform, aber aus irgendeinem Grunde hatte man das weisse
Band aufgelegt, statt des blauen. Die Haende waren nicht gefaltet, sie
lagen schraeg uebereinander und sahen nachgemacht und sinnlos aus. Man
hatte mir rasch erzaehlt, dass er viel gelitten habe: es war nichts davon zu
sehen. Seine Zuege waren aufgeraeumt wie die Moebel in einem Fremdenzimmer,
aus dem jemand abgereist war. Mir war zumute, als haette ich ihn schon
oefter tot gesehen: so gut kannte ich das alles.

Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses
bedrueckende Zimmer, das Fenster gegenueber hatte, wahrscheinlich die
Fenster anderer Leute. Neu war es, dass Sieversen von Zeit zu Zeit
hereinkam und nichts tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte ich
fruehstuecken. Mehrmals wurde mir das Fruehstueck gemeldet. Mir lag
durchaus nichts daran, zu fruehstuecken an diesem Tage. Ich merkte nicht,
dass man mich forthaben wollte; schliesslich, da ich nicht ging, brachte
Sieversen es irgendwie heraus, dass die Aerzte da waeren. Ich begriff nicht,
wozu. Es waere da noch etwas zu tun, sagte Sieversen und sah mich mit
ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas ueberstuerzt, zwei
Herren herein: das waren die Aerzte. Der vordere senkte seinen Kopf mit
einem Ruck, als haette er Hoerner und wollte stossen, um uns ueber seine
Glaeser fort anzusehen: erst Sieversen, dann mich.

Er verbeugte sich mit studentischer Foermlichkeit. "Der Herr Jaegermeister
hatte noch einen Wunsch", sagte er genau so, wie er eingetreten war; man
hatte wieder das Gefuehl, dass er sich ueberstuerzte. Ich noetigte ihn
irgendwie, seinen Blick durch seine Glaeser zu richten. Sein Kollege war
ein voller, duennschaliger, blonder Mensch; es fiel mir ein, dass man ihn
leicht zum Erroeten bringen koennte. Darueber entstand eine Pause. Es war
seltsam, dass der Jaegermeister jetzt noch Wuensche hatte.

Ich blickte unwillkuerlich wieder hin in das schoene, gleichmaessige Gesicht.
Und da wusste ich, dass er Sicherheit wollte. Die hatte er im Grunde immer
gewuenscht. Nun sollte er sie bekommen.

"Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte."

Ich verneigte mich und trat zurueck. Die beiden Aerzte verbeugten sich
gleichzeitig und begannen sofort sich ueber ihre Arbeit zu verstaendigen.
Jemand rueckte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der Aeltere machte
nochmals ein paar Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen Naehe streckte
er sich vor, um das letzte Stueck Weg zu ersparen, und sah mich boese an.
"Es ist nicht noetig", sagte er, "das heisst, ich meine, es ist vielleicht
besser, wenn Sie... "

Er kam mir vernachlaessigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und
eiligen Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, dass ich
mich schon wieder verneigte.

"Danke", sagte ich knapp. "Ich werde nicht stoeren."

Ich wusste, dass ich dieses ertragen wuerde und dass kein Grund da war, sich
dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen muessen. Das war
vielleicht der Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie es
ist, wenn jemand durch die Brust gestochen wird. Es schien mir in der
Ordnung, eine so merkwuerdige Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie sich
zwanglos und unbedingt einstellte. An Enttaeuschungen glaubte ich damals
eigentlich schon nicht mehr; also war nichts zu befuerchten.

Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das
Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt,
die sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man ueber sie weg und
merkt nicht, dass sie fehlen, schnell wie man ist. Die Wirklichkeiten aber
sind langsam und unbeschreiblich ausfuehrlich.

Wer haette zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die breite,
hohe Brust blossgelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon die Stelle
heraus, um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte Instrument
drang nicht ein. Ich hatte das Gefuehl, als waere ploetzlich alle Zeit fort
aus dem Zimmer. Wir befanden uns wie in einem Bilde. Aber dann stuerzte
die Zeit nach mit einem kleinen, gleitenden Geraeusch, und es war mehr da,
als verbraucht wurde. Auf einmal klopfte es irgendwo. Ich hatte noch nie
so klopfen hoeren: ein warmes, verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein
Gehoer gab es weiter, und ich sah zugleich, dass der Arzt auf Grund gestossen
war. Aber es dauerte eine Weile, bevor die beiden Eindruecke in mir
zusammenkamen. So, so, dachte ich, nun ist es also durch. Das Klopfen
war, was das Tempo betrifft, beinah schadenfroh.

Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er war
voellig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der gleich
weiter musste. Es war keine Spur von Genuss oder Genugtuung dabei. Nur an
seiner linken Schlaefe hatten sich ein paar Haare aufgestellt aus
irgendeinem alten Instinkt. Er zog das Instrument vorsichtig zurueck, und
es war etwas wie ein Mund da, aus dem zweimal hintereinander Blut austrat,
als sagte er etwas Zweisilbiges. Der junge, blonde Arzt nahm es schnell
mit einer eleganten Bewegung in seine Watte auf. Und nun blieb die Wunde
ruhig, wie ein geschlossenes Auge.

Es ist anzunehmen, dass ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal recht
bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein zu finden.
Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und das weisse Band
lag darueber wie vorher. Aber nun war der Jaegermeister tot, und nicht er
allein. Nun war das Herz durchbohrt, unser Herz, das Herz unseres
Geschlechts. Nun war es vorbei. Das war also das Helmzerbrechen: "Heute
Brigge und nimmermehr", sagte etwas in mir.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15
Copyright (c) 2007. fullstories.net. All rights reserved.